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Die Stille erfreut sich am Möwengeschrei

Manfred Klemann

Um in unserer Zeit gehört zu werden, muss man sehr laut sein. Und sehr präsent. Und sehr regelmässig. Ich besuche gerade eine Ausstellung in New York über Maximilian I., der von 1459 bis 1519 lebte und als «der letzte Ritter-Kaiser» in die Geschichte einging. Die Ausstellung im Metropolitan Museum of Art zeigt wahnwitzige Rüstungen, Schwerter und Waffen, die der schrille Maximilian aber hauptsächlich bei öffentlichen Turnieren trug; diese fanden wöchentlich in den verschiedenen Ecken seines in ganz Europa verteilten Reichs statt und kannten immer nur einen Sieger: Maximilian. «So wird man sich auch noch lange nach meinem Tod meiner erinnern», prophezeite er. Wie wahr, schliesslich erinnert sich jetzt sogar die neue Welt – zum 500. Todesjahr – des Ritter-Kaisers («The Last Knight», zu sehen bis 5. Januar 2020 im Metropolitan Museum of Art, New York). Wie rüsten wir uns für den täglichen Kampf ums kommunikative Überleben? Wenn bei unserem «mobile device» die grosse Stille eintritt, keine SMS, Instagram-, Whatsapp- und Threema-Nachrichten mehr eintreffen; wenn das Telefon monatelang stumm bleibt (es scheint ja sowieso sehr verpönt, dass man noch telefoniert mit dem Handy); wenn der E-Mail-Account nur noch aus Angeboten für Wein, Waffen und Viagra besteht? Packt da nicht jeden von uns die grosse Depression? Sind wir nicht alle wie Maximilian oder 14-jährige Mädchen süchtig nach dem Austausch mit kommunikativen Partnern, mit der uns umgebenden Welt? Wollen wir nicht alle erinnert und befragt und erkannt werden?

Bedeutung zu erlangen, ist heute – und zu Recht – nicht mehr nur der Anspruch einer kleinen adligen Elite. Bedeutung zu erlangen, ist durch und mit den digitalen Möglichkeiten ein Anspruch von jedermann geworden. Gehört werden, gesehen werden. «Be seen» ist das zentrale Thema unseres Zusammenlebens. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Körperschaften, für die Politik, für Unternehmen. Und dafür gilt es sich zu rüsten und sich in vielleicht bizarre Uniformen zu zwängen. So kommen dann die Follower und mit ihnen die Vernetzung. Warum malt ein Maler, warum singt ein Sänger, warum spielt ein Schauspieler, warum schreibt ein Schriftsteller, warum formt ein Bildhauer, warum tanzt ein Tänzer, warum kickt ein Fussballer? In der Kultur- und Künstlerstadt New York, wo man sich nicht sattsehen kann an Menschen, wird es glanzvoll klar: Die expressionistische Seite in jedem Lebewesen erlaubt es, sich zu öffnen und sich zu enttarnen. Und Erfolg hat damit nicht immer nur der Beste. Manchmal ist es auch der Lauteste, der Konsequenteste, der Hochstapler oder der Listige. Es gibt keine Siegesgewissheit in diesem Spiel der Aufmerksamkeit. Und doch, das New-York-Syndrom zeigt es: Das Schönste, das Beste, das Überraschendste gewinnt die begehrten Sinne der anderen phänomenal häufig. (Auch im Met zu sehen übrigens eine grossartige Schau des Schweizer Malers Félix Vallotton. Welche Sinneskraft, welche voyeuristische Begabung.)

Nur zeigen muss man es, sein Können, sein Wollen, seine künstlerische Seite, und dazu zähle ich auch Sport, Emotion und Beruf. Die besondere Idee, die dein Instagram-Auftritt heraushebt; das neugierige Video, der gelungene Text, vielleicht ein Podcast? Mit Freude habe ich gelesen, dass in Zürich am EWZ-Turm ein öffentliches Podcast-Studio eröffnet wurde. Seinen täglichen, wöchentlichen, gelegentlichen «Senf zur Welt» kann man hier professionell aufnehmen lassen. Eine tolle Idee, denn das gesprochene Wort – gerne auch länger – wird heute von den Rezipienten mehr denn je gesucht. Es haben sich in der Podcast-Welt richtige Stars herausgebildet, deren Lageberichte, gesprochen in Mikrofone, Tausende von Zuhörern finden. Das ist öffentliche Kommunikation in höchster Form. Jedem offen, nicht einseitig, frei zu hören – oder auch nicht. Du entscheidest. Ermuntern wir uns, in dem Gezwitscher mitzumachen. Manche meiner Freund*innen verweigern sich der öffentlichen Äusserung mit der Begründung: Ach, das interessiert doch niemanden, und wenn ich dann nur so wenige Follower habe, werde ich depressiv. Na, na, nicht gleich den Kopf in den Sand stecken, weil man klein anfangen muss. Das ging und geht doch jedem so: Wenn man sich endlich aufgerafft hat, sein Buch zu schreiben, sein Bild zu malen, sein Gedicht zu reimen, sein Lied zu komponieren: Nie wusste man und weiss man, auch heute nicht, ob es ein Massenphänomen wird. Aber heute hat jeder die Möglichkeit, es zu probieren, es frei nach aussen zu tragen. Und das will man ja: seine Kunst zeigen. Und da wirken die wirklichen Stärken der sozialen Medien: in ihrer grenzenlosen Demokratie. Dass diktatorische Systeme wie in China oder leider auch wieder in Russland alles daransetzen, den offenen sozialen Medien ihre individuellen, freien Möglichkeiten zu nehmen, zeigt die Bedeutung und die Kraft der offenen digitalen Welt. Sie wird siegen, und die Diktatoren werden sterben. Ein politischer Anachronismus wie etwa Kuba darf am Ende nicht der Sieger im Spiel um freie Äusserung sein. Martin Walser umschreibt das so: Die Stille erfreut sich am Möwengeschrei. Will sagen: Tot (die ewige Stille) sind wir lange genug. Jetzt, wo wir leben, zeigen wir auch, was wir können. Wie wir singen, malen, schreiben, klöppeln, häkeln, tanzen, spielen, lachen …; und das offen in der ganzen Welt. Veranstalten wir Turniere. Spielen wir Karten. Lassen wir die Handys klingeln und zirpen mit neuen Nachrichten. Zwitschern wir. Vertreiben wir die Stille und öffnen wir uns dem Möwengeschrei. So wie die hier in Manhattan, im Algonquin Hotel in der lauten 44. Strasse, wo die Dichter, Denker, Spieler und Fratzen von jeher ihre Heimat haben. 



Manfred Klemann ist Serial Entrepreneur und einer der Pioniere des europäischen Internets (wetter.com). Er ist mit 20 Prozent an C-Films beteiligt, welches den «Zwingli»-Film produziert hat. Zudem ist er Miteigentümer des «persönlich»-Verlags.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

  

     

 

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