08.04.2019

Familie und Karriere

«Das ist kein gepimptes Home Office»

Noch wenige Wochen ist Diana Wick bei der Zürcher Agentur Serviceplan. Dann lanciert sie als eine von vier Co-Initiantinnen den ersten grossen Coworking Space mit Kinderbetreuung der Schweiz. Ein Gespräch über unflexible Strukturen und die Werbebranche als «Vereinbarkeitswüste».
Familie und Karriere: «Das ist kein gepimptes Home Office»
Diana Wick arbeitet seit 20 Jahren lang in der Werbebranche. Ab Juni widmet sie sich zusammen mit ihren Geschäftspartnerinnen ganz dem Projekt Coworking Space. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Frau Wick, unten spielen oder schreien die Kinder und oben arbeiten die Eltern – oder wie muss man sich Ihren Coworking Space mit Kinderbetreuung vorstellen?
Es geht in unserem Projekt zwar klar um eine bessere Vereinbarkeit. Die beiden Räume, also der Working Space und der Kids Space, sind jedoch klar voneinander getrennt. Genau weil wir ja kein gepimptes Home Office anbieten wollen, sondern einen professionellen Arbeitsplatz – und eine professionelle Kinderbetreuung. Es wird keine Rutschbahn im Working Space geben und keine Laptops im Kids Space.

Es gibt bereits so viele Krippen, Horte, Tagesmütter, Fitnesscenter mit Kinderbetreuung usw. Warum reicht das alles nicht?
Die hiesigen Krippen sind meist unflexibel mit ihren Betreuungstagen. Habe ich beispielsweise am Mittwoch einen Abgabetermin, meine Betreuungstage sind jedoch Donnerstag und Freitag – dann nützt mir das herzlich wenig. Horte nehmen keine nicht schulpflichtigen Kinder, gute Tagesmütter sind sehr schwer zu finden und möchten meist auch fixe Tage für die Betreuung. Und wer bitteschön möchte im Fitnesscenter arbeiten? Also ich nicht. Fakt ist: Nicht nur uns Initiantinnen fehlt ein flexibles Angebot, sondern vielen, vielen anderen Eltern – das kam aus unserer Umfrage mit über 400 Eltern klar heraus. Mehr Flexibilität wird gewünscht.

Mangelnde Flexibilität ist also das Problem.
Ja. All die bisher verfügbaren Betreuungsangebote lösen mein Problem nicht, wenn ich einen Job habe, der unberechenbar ist. Aber auch für andere Jobs hilft unser Angebot, denn unser Arbeits- und Betreuungsmodell sorgt vor allem für eines: für Stressreduktion. Es ist einfacher, das Kind ohne Stress im Kids Space abzugeben, weil man danach eben nicht auf den Zug rennen muss. Und dann kann man rüberzugehen in den Work Space, um mit der Arbeit zu beginnen. Auch den Tag durch bin ich flexibler. Ich kann, sobald ich meine Arbeit beendet habe, mein Kind abholen und mit ihm eventuell noch etwas auf den nahegelegenen Spielplatz spielen. Oder mit ihm noch beim Basteln helfen im Kids Space.

«Die Schweiz hat vergleichsweise lange Präsenzzeiten»

Sie schreiben auf der Website, die Schweiz sei eine «Vereinbarkeitswüste». Wie haben Sie persönlich diese «Wüste» in Ihrem eigenen Berufsleben erlebt?
Ich bin mittlerweile – wie jede andere Mutter und jeder andere Vater mit Kleinkindern – ein Organisationsprofi. Und ich habe in dreierlei Hinsichten Glück: Ich habe erstens einen Mann mit einem sehr flexiblen Arbeitgeber. Hatte ich Deadlines oder musste unvorhergesehen arbeiten, tauschten mein Mann und ich die Tage. Das kam oft vor. Zweitens hüten für ebensolche Notfälle oft auch Grossmama und Grosspapa. Drittens hatte ich mit Serviceplan Suisse einen Arbeitgeber, der Verständnis hatte, wenn es mal nicht ging mit der Verschieberei. Drei Dinge, auf die nicht jede Familie zurückgreifen kann. Und genau dann wird es schwierig.

