TV-Kritik

Wie ein Gamesüchtiger sein Leben verzockt

Das Zocken wurde für einen inzwischen 30-jährigen Solothurner zum einzigen Lebensinhalt. Über viele Jahre hatte sich Liby L. fast vollständig abgekapselt und bis zu 20 Stunden täglich in einer abgedunkelten Mansarde vor dem Bildschirm verbracht. Seine Faszination für Computerspiele wurde zu einer folgenschweren Sucht. Gamen bestimmte seinen Alltag so sehr, dass alle anderen Aktivitäten und Interessen verdrängt wurden. Immerhin schaffte er es irgendwie, seine Lehre als Lebensmitteltechniker abzuschliessen.

Liby wog nach einigen Jahren Spielsucht über 150 Kilo, drohte immer wieder zu kollabieren. Menschliche Fähigkeiten verkümmerten, er konnte kaum noch normal sprechen. Er hatte sich nicht mehr bewegt und nicht mehr gepflegt. Er verwahrloste, hat nur noch noch existiert. Sozial war er auf der Stufe eines überforderten Kindes stehengeblieben. Liby: «Als ich anfing zu gamen, blieb meine soziale und emotionale Entwicklung stehen.«

In der Familie gab es heftige Konflikte, seine Eltern und Geschwister wurden zu seinen Gegnern. Mit Androhung von Waffengewalt warf ihn sein Vater aus dem Haus. Nachdem Liby als Zeuge eines schweren Unfalls an einer Viehschau seine eigene Gefühlslosigkeit registriert hatte, kam er sich selbst fremd vor. Die TV-Dokumentation von Sören Senn zeigt eindrücklich, welch dornenvoller Weg der Gamesüchtige danach zu begehen hatte. Nach dem ersten Aufenthalt in einer Entzugsklinik bekam Liby dank dem «Projekt Alp» einen Platz bei einer sechsköpfigen Bauernfamilie im Berner Oberland.

Die gütige Familie Reusser hatte ihn aufgenommen. Weg von Onlinegeräten musste Liby auf dem Hof anpacken. Im Film spricht Landwirtin und Gastmutter Sandra. Eine bodenständige, aufgeschlosssene Frau. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern versuchte sie alles, Liby das zu bieten, was ihm vorher gefehlt hatte. Obschon ein Apfelbaum nicht in drei Tagen wächst, hat auch die Geduld der Reussers ihre Grenzen. Der Gast stellte sich als Beschöniger heraus. Immer das sagen, was die Menschen gerade von ihm erwarten, ist seine Stärke. Pro forma gibt er sich immer einsichtig. Als Zuschauer möchte man den Protagonisten mal in den Arm nehmen, dann auch mal schütteln.

Liby kaufte sich auf Pump ein leistungsstarkes Handy – und gamte im Geheimen. Er belog seine Gastfamilie immer häufiger und klaute ihre Wurstwaren, die für den Verkauf bestimmt waren. Am Schluss des Films weist er sich telefonisch für einen stationären Aufenthalt in eine Suchtklinik ein. Game over? Oder wird er es doch noch schaffen? SRF bringt hoffentlich in zwei, drei Jahren eine Fortsetzung dieser trostlosen Geschichte.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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