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Ein mieses Stück Fertigmacher-Journalismus

Roger Schawinski

Liebe Frau Blumer

Unter dem Titel «Der Pitbull hat ausgedient» schreiben Sie, dass ich einen aggressiven Fragestil pflege. Und Sie fahren fort: «Er macht dies bei allen Gästen … Er beachtet die bewährten Regeln des Anstands nie … Kaum jemand goutiert mehr diesen Fertigmacher-Journalismus … Diese Art von Journalismus hat ausgedient.» Weil also Ihr Urteil apodiktisch ist («nie», «alle»), müssen Sie keine Beispiele anführen.

Erlauben Sie deshalb, dass ich auf die Sendungen verweise, die ich in letzter Zeit geführt habe. Chantal Galladé war sehr davon angetan, dass sie ihren Parteiwechsel in einem angeregten Gespräch begründen konnte, wie sie mir versicherte. Ein ähnliches Feedback erhielt ich von Regula Rytz, Hazel Brugger und Laura Zimmermann, das Aushängeschild von Operation Libero. Magdalena Martullo Blocher schenkte mir, hocherfreut über das Gespräch, einen Engadiner Panettone. Erich Gysling erzählte amüsante Reminiszenzen aus der frühen Fernsehzeit. Sogar mit Christoph Mörgeli, den ich als den «neuen Mörgeli» beschrieb, gab es eine ruhige, beinahe schon entspannte Diskussion. Und nach der Sendung mit Tamy Glauser wurde ich in mehreren Rezensionen gescholten, dass ich zu sanft vorgegangen sei. In einer Kritik wurde bei mir stirnerunzelnd ein «väterlicher» Stil analysiert. Ein exklusives Interview mit besonders kritischem Ansatz führte ich mit Pierre Maudet, ebenso mit Maduro-Fan Jean Ziegler. Mit Ruedi Noser und Eric Nussbaumer diskutierte ich über unterschiedliche Positionen in der Europafrage. Ausserdem gab es Expertengespräche zu den Boeing-Abstürzen und den Zürcher Wahlen. Und dann waren noch Joschka Fischer und der Filmemacher Wim Wenders meine Gäste, die ich kritisch, aber auch freundschaftlich befragte.

«Null Prozent Recherche und hundert Prozent Vorurteil»

Das heisst, liebe Frau Blumer, dass Ihr Totalverriss auf null Prozent Recherche und hundert Prozent Vorurteil beruht. Es ist ein besonders mieses Stück Fertigmacher-Journalismus, den Ihrer Meinung nach niemand mehr goutiert.

Verräterisch ist bereits die Metapher, die sie verwenden, nämlich die des mit geifernden Lefzen zubeissenden, alles zerfleischenden Pitbulls. Mit diesem animalischen Bild entmenschlichen sie den von Ihnen vorgeführten alten weissen Mann mit einer einzigen klaren Zuschreibung. In der heute heftig geführten Genderdiskussion ist also bei der Tagi-Medienredaktorin kein Vergleich zu extrem, um einen «privilegierten» Mann verbal zu verunglimpfen. Umgekehrt würde ein Mann, der eine Frau in ähnlicher Weise beschriebe, zu Recht in der Luft zerrissen. Deshalb würde es heute kein Mann wagen, mit vergleichbar entwürdigendem Vokabular zuzuschlagen. Aber im emotional aufgepeitschten #MeToo-Klima sind offenbar selbst die extremsten Verbalinjurien zulässig, wenn man ein möglichst prominentes Exemplar des Ausbeutergeschlechts vor die Linse kriegen kann.

Sie verurteilen zudem scharf geführte TV-Interviews, bei denen gemäss Ihrer Betrachtung jeder Gast gezielt verängstigt wird, um ihn blosszustellen und um ihn schliesslich sogar ins «Stottern» zu bringen. Mittels solcher Zerrbilder erklären Sie diese Form von Journalismus für tot. Dieser werde nur noch von versprengten Überbleibseln aus dem fernen Jahr 68 betrieben, zu denen Sie mich mit expliziter Altersangabe hinzuzählen.

«Eine gehörige Portion Arroganz»

Aber ihre locker-flockige, völlig unbelegte Behauptung ist nicht nur grundfalsch, sondern zeugt vor allem auch von einer gehörigen Portion Arroganz. Es ist richtig, dass es meine Generation war, die den investigativen Journalismus – nicht nur bei Watergate – zum Mass aller Dinge gemacht hat. Das ist er bis heute geblieben, und er wird im Zeitalter von Trump und Populismus dringender gebraucht denn je. Kritische und hart geführte Interviews vor laufender Kamera sind ein wichtiger Teil davon.