Ist die Werbebranche besonders «vereinbarkeitsfeindlich»?
Schauen Sie mal in die Agenturen rein und zählen Sie die Mütter oder teilzeitarbeitenden Väter. Das spricht Bände. Sagen wir es so: Die Branche gilt als sehr innovativ. In dieser Hinsicht ist sie es definitiv nicht. Da sind andere Branchen schon viel weiter etwa mit flexiblen Arbeitsmodellen oder Home Office. Aber wir jammern nicht, sondern tun etwas. Wir bieten eine Lösung, die auch Unternehmen hilft. So kann mit einem Corporate-Abo am Montag Mitarbeiterin A mit ihrem sechsmonatigen Sohn, den sie noch stillt, den Space nutzen. Am Dienstag und Mittwoch Mitarbeiter B mit seiner Tochter und am Freitag muss Mitarbeiterin C einen Arbeitsplatz für eine kurzfristige Telefonkonferenz haben.

Wie kann Ihr Coworking Space der Wirtschaft helfen «umzudenken», wie Sie es fordern?
Das Ziel kann nicht sein, dass wir alle – also Mütter und Väter – 100 Prozent arbeiten und unsere Kinder fünf Tage die Woche fremdbetreuen lassen. Vielmehr sollte auf lange Sicht Teilzeit mehr gefördert werden. Ganz besonders auch für Männer. Zudem gehört die Schweiz zu den Ländern mit den längsten Präsenzzeiten. Das ist auch nicht sehr familienfreundlich.

«Wir werden die Abos so flexibel wie möglich gestalten»

Was braucht es denn?
Flexible Arbeitszeiten, ein inspirierendes Arbeitsumfeld und Home Office werden für viele Mitarbeitende wichtiger als der Lohn. Die Familienstrukturen haben sich verändert – die Unternehmensstrukturen vielerorts noch nicht. Dies führt auf lange Sicht zu einem Gap und dazu, dass es noch schwieriger wird, talentierte Leute festanzustellen. Besonders in der Kommunikationsbranche ist dies mittlerweile ein Problem. Viele Kreative wollen sich nicht mehr fest anstellen lassen. Die Bedingungen sind für sie zu wenig sexy, zu wenig gut. Mit so einem Angebot kann man sich als Arbeitgeber hier wieder ins Spiel bringen.

 

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Wo genau in Zürich wollen Sie den Coworking Space aufbauen?

In Zürich-Albisrieden, wo viele Firmen und viele Familien zu Hause sind. Es wird darüber hinaus weitere Spaces geben. Wir wollen ja nicht nur 30 Eltern in Sachen besserer Vereinbarkeit helfen, sondern vielen mehr. Auch über die Stadtgrenze hinaus.

Per wann wollen Sie öffnen?
Im Spätsommer 2019 werden wir unsere Türen öffnen.

Wie, mit welchen Mietdauern, wird sich wer dort einmieten können?
Wir werden unsere Abos so flexibel wie möglich gestalten. Man wird Abos zu verschiedenen Pensen – also von 20 bis 100 Prozent – lösen können. Oder aber auch einfach mal nur einen halben Tag oder ein paar Stunden bei uns einchecken.

Wie teuer ist ein halber Tag?
Die Preise sind noch nicht ganz fix bestimmt. Sie sind aber im gleichen Rahmen wie die Kosten für einen Platz in einer privaten Kita in der Stadt Zürich. Bei uns kann man aber zum selben Preis auch noch arbeiten.

