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Das 450-Millionen-Missverständnis

Roger Schawinski

Die Besitzer von «20 Minuten» hatten am selben Tag im Jahr 2003 gleich zwei Termine. Am Morgen waren die Leute von Schibsted bei Ringier angemeldet, am Nachmittag bei Tamedia. Es ging um den Verkauf von 20 Prozent des noch jungen Gratisblattes und um ein Vorkaufsrecht für die restlichen 80 Prozent. Die Nordländer hatten eine klare Präferenz für Ringier, weil es atmosphärische Spannungen mit der Führungsspitze von Tamedia gab. Doch an der Dufourstrasse lief es nicht wie geplant. Ringier wollte zwar kaufen, aber den angebotenen Preis in allerletzter Minute um eine läppische halbe Million drücken. Am Nachmittag bei Tamedia fand kein solches Geschacher um Peanuts statt. Dort akzeptierte man den «asking price» ohne Diskussion und dealte nur um die weiteren Bedingungen. Zwei Jahre später sicherte man sich an der Werdstrasse die ganzen 100 Prozent von «20 Minuten». Und so kam Tamedia zu seinem Goldesel, der riesige Gewinne einfuhr und die Expansionspolitik der vergangenen 15 Jahre finanzierte. Mit dem Einsatz von insgesamt nur 100 Millionen verdiente man mit «20 Minuten» seither weit über eine halbe Milliarde.

Diese Verhandlungsstrategie von Ringier war kein Ausreisser, wie man aus Dani Rysers Köppel-Buch erfährt. Auch beim Kauf des Jean-Frey-Verlags vermasselte man mit derselben Preisdrückerstrategie eine tolle Akquisition. Matthias Hagemann forderte 75 Millionen, doch Ringier senkte das eigene Angebot kurz vor Unterschrift auf 35 Millionen. Darauf rief Hagemanns Anwalt Martin Wagner Tito Tettamanti an. Dem sagte er, Ringier würde 75 Millionen bieten, für 83 Millionen würde aber er den Verlag bekommen, worauf der Tessiner umgehend zusagte. Wagner kaufte sich für seine Kommission von 8 Millionen ein Haus in Arizona, Tettamanti gliederte die «Weltwoche» aus und verscherbelte sie für einen symbolischen Preis im tiefen einstelligen Bereich an den ideologisch gleich tickenden Köppel. Den Restverlag reichte er wenige Jahre später mit sattem Gewinn an Springer weiter.

Nach dem K. o. bei «20 Minuten» stieg Ringier doch noch, aber mit wenig Fortüne, ins Gratiszeitungsgeschäft ein. Doch «Heute» blieb blass und erfolglos. Dann hatte der neue CEO Marc Walder eine Idee: Die Abendzeitung sollte den Namen «Blick am Abend» tragen und damit beim jungen Publikum die bereits arg lädierte Marke des wichtigsten Verlagsprodukts aufwerten. Und tatsächlich, bereits zwei Jahre später näherte man sich mit der täglichen Brombeer-Wundertüte der Gewinnzone. Doch damit war man bei Ringier nicht zufrieden und trieb die sich ständig wechselnden Verlagsleiter weiter an. So erhöhte man die Inseratenpreise massiv, um die Einnahmen zu steigern. Damit verschlechterte man aber die eigene Position im direkten Leistungsvergleich mit «20 Minuten», weil viele Kunden prompt zum Branchenleader zurückwechselten. Dann schraubte man an den Kosten. Zuerst wurden die Kolporteure ersatzlos abgesetzt, dann wurde die Zahl der Boxen reduziert, daraufhin die Auflage verkleinert, und schliesslich wurden auch die Marketingausgaben weggespart. Das Resultat in einem immer schwierigeren Umfeld wurde dadurch laufend negativer, vor allem weil der «Blick am Abend» im riesigen Admeira-Angebots-Konvolut fast vollständig aus Abschied und Traktanden fiel.

Ende November wurde bekannt, dass die Printausgabe eingestellt wird (persoenlich.com berichtete). Der Schliessungsentscheid erfolgte mit dem branchenüblichen Hinweis, dass das Onlineangebot weitergeführt werde, wobei alle wissen, dass man selbst als Marktleader mit Medienprodukten im Netz kaum zählbares Geld verdienen kann. Marc Walder als Vater von «Blick am Abend» zögerte wohl auch aus persönlichen Prestigegründen viel zu lange, sich ins Unvermeidliche zu schicken, obwohl die Aussichtslosigkeit des Unterfangens seit Jahren sichtbar war, denn auch die rasante Schwindsucht bei den Kaufzeitungen «Blick» und «SonntagsBlick» konnte durch den BaA nicht spürbar abgefedert werden. Insgesamt dürften die Verluste bei «Blick am Abend» gegen 50 Millionen Franken betragen. Und so türmen sich die Ringier-Irrtümer und -Fehlentscheide bei Gratiszeitungen, zuerst bei «20 Minuten», dann bei «Blick am Abend», auf mindestens 450 Millionen Franken – und diese Zahl wird laufend grösser, weil Tamedia Jahr für Jahr weitere schöne Renditen einfährt. Wie meinte doch Michail Gorbatschow richtig: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Und dann ist gratis nicht mehr gratis.



Roger Schawinski ist Medienunternehmer. 1979 gründete er Radio 24. Heute er betreibt er Radio 1 in Zürich.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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