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Die relative Wahrheit

Stefan Millius

Die Pendlerzeitung «20 Minuten» hat es wieder mal geschafft: Sie hat ihre Frontseite verkauft. Dank der Platzierung des Logos oben links und der Tatsache, dass die Zeitung wie immer brav in ihrer Box lag, gab es dennoch keine Verwechslungsgefahr. Und es kam ja schon das eine oder andere Mal vor.

Man muss es sich leisten können, die Titelseite der erfolgreichsten Zeitung der Schweiz zu kaufen. Die Unterstützer der «Selbstbestimmungsinitiative», kurz SBI, haben offenbar das nötige Kleingeld, um das zu tun.

Front_20Min Kopie

Viele Leserinnen und Leser fanden die ganze Aktion nicht besonders lustig, wenn man die Reaktionen in den sozialen Medien betrachtet. Kritisiert wurde vor allem, dass die sehr plakative Botschaft – bei einem Nein zur SBI könnte das Minarettverbot wieder fallen – aus Sicht von Experten inhaltlich falsch ist. Für einmal sorgte also nicht die Tatsache, dass «20 Minuten» sogar auf der Titelseite käuflich ist, für Aufruhr, sondern dass der Verlag mutmasslich einer blanken Lüge Raum gab.

Die Aufregung ist bei näherem Hinsehen absurd. Denn jede politische Werbung ist streng genommen eine Lüge – beziehungsweise eine nicht haltbare Behauptung. Immerhin sprechen wir bei Wahlen und Abstimmungen immer von der Zukunft, und die ist bekanntlich immer erst klar, wenn sie zur Vergangenheit geworden ist.

Nehmen wir eine geplante Steuererhöhung in einem Kanton. Die Gegner behaupten im Abstimmungskampf, dass danach die Unternehmen verschwinden und der Kanton noch viel weniger einnehmen wird. Die Befürworter sind der Ansicht, dass es keine Steuerflucht geben wird und der Kanton so endlich zum Geld kommt, das er braucht. Verzeihung, aber einer von beiden muss ja lügen. Wer? Das wissen wir erst einige Jahre später. Der Rest sind blanke Mutmassungen, die im Abstimmungskampf kurzerhand zu Tatsachen erhoben werden.

Im konkreten Fall rund um die SBI schob «20 Minuten» pflichtschuldig im redaktionellen Teil Einschätzungen von Experten nach, die den Wahrheitsgehalt überprüfen sollten. Es war so eine Art Wiedergutmachung. Die Frage an die Juristen war: Stimmt denn das mit dem Minarettverbot? Das Ergebnis ist wenig erhellend. Auf ein klares «Nein» folgen Begriffe wie «durchaus möglich» und «höchstwahrscheinlich nicht». Aha, danke. Jurist sollte man sein: Mehrere hundert Franken Stundenhonorar für keine Aussage.

Was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen abenteuerlichen Behauptungen auf der Webseite eines Initiativkomitees und einer gekauften Titelseite einer Zeitung? Prognosen über die Auswirkungen einer Abstimmung sind immer ein bisschen wie eine TV-Sendung von Mike Shiva. Hier wurde auf einen Schlag viel Publikum erreicht, klar. Aber die Entrüstung darüber, dass mit einer massiven – und damit vermutlich nicht völlig korrekten – Vereinfachung Stimmung gemacht wird, ist unehrlich.

Politiker lügen uns an, immer und immer wieder. Erstaunt das wirklich jemanden? Es gibt 50-jährige Verwaltungsangestellte, die uns im Wahlkampf weismachen wollen, sie seien «dynamisch» und stehen für «frischen Wind». Na und? Sollen sie doch. Wir können uns ja selbst ein Bild davon machen und sie nicht wählen.

Übrigens: Für «20 Minuten» dürfte sich das Ganze doppelt lohnen. Beim letzten Mal, als die Gratiszeitung die Titelseite an die SVP verkaufte, reagierte ein Student, sammelte via Crowdfunding über 147'000 Franken und buchte dieselbe Seite für eine Art Retourkutsche. Man darf gespannt sein, ob das dieses Mal auch der Fall sein wird. Vielleicht setzt «Operation Libero» bereits die Spendenmaschinerie in Gang für den Gegenschlag.


Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur Insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Klaus Weber, 24.11.2018 09:37 Uhr
    Das Thema Parteienfinanzierung ist aktueller denn je. Wann endlich können wir uns diesem wichtigen Thema widmen?

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