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Der Kampf gegen sich selbst

Etienne Wuillemin

Aus. Vorbei. Nach Hause. Wenn die WM für die Schweizer Fussballer endet, ist auch für die meisten Schweizer Journalisten das Turnier vorbei. Das gilt auch für mich. Am Donnerstag um kurz nach 15 Uhr bin ich in Zürich gelandet.

23 Tage habe ich in Doha verbracht. 23 Tage, die so intensiv sind als Journalist wie sonst keine während des Jahres. Nach mehr als drei Wochen durchgehendem Arbeiten ist die grösste Herausforderung der Kampf mit sich selbst. Je länger das Turnier dauert, desto geringer sind die Energiereserven. Was ich zu Beginn der WM noch mit stoischer Ruhe ertrage, bringt mich jetzt plötzlich auf die Palme. Ein kleines Beispiel? Zwei Tage vor dem Achtelfinal Schweiz-Portugal fahre ich ins Trainingscenter des Nati-Gegners. Es liegt knapp eine Stunde ausserhalb von Doha, mitten in der Wüste. Als ich am Abend für den Weg zurück ein Taxi bestellen möchte, muss ich feststellen: gibt es nicht hier draussen. Nach 45 Minuten des Wartens – und fehlender Hilfe der etwa 20 Securitys trotz mehrfachen Bittens – verliere ich Nerven, kicke ein Strassen-Hütchen um. Es kommt fast zum Eklat.

Was hilft? Viel Schlaf. Auch wenn das einfacher gesagt als getan ist. Schliesslich arbeiten wir in Katar rund um die Schweizer Spiele teilweise bis 5 Uhr morgens. Und: nicht zu kritisch sein mit sich selbst. Wenn ich einmal unzufrieden bin mit einem Text, nehme ich mir die Fussballerfloskel zu Herzen: vorwärts schauen. Die nächste Chance kommt sofort.

Am Tag des Achtelfinals Schweiz-Portugal gehe ich zehn Stunden vor Spielbeginn in die Wäscherei. Die gewaschenen Kleider abholen. Ich wäre bereit gewesen für Viertelfinal und Halbfinal. Nichts geworden. Dann eben an der EM 2024 in Deutschland.



In der Serie «Postkarte aus Katar» teilen verschiedene Medienschaffende ihre Eindrücke und Erlebnisse von der Fussball-WM 2022 in Katar. Etienne Wuillemin ist stv. Sport-Ressortleiter von CH Media.

Bereits erschienen sind die Beiträge von Andreas Bönistellvertretender Sportchefredaktor der Blick-Gruppe, und von Stefan Osterhaus, Sportredaktor der NZZ und NZZ am Sonntag.

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