07.09.2015

Erfolgreiche Frauen

"Wir fragen uns, ob die Zukunft der Arbeitswelt in 100-Prozent-Stellen liegt"

Petra Dreyfus spricht im Interview mit persoenlich.com über den Einfluss von Werbung auf das gesellschaftliche Rollenbild von Männer und Frauen.
Erfolgreiche Frauen: "Wir fragen uns, ob die Zukunft der Arbeitswelt in 100-Prozent-Stellen liegt"

Frau Dreyfus, Sie sind seit über zehn Jahren in der Werbung tätig. Was denken Sie: Kann Werbung dazu führen, dass sich gängige Rollenbilder von Männern und Frauen verändern?
Meiner Erfahrung nach ist Werbung eher reaktiv. Werbung ist mehr Spiegel gesellschaftlicher Diskussionen, als dass sie die öffentliche Wahrnehmung aktiv verändern. Trotzdem tragen wir Mitverantwortung, prägen wir durch unsere Kampagnen doch das öffentliche Meinungsbild mit.

Ist das Ankämpfen gegen solche Schemen bei Wirz ein Thema, etwa wenn es um die Frage geht, ob auf einem Plakat eine Frau oder ein Mann den Staubsauger schiebt?
Pro Jahr erarbeiten wir für bekannte Marken einige grosse Kampagnen, die von vielen Menschen auf allen Kanälen gesehen werden. Und die die Menschen natürlich beeinflussen. So wollen wir als Wirz alte Rollenbilder sicher nicht zementieren. Dann gibt es Kunden, die sich aktiv in diesem Thema engagieren wie Ikea zum Beispiel. Das Unternehmen ist extrem auf Gleichheit bedacht. Seine Werte basieren auf den Gegebenheiten in Schweden, es ist daher bestrebt, in der Schweiz den Wandel in diese Richtung voranzutreiben. Somit sind unsere Ikea-Sujets häufig einen Schritt weiter als die gesellschaftliche Realität in der Schweiz es ist. 

Sie meinen die aktuellen Sujets über den Kochalltag?
Ja genau. Allerdings gibt es auch Grenzen. Wir missionieren nicht. Wir nehmen jetzt zum Beispiel für einen Film für die Suva nicht einfach alles Frauen als Kranführer oder Bauarbeiter, wenn es der Realität nun mal nicht entspricht, das wäre komisch.

Sie leiten mittlerweile die Beratung von Wirz Werbung und sind in der Geschäftsleitung. Welche Themen sind derzeit besonders wichtig?
Mich beschäftigen grob gesagt drei Felder: Erstens das Tagesgeschäft, weil wir von der Wirz GL bei Kundenprojekten immer auch aktiv involviert sind. Darauf legen wir grossen Wert. Das zweite Thema betrifft die Führung. Hier beschäftigt uns die Frage, wie wir die Agentur fit halten können. Wir wollen einen guten Arbeitsplatz bieten. Da Kreativität unser Kerngeschäft ist, müssen wir uns immer wieder überlegen, wie auch das Umfeld in der Agentur inspirierend sein kann. Unsere Mitarbeiter sollen sich wohl fühlen, gerne hier arbeiten und ihre Fähigkeiten ausleben können. Diese Überlegungen dürfen neben dem Alltagsgeschäft keineswegs untergehen, obwohl im überfrachteten Alltag natürlich die Gefahr dazu besteht.

Und sonst?
Zudem, und das wäre dann das dritte und nicht minder wichtige Feld, müssen wir uns überlegen, wo unsere Agentur sich hinbewegen soll. In diesem Zusammenhang stehen dann Fragen wie: Wohin geht die Kommunikation? Was sind die Rahmenbedingungen, die wir erfüllen müssen, damit zeitgemässe, innovative Ideen entstehen können?

Und wo sehen Sie die Zukunft der Agentur?
Unsere Branche ist in einem grossen Wandel. Um über den kleinen Schweizer Tellerrand hinauszusehen, stehen wir im regen Austausch mit Branchengrössen aus aller Welt. Das ist sehr inspirierend und wichtig für uns. Zum Teil fühlt es sich an wie ein Blick in die Nahe Zukunft. Bedingt durch die Grösse der anderen Märkte sind die Strukturveränderungen innerhalb jener Agenturen häufig schon weiter fortgeschritten. Daraus lernen wir. Zum Beispiel setzen wir anders als noch vor einigen Jahren nicht mehr auf die Strategie allumfassend Kompetenzen inhouse zu haben, sondern auf qualitativ hochstehende Partnerschaften.