«Für Firmen bieten wir spannende Corporate-Packages an»

Was für Kundschaft wünschen Sie sich?
Unsere Zielgruppe sind primär Eltern mit noch nicht schulpflichtigen Kindern. Aber natürlich sind auch Coworker ohne Kinder bei uns herzlich willkommen. Also Selbständige, Freelancer, Start-ups, Kreative, Künstler, digitale Nomaden. Jene mit Kind, jene ohne Kind oder eben vielleicht noch ohne Kind. Zudem sind bereits viele Firmen auf uns aufmerksam geworden und haben nebst den gängigen Vorteilen von Coworking für ihre Mitarbeitenden natürlich auch realisiert, dass sie so ihren Eltern auch etwas Flexibilität ermöglichen, es ihnen etwas einfacher machen können. Für Unternehmen bieten wir spannende Corporate-Packages an.



Warum brauchen Sie ausgerechnet 70'000 Franken?
Wir haben den Space, konkreter die Miete, die Einrichtung, IT, Webseite, die Löhne und alles, was anfällt, mit privaten Investoren finanziert. Nun brauchen wir noch einen Batzen, um aus unserem Kids Space einen Ort zu machen, an dem sich die Kinder wohl fühlen. Und an dem es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Es fehlen noch einige selbstdesignte und handgeschreinerte Möbel, wir werden einen Spielplatz bauen, wir brauchen Bettchen und müssen einen Waschraum installieren – alles Dinge, die sehr viel Geld kosten. Für diese letzte Finanzierungsmeile haben wir nun eine Crowdfunding-Kampagne auf tadah.wemakeit.com lanciert. Der Start der Kampagne war fulminant: Wir haben nach nur einem Tag bereits 30 Prozent der Gesamtsumme erreicht – man sieht also: das Thema brennt den Leuten unter den Nägeln.

Wann wird Ihr Unternehmen rentabel sein können?
Ab Monat elf sollten wir schwarze Zahlen schreiben können.

«Wir wollen so nah wie möglich an ein Kita-Konzept»

Für Mütter und Väter ist es doch absolut zentral, dass Qualität und Konstanz beim Betreuungspersonal gewährleistet sind. Wie stellen Sie sicher, dass Sie fähig sein werden, sehr gutes Betreuungspersonal zu finden, dieses zu finanzieren und längerfristig zu halten?
Wir müssen keine Kindertagesstätten-Auflagen erfüllen, da die Eltern unter demselben Dach arbeiten, wie ihre Kinder betreut werden. Dennoch werden wir so nah wie möglich an ein Kita-Konzept gehen – ausser, dass wir eben flexiblere Betreuungsmöglichkeiten anbieten werden. Heisst: Unsere Betreuerinnen und Betreuer sind pädagogisch ausgebildet. Sie sind mit dem hiesigen Kita-Alltag vertraut. Wir werden Springer haben, Studenten wie auch Grosseltern, die aushelfen, wenn Peaks sind.

Das muss gut organisiert sein.
In Sachen Personal werden wir mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert sein, wie alle anderen Kita auch: Gutes Personal zu finden ist schwer, es zu halten ebenso. Aber unser neues Konzept stösst auch auf Seiten Personal auf viel Resonanz. Wir haben irrsinnig viele Bewerbungen bekommen und führen momentan viele Gespräche. Es kommt gut.

Was für ein Betreuungskonzept konkret schwebt Ihnen vor?
Das Tadah-Betreuungskonzept. Dies ist eine Mischung aus gesundem Menschenverstand, viel Kreativität, pädagogischen Zielen und Grundsätzen sowie einer liebevollen und professionellen Betreuung. Unser Betriebskonzept lehnt sich stark an den Leitfaden der Kibesuisse.

 


 

Diana Wick war zehn Jahre lang bei SFLB und Leo Burnett in Zürich Wiedikon Texterin und Creative Director. Danach übernahm die heute 41-Jährige gemeinsam mit Pam Hügli die Geschäftsleitung für den Leo-Burnett-Ableger Alpha 245. Gemeinsam mit Hügli wechselte sie 2015 zu Serviceplan Suisse, wo sie noch bis Ende Mai als Texterin/Konzepterin/Creative Plannerin tätig ist.

 



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Kommentare

  • Mica Vero, 08.04.2019 08:54 Uhr
    Gute Idee. Aber was ist so schlimm daran in einem Fitnesscenter zu arbeiten?

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