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Der Osten machts vor

Stefan Millius

Zu sagen, Wolfgang Fellner sei ein Sympathieträger, ist eine leichte Übertreibung. Der Gründer und Herausgeber der Tageszeitung «Österreich» hat einen Hang zum Überheblichen, wirkt oft schnoddrig und herablassend. Mit Sicherheit hat er aber ein Gespür für Themen und trotz Jahrgang 1954 ein grosses Bewusstsein für digitale Medien – oder er hört einfach gut auf seine Berater.

Denn was Fellner auf verschiedenen Ausgabekanälen – im Web sowie im herkömmlichen TV – in seiner Talksendung «Fellner live» seit 2016 bietet, ist grosse Klasse. Wer hierzulande etwas über die österreichische Innenpolitik liest, kann sicher sein, dass er beim Besuch auf oe24.at bereits eine Gesprächssendung dazu finden wird. Und zwar nicht mit drittklassigen Experten, sondern mit den wirklichen Protagonisten des Geschehens. Hier geben sich Bundeskanzler, Innenminister und Oppositionschefs die Klinke in die Hand. Alle wollen zu Fellner, auch wenn sie damit rechnen müssen, sich die eine oder andere Unflätigkeit anhören zu müssen.

Wer am Stammtisch in Wien, Graz oder Gramais (41 Einwohner) mitreden will, ist gezwungen, Wolfgang Fellner oder seinem Sohn Niki Fellner, der ebenfalls moderiert, zuzuhören. In den Tagen nach der Ibiza-Affäre musste man förmlich Ferien nehmen, um am Ball zu bleiben: Eine Talksendung jagte die andere, und auch wenn keiner der Teilnehmer mehr wusste, als bekannt war, hatte man dauernd das Gefühl, tief ins Innere des Skandals zu sehen.

«Fellner live» ist schnell, aktuell und ein nie versiegender Quell an Infotainment. Selbst in Streitgesprächen ist man von A bis Z bestens unterhalten und nicht nur vom Stimmengewirr halb taub, wie es nicht selten in der «Arena» der Fall ist. Und mit welcher Souveränität alle mitmachen: Da bezeichnet ein ehemaliger Parlamentarier vom rechten Rand seinen linken Gegenspieler als «widerlichen kleinen Feigling» – und einige Tage später sitzen sich die beiden wieder gegenüber, als wäre nichts gewesen. Bei uns würde eine solche Äusserung tagelang die Zeitungen mit Empörungsschlagzeilen füllen.

Die Sendung ist im Talkbereich eine Messlatte für Blick TV, wenn es dort darum gehen soll, nicht nur nachzubeten, sondern Themen zu setzen. Es gibt nur ein Problem: In der Schweiz gibt es vielleicht drei oder vier Politiker, denen man zutraut, auch nur halbwegs so schlagfertig, witzig und angriffig zu agieren wie diejenigen in Österreich – und dabei sogar noch etwas zu sagen. Daran könnte eine Kopie beim besten Willen der Macher scheitern.



Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur Insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Der Autor vertritt ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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