14.07.2014

Man will mich hinausekeln

Okay, okay, liebe Verlagsbosse, ich weiss um euer Leiden an einer immer komplexeren Medienwelt. Da ist es nachvollziehbar, dass ihr völlig verzweifelt im Nebel stochert. Der eine versucht sein Glück in Österreich, also bei einem Unterfangen mit einer grossen Downside und einer mikroskopischen Upside. Andere kaufen mit Unsummen Internetfirmen, die sie vor Jahren für kleines Geld selbst hätten gründen müssen.
von Roger Schawinski

Okay, okay, liebe Verlagsbosse, ich weiss um euer Leiden an einer immer komplexeren Medienwelt. Da ist es nachvollziehbar, dass ihr völlig verzweifelt im Nebel stochert. Der eine versucht sein Glück in Österreich, also bei einem Unterfangen mit einer grossen Downside und einer mikroskopischen Upside. Andere kaufen mit Unsummen Internetfirmen, die sie vor Jahren für kleines Geld selbst hätten gründen müssen. Aber nein, man wartete so lange zu, bis der Schmerz des Nichtbesitzens so unendlich gross war, dass man bereit war, jeden Betrag hinzulegen, um nicht auch den allerletzten Zug zu verpassen.

Aber völlig verwirrt bin ich von eurer Strategie, mich als Leser gezielt hinauszuekeln. Während Jahrzehnten war es eure erste und wichtigste Aufgabe gewesen, neue Abonnenten zu gewinnen. Heute seid ihr auf dem gegenteiligen Trip. Ihr tut alles, um die Werthaltigkeit eurer Bezahlzeitungen zu torpedieren, indem ihr eure journalistischen Perlen nicht nur kostenfrei ins Netz stellt, sondern dies auch meist viele Stunden, bevor ich am Morgen zum Briefkasten wandle, dort klaube ich mir eure druckfrischen Produkte heraus, um dann beim Morgenkaffee zu meinem grossen Missfallen so vieles vorzufinden, das ihr mir bereits am Vorabend gratis im Netz serviert habt.

Einen besonders aggressiven Kurs fährt der "Tages-Anzeiger". Nicht nur die Newsmeldungen werden vorab angeliefert, sondern auch viele der exklusiven Eigengeschichten. Und die, die es nicht bereits am Tag zuvor ins Netz geschafft haben, werden wenig später grosszügig nachgeliefert. Da eure neue Bezahlschranke locker zu umschiffen ist, zögerte ich erstmals beim Eintreffen eurer jüngsten Rechnung für ein Jahresabonnement.

Ich fühlte mich irgendwie beleidigt, weil man meine jahrzehntelange Gewohnheit und meine Trägheit offenbar schamlos ausnützen will, um mir ein Produkt teuer zu verkaufen, in dem bloss noch ein überschaubarer Mehrwert steckt. Etwas zurückhaltender geht man beim "Blick" vor. Auch dort findet man die Exklusivstorys im Netz, aber seltener als Vorabmeldungen. Zu den wesentlichen Inhalten gelangt man online aber praktisch immer, weil man im Gesamten so wenig wirklich Einmaliges anzubieten hat. Ähnlich verfährt auch die NZZ.

Es erscheint immer deutlicher, dass ihr aus Angst vor dem Tod der gedruckten Zeitung bewusst Selbstmord betreibt, nicht weil ihr dies wollt, sondern weil euch schlicht die Ideen und Rezepte ausgegangen sind. Dass ihr dabei das Kulturgut Zeitung auf schändliche Weise aktiv beschädigt, betrübt mich als eingefleischten Papierleser aufs Äussserste. Ich wünschte mir, dass die folgenden Generationen nicht ihr ganzes Leben am Handheld verbringen werden, sondern auch andere Formen der Informationsvermittlung nutzen. Mit eurer Strategie unterlauft ihr ein solches Ansinnen jedoch. Und so stehe ich nun selbst vor der Frage, ob ich die nächsten Abonnementsrechnungen in den Orkus schmeissen soll, einfach um auch ein persönliches Zeichen zu setzen, dass ich nicht mehr bereit bin, dieses gezinkte Spiel mitzumachen. Dann werde ich am Morgen vor allem aus psychohygienischen Gründen nicht mehr zu euren Zeitungen greifen, sondern direkt mein iPad aufstarten.

Ich weiss, dass ihr dies schulterklopfend als weiteren Beweis deuten werdet, dass ihr mit eurem uninspirierten Konzept eben doch richtig gelegen seid. Obwohl dies natürlich nicht im Entferntesten stimmt.



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