Wirz soll ein guter Arbeitsplatz sein, sagten Sie. Wie geht das?
Die Werte in Bezug auf die Arbeit haben sich stark gewandelt. Noch vor sieben oder acht Jahren konnte man Junge motivieren, indem man ihnen einen klaren Karriereplan vorlegte und Salär-Erhöhungen in Aussicht stellte. Das fanden die Mitarbeiter damals super. Heute finden das immer noch einige toll, klar, aber viele denken anders. Sie sind freier, selbstbestimmter irgendwie. Sie überlegen sich viel mehr, was sie in ihrem Leben wirklich glücklich macht und dabei spielen monetäre und karrierebedingte Anreize nicht immer eine Hauptrolle. Ihnen ist nicht primär nur die Karriere wichtig, sondern sie wollen vielleicht lieber nur 80 Prozent arbeiten, damit sie Zeit für sich haben. Das sind für uns grosse Herausforderungen, denn wir wollen diese guten Leute ja behalten und sie fördern.

Ihnen selber scheint es zu gefallen bei Wirz. Wie haben Sie den Sprung in die Geschäftsleitung geschafft?
(lacht) Das können Aussenstehende wahrscheinlich besser beurteilen. Ich startete zuerst als Beratungsgruppenleiterin und interessierte mich schon damals, darüber hinaus mehr bewegen zu können. Immer wieder fiel mir auf, wenn Dinge nicht gut funktionierten und ich stiess interne Projekte an. Ich hielt mich nie so genau an meinen Funktionsbeschrieb, sondern machte, was ich für wichtig hielt. Für eine Geschäftsleitungsposition ist – neben langjähriger Erfahrung und Know-how – wichtig, nie zu ruhen, sondern immer wachsam zu bleiben.

War es nötig, dass Sie intern Ihre Leistungen hervorhoben und Interesse an Leitungsfunktionen anmeldeten?
Das Schöne in Agenturen generell und vielleicht bei Wirz insbesondere ist ja, dass die tatsächlich erbrachte Leistung im Vordergrund steht. Sie ist sofort sicht- und messbar. Am Erfolg des 'Endproduktes' und an der Zufriedenheit der Kunden. Das ist, was bei uns absolut im Vordergrund steht. Politische Emails schreiben mit fünfzehn CC-Empfängern bringen einem da nicht weiter (lacht). Doch klar, es ist naiv zu glauben, dass man einfach nur gut arbeiten muss und somit schon gesehen und gefördert wird. Natürlich muss man sein Interesse anmelden und mitteilen, wenn man sich in einer bestimmten Position sehen würde. Gerade Frauen machen das wahrscheinlich weniger als es Männer tun.

Warum sind Sie bei Wirz die einzige Frau in der GL?
Generell ist das Geschlechterverhältnis bei uns ziemlich ausgeglichen. Positiv gesehen – bei uns ist immerhin eine Frau in der GL, bei den meisten finden sie keine. Doch Sie haben Recht: das ist nicht zeitgemäss und müsste sich ändern.

Und jetzt nochmals eine Frage, die jeweils nur Frauen gestellt wird: Wie schaffen Sie es, gleichzeitig zu Ihrer Führungsverantwortung eine Familie mit zwei Kindern zu haben?
(lacht). Ja, dass diese Frage nur Frauen gestellt wird, ist schon verrückt. Aber ja: (lange Pause) Wir von Wirz fragen uns, ob die Zukunft der Arbeitswelt wirklich in 100-Prozent-Stellen liegt. Unglaublich viele Mitarbeitende wollen reduziert arbeiten und zwar nicht nur weil sie Kinder haben oder wenig ehrgeizig sind: Sie wollen mehr Zeit für sich, fürs Töff fahren oder zum Sport zum Beispiel. Wirz vertritt die Haltung, dass es möglich sein muss, 80 oder 90 Prozent zu arbeiten – in jeder Stelle. Ich selber und auch unser Kreativchef leben das vor, obwohl wir hierbei auch sehr flexibel sein müssen. Wenn eine grosse Präsentation ansteht, kann ich natürlich nicht fehlen, sondern muss es einrichten, dass ich anwesend sein kann, auch wenn ich an diesem Wochentag normalerweise frei hätte.

Haben Sie während den letzten zehn Jahren immer gearbeitet?
Ich habe rund zwei Jahre ausgesetzt als meine Kinder auf die Welt kamen. Dann habe ich relativ rasch wieder zu arbeiten begonnen, jedoch nicht mehr Vollzeit. Ich habe mit 70 Prozent angefangen und dann schnell auf 80 Prozent aufgestockt. Von der Organisation her ist das gut möglich, denn wenn auch der Ehemann 80 Prozent arbeitet, kann man das Familienleben gut organisieren.

Sie spielen gerne Tennis, im gleichen Club wie Roger Federer.
(lacht). Ja, leider nur gerne und nicht gut. Am Club kann es nicht liegen, mir fehlt darum jegliche Entschuldigung.

Interview: Edith Hollenstein, Bild: zVg.



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