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Die «Weltwoche» und die Wahl von Karin Keller-Sutter

Felix E. Müller

An der Wahlfeier der neuen Bundesrätin in St. Gallen fehlte er prominent: Toni Brunner, Nationalrat  aus dem Heimatkanton von Karin Keller-Sutter. Natürlich hatte der SVP-Politiker vordergründig eine auf den ersten Blick plausibel tönende Rechtfertigung für seine Abwesenheit in der Lokremise. Er befand sich gerade auf einer Abschiedstournee im Bundeshaus. Medienleute schrieben schöne Nachrufe auf den Politiker Brunner, der am Freitag nach 23 Jahren Tätigkeit seinen letzten Tag im Bundeshaus erlebte. Er zieht sich nun aus der Politik ins Toggenburg zurück, angewidert davon, dass – wie sein politischer Ziehvater Christoph Blocher derb sagte – in Bern jeder jeden «ficke». Ob Blocher die SVP dabei mitmeinte oder ausnahm, wäre eine interessante Zusatzfrage.

Doch selbst wenn Brunner nicht mit dem Abgesang auf seine Politikerlaufbahn beschäftigt gewesen wäre, dürfte er wohl den Weg nach St. Gallen nicht gefunden haben. Denn es war Karin Keller-Sutter, die ihm – wenn auch nur indirekt -  die bitterste Niederlage seiner Laufbahn beschert hatte. Im Herbst 2011 beabsichtigte der populäre Nationalrat und damalige Parteipräsident der SVP Schweiz, eine weitere Stufe in der politischen Karriereleiter zu erklimmen und für St. Gallen in den Ständerat einzuziehen. Allerdings meldete sich in der Person der St. Justizdirektorin eine ebenfalls im Volk gut verwurzelte Konkurrenz um die bürgerlichen Stimmen an. Keller-Sutter hatte unter anderem mit einem konsequenten Umgang mit Hooligans oder mit Asylbewerbern, aber auch mit einem schärferen Vorgehen gegen häusliche Gewalttäter Sympathien bei Frauen wie in bürgerlichen Kreisen geholt.

Offenbar befand der enge Führungszirkel der SVP anlässlich einer Strategiebesprechung in Herrliberg, man müsse Keller-Sutter deswegen so weit schwächen, dass sie am Wahltag hinter Toni Brunner über die Ziellinie laufe. Dann könne diesem nichts mehr passieren, egal, wie stark die weiteren Kandidaten aus der SP oder der CVP auch seien. Es war, wie sich zeigen sollte, ein krasser Fehlentscheid, der Toni Brunner den Ständeratssitz kostete und Karin Keller-Sutter indirekt den Weg in den Bundesrat erleichterte.

Die Umsetzung der Wahlkampfstrategie übernahm primär die «Weltwoche». Sie lancierte eine Medienkampagne gegen Keller-Sutter in einem Ausmass, die beispiellos war. Man warf ihr unter anderem Amtsmissbrauch und Begünstigung vor. In einer von gleich mehreren Titelgeschichten hiess es etwa, Keller-Sutter würde ihre Erfolge bei der Integration von Asylsuchenden übertreiben. Als Beispiel musste eine türkisch-iranische Familie herhalten – der Fall war so sehr an den Haaren herbeigezogen wie andere angebliche Missstände, welche die «Weltwoche» angeblich aufdeckte. Gegen ein Dutzend Artikel gegen die FDP-Kandidatin erschienen in kurzen Abständen, was ein unverhältnismässiges Interesse eines nationalen Zeitungstitels an einer kantonalen Wahl darstellt. Zusätzliche schaltete die «Weltwoche» noch ganzseitige Anzeigen in lokalen Medien, die auf die neusten Titelgeschichten hinwies und natürlich eine indirekte Wahlwerbung für Toni Brunner darstellten. Zur Rechtfertigung säuselte Roger Köppel, dass seine Zeitung «kristallklare Fakten» liefere: «Die Weltwoche muss solche Missstände aufdecken, ungeachtet der parteipolitischen Couleur», sagte er damals gegenüber persoenlich.com.

