TV-Kritik

«Rundschau» und die Gunst der Stunde

Polit-Magazin mit Sandro Brotz und Nicole Frank statt Mittwoch-Quiz mit Roman Kilchsperger: Die «Rundschau» beginnt jetzt schon nach «Tagesschau» und «Meteo» um 20.05 Uhr (persoenlich.com berichtete). Der frühere Sendetermin ist für die Sendung eine beträchtliche Chance, mehr Zuschauer zu gewinnen. Fussball tut als Konkurrenz auch nicht mehr weh: Die Champions-League-Spiele werden neu erst um 21 Uhr angepfiffen.

Was bedeutet der Top-Sendeplatz inhaltlich für die «Rundschau»-Redaktion? Nach der meist geballten Ladung an Information durch die «Tagesschau» ist es wenig ratsam, wenn das Magazin mit einer vertiefenden Polit-Analyse eröffnet. Vielmehr empfiehlt sich der Versuch, die Sendung mit längeren, bildstarken, emotionalen Reportagen oder exklusiven und überraschenden Geschichten zu beginnen. Damit können mehr Zuschauer über den Wegzapp-Zeitpunkt um 20.15 Uhr «gerettet» werden. 

In der ersten Sendung mit neuem Sendetermin wurde dies mit einer Reportage über umstrittene, aber von höchster Stelle abgesegnete Ermittlungen zu einer Kindstötung im Kanton Solothurn gewagt. Die Ermittler verwanzten die Wohnung der Eltern bis ins Schlafzimmer und schleusten mehrere verdeckte Ermittler in das Leben der Familie ein. Die junge Mutter ist überzeugt, dass ihr Baby an plötzlichem Kindstod starb. Mehrere Rippenbrüche konnte sie sich nicht erklären. Das Verfahren gegen die Frau wurde inzwischen eingestellt, der Vater des Kindes ist aktuell wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt. Als Zuschauer blieb ich ratlos zurück. Der Beitrag hat mich zu wenig überzeugt. Ich meine halt: Zur Aufklärung von Kindstötung und -misshandlung muss vieles möglich sein.

Der heisse Sommer, verdorrte Weiden, die SVP im Klima-Dilemma – das war das zweite Thema des Magazins. Dazu hatte die «Rundschau» den Berner Landwirt und SVP-Landwirt Andreas Aebi auf seinem Hof besucht. Aebi tönte in mancher Hinsicht wie ein Grüner. Lockerer über den Klimawandel denkt sein Parteikollege Marcel Dettling von der SVP-Parteileitung. Der Schwyzer kam (zu) gut davon als Studiogast an der Theke bei Nicole Frank. Diese führte ein schwaches Interview. Sandro Brotz macht es besser. Übrigens auch als Moderator.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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KOMMENTARE

Sam Bischof
23.08.2018 17:40 Uhr
Ist der 20-Uhr-Termin ein Top-Sendeplatz für die Rundschau? Nun, die nackten Quoten werden wohl recht haben, und es ist wohl gemäss gemessenen Zahlen so. Solange «Bettlägerige, Bewohner von Seniorenheimen, Insassen von Gefängnissen, wenige weitere tapfere Betrachter» und Herr Hildbrand zugeschaltet haben, wird es auch so bleiben. Das ist nachvollziehbar. TV war schon immer ein Medium für die Alten. Meine Nachbarin im Haus, die leider nicht mehr gut zu Fuss ist und deshalb einen Rollator hat, schaut schon um morgens 10 Uhr TV-Soaps auf deutschen Privatsendern. Und das bis spät in den Abend nonstop. So hat sie ein Fenster ins «Leben» und in die Welt. Das ist schön. Für mich ist der neue Rundschau-Termin jedoch saublöd. Als mitten im Berufsleben stehender Mittdreissiger hab ich kaum eine Chance, nach meiner Arbeit und dem Pendeln und dem Nachtessen punkt 20 Uhr schon vor dem TV-Gerät zu sitzen. Der 20-Uhr-50-Termin war für mich viel besser, denn dann fängt bei mir - so denn ich TV in Echtzeit gucke - der TV-Abend an. Das wird wohl für manch eine/r auch der Fall sein, die/der nicht bettlägrig ist, und 100-Prozent arbeitet. Mir bleibt somit nur die Rundschau-Rezeption per Mediathek übrig, was ich bestimmt auch tun werde, und was ja auch ein paar Vorteile bietet: Ich werde mir nur denjenigen Beitrag angucken, der mich interessiert, kann also herauspicken, den Rest muss ich nicht anschauen. Ausserden werde ich nicht von Werbung belästigt (meistens sitzt man schon 2 bis 3 Minuten vor dem TV, bevor es los geht). Was ich aber hoffe: Dass die Rundschau trotzdem das bleibt, was sie war. Inhaltlich darf sie sich absolut nicht ändern, und sie soll weiterhin in der Tiefe recherchieren, und aus der Tiefe heraus informieren. Bissig, herausfordernd, hartnäckig. Trotz Tagesschau davor. Nur weil ein paar Senioren nach der Tagesschau sich lieber Shows und, ja natürlich einige auch «Stars» wünschen, darf sich die Rundschau nicht verändern. Ich hoffe sehr, dass die TV-Verantwortlichen besser Bescheid wissen als die TV-Kritiker, dass nicht nur Bettlägrige und Senioren, sondern auch junge, digital affine Zuschauer gerne die Rundschau schauen. Und eben ein wenig ein anderes TV-Verhalten an den Tag legen. Die Rundschau finde ich wirklich eine sehenswerte Sendung von SRF, ich kenne sie, seit ich TV schaue, bin mit ihr aufgewachsen. Sie ist für mich DAS Polit-Magazin in der Schweiz. Eine Sendung von Kilchsperger habe ich hingegen nur einmal im Leben angeschaut. Nicht nur deshalb, weil ich um 20 Uhr kaum zum TV-gucken komme, sondern weil ich mir das nicht antun wollte.
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