Doch mit jedem neuen Artikel verfestigte sich bei den St. Galler Wählern gerade der gegenteilige Eindruck, nämlich dass es sich um eine parteipolitisch motivierte Verleumdungskampagne gegen eine fähige und integre Politikerin handle. Am Wahltag erhielt Toni Brunner die Quittung für einen wahlstrategischen Fehlentscheid der Sonderklasse: Karin Keller-Sutter wurde mit einem Glanzergebnis von 101 181 Stimmen gewählt. Und auf Platz zwei schaffte es mit 54 616 Stimmen völlig überraschend der Gewerkschafter und linke Sozialdemokrat Paul Rechsteiner (SP), der Toni Brunner um 1303 Stimmen schlug. Was geschehen war, lässt sich in der Rückschau unschwer interpretieren: Die populäre Justizdirektorin erhielt viele Sympathiestimmen wegen der als völlig unfair empfundenen «Weltwoche»-Kampagne, die FDP-Wähler verweigerten aus dem gleichen Grund Toni Brunner ihre Unterstützung und schrieben in nicht geringem Mass den Namen Rechsteiner auf den Wahlzettel, um die Wahlchancen des SVP-Kandidaten zusätzlich zu mindern. Überflieger Brunner erlebte einen Crash, von dem er sich nie gänzlich erholen sollte.

Niemand ahnte damals, dass diese strategische Pleite von SVP und «Weltwoche» sich letztlich gar positiv auf die spätere Laufbahn von Keller-Sutter auswirken sollte. In den ersten Kommentaren nach der Wahl hiess es oft, die beiden neuen St. Galler Standesvertreter würden besser gleich zu Hause bleiben, als jeweils nach Bern zu fahren und dort gegenteilige Stimmen abzugeben. Doch die pragmatische Politikerin fand – eine beachtliche politische Leistung - eine funktionierende «working relation» mit Rechsteiner. Beiden St. Galler Ständeräten gelang es so immer wieder, die Interessen des Kantons wirkungsvoll zu vertreten. Als es um die Bundesratswahlen dieses Herbsts ging, gehörte deswegen Rechsteiner zu den Stimmen in der SP, die der Partei empfahlen, für Keller-Sutter zu stimmen. Diese stehe zwar klar zu ihren Mitte-rechts-Standpunkten, sei aber fähig, mit andern politischen Meinungen umzugehen und auch Kompromisse auszuhandeln.

Der Rest ist bereits Geschichte: Karin Keller-Sutter wurde glanzvoll in den Bundesrat gewählt. Dafür hat die damalige «Weltwoche»-Kampagne indirekt beigetragen, deren faktisches Opfer, Toni Brunner, mehr oder weniger gleichzeitig in Bern das Feld räumte.


Felix E. Müller war von 2002 bis zu seiner Pensionierung 2017 Chefredaktor der «NZZ am Sonntag». Er gehört der NZZ-Gruppe weiterhin als Senior Advisor an.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Maya Ziegler, 17.12.2018 17:57 Uhr
    Müllers Wahrnehmung lässt tief blicken. Sie ist ein Sammelsurium von Vermutungen und SVP-Bashing in Reinkultur.
  • Ueli Custerm, 18.12.2018 07:23 Uhr
    Müllers Kolumne ist mit sehr vielen Fakten unterlegt, die seine Schlüsse daraus sehr glaubwürdig machen. Aber klar: Aus SVP-Optik ist das sehr unangenehm. Aber im Verlieren war diese sonst so erfolgsverwöhnte Partei ja noch nie stark.
  • Philipp Landmark, 18.12.2018 14:57 Uhr
    Im Inner Circle der St.Galler SVP wusste man jeweils im voraus, was die nächste WW-Geschichte sein würde. Die völlig überdrehte Kampagne stand ohne jeden Zweifel im Zeichen des Wahlkampfs. Pikant ist, dass Brunner gegenüber dem ersten Wahlgang (wo nur KKS gewählt wurde) sogar 3000 Stimmen verlor, während Rechsteiner über 10'000 Stimmen zusätzlich holte. Wohl auch, weil der bisherige CVP-Ständerat Eugen David nach der Nicht-Bestätigung im ersten Wahlgang das Handtuch warf und das Feld dem bisher politisch nicht aktiven Michael Hüppi überliess. Da gab es tatsächlich nicht wenige Bürgerliche, die Rechsteiner wählten, um Brunner zu verhindern.
  • Heinz Kremsner, 18.12.2018 16:43 Uhr
    Sehr gut recherchierter Artikel. Danke. Es zeigt klar wes Geistes Kind die Weltwoche ist: ein Parteiblatt vom Führer von Herrliberg. Klar, nicht jedes Thema lässt sich im Sinne und Geist der Führer-Partei erzwingen. Hat auch nicht-politisches im Heft. Die mehrmonatige Lügen-Dreck-Schmutzkampagne der WW hatte Folgen. Aktuell zu der jetzigen Kandidatur hat ja die WW wieder! gegen Karin-Keller-Sutter geschrieben. WW - ein absurd hässliches Lügen-Parteiblatt.

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