Deshalb möchte ich Ihnen auch hier klar widersprechen, liebe Frau Blumer. Meiner Meinung nach ist die TV-Welt übervoll mit weichgespülten, banalisierenden Feelgood-Talks, präsentiert von kantenlosen, dauergrinsenden Moderatoren. Harte, gut recherchierte Gespräche, geführt von bestandenen Interviewern, bilden leider die Ausnahme. So ist bei den grossen deutschen Sendern die urjournalistische Form des Einzelinterviews seit längerem ausgestorben. Es müssen heute immer mehrere Gäste in den Talksendungen sitzen, damit in der immer schneller getakteten Fernsehrealität genügend Action und Abwechslung garantiert ist. Löbliche Ausnahmen sind etwa Sendungen wie «Hard Talk» bei der BBC, die mutigen und meist grossartigen Interviews von Chuck Todd bei NBC, Jake Tapper bei CNN, Chris Wallace bei Fox News und von ORF-Starjournalist Armin Wolf. Vor kurzem wurde eines seiner Interviews zum Skandal hochstilisiert (persoenlich.com berichtete). Es gibt eben ein immanentes Risiko, dass bei kritisch geführten TV-Interviews Situationen entstehen, die Widerspruch auslösen. Auch ich habe dies nach mehr als 300 Sendungen «Schawinski» einige wenige Male erlebt. Und damit sind wir bei Frau Balthus, was der von Ihnen deklarierte Anlass für Ihren Rundumschlag war, wie Sie explizit erläutern.

Ich kann an dieser Stelle nicht ausführlich auf diesen Fall eingehen, der unheimlich grosse Wellen geworfen hat. Hier nur dies: Frau Balthus hat in Ihrer Kolumne, die auf einem bewusst gefakten Zitat beruht wortgewaltig ihr angebliches Entsetzen über eine Frage formuliert, die ich ihr nie gestellt habe. Doch in einem Tweet direkt nach der Ausstrahlung verwies sie auf die ominöse Passage und zeigte ihre wahre Gemütslage: «Ich glaube, ich werde gerade berühmt», verkündete sie der Welt. Dies war der Jubelschrei über einen unverhofften Glücksfall und damit das Gegenteil der «Verletzung der Menschenwürde», wie Ombudsmann Roger Blum später festhalten sollte.

«Roger Blum hat sich als Gesichtszensor betätigt»

Roger Blum hat sich zur Untermauerung seines Urteils zudem als Gesichtszensor betätigt. Er hat ein Lachen von mir als «verächtlich» verurteilt, was Sie, Frau Blumer, gleich in zwei Artikeln genüsslich zitiert haben. Gleiches gilt für den grundsätzlich «verächtlichen Unterton», den Blum anders als viele neutrale Zuschauern eruiert haben will. Dabei bin ich bewusst nicht auf die Flirtversuche von Salomé Balthus eingegangen, weil ich für einen Mann meines Alters eine solche Haltung einer jungen, attraktiven Frau gegenüber als peinlich empfinde, das man aber in vielen TV-Shows beobachten kann.

Tatsächlich musste ich in dieser Sendung einmal spontan lachen, weil ich komplett überrascht war, als Frau Balthus erklärte, dass sie Feministin sei. Die Prostitution gilt bei Feministinnen üblicherweise nicht als Traumkarriere, weil sie die Ausbeutung von Frauen, die in diesem Gewerbe tätig sind, scharf verurteilen. Auch von Ihnen, Frau Blumer, wurde ich wegen eines nicht als opportun interpretierten Gesichtsausdrucks scharf zurechtgewiesen. Dabei fiel mir ein: In China wird heute mittels Millionen von Kameras das sozial akzeptierte Verhalten aller Bürger akribisch überwacht. Bei uns begeben sich nun der SRF-Ombudsmann und die Tagi-Medienexpertin auf denselben Weg, ohne dass sie es sich wohl eingestehen würden.

Und noch ein Letztes. In der seit Jahren schwelenden Auseinandersetzung zwischen der SRG und den Verlegern haben Sie sich jeweils deutlich auf die Seite Ihres Arbeitgebers geschlagen. Mit Ihren Artikeln haben Sie jede Gelegenheit ausgeschlachtet, die Monopolanstalt zu kritisieren und zu schwächen. Eine SRG ohne profilierte Talkshows passt hervorragend in Ihre Agenda. Deshalb hat Ihre mit Furor vorgetragene Kampfschrift für mehr Anständigkeit am Bildschirm auch eine schnöde strategische und wirtschaftliche Komponente.

All dies, liebe Frau Blumer, empfinde ich als höchst fragwürdig. Und Ihr Text ist für mich weitgehend faktenwidrig. Aber deswegen würde ich Sie niemals mit einem furchterregenden Tier wie einem Pitbull vergleichen, weil dies eindeutig eine Form von Fertigmacher-Journalismus ist.



Roger Schawinski ist Medienunternehmer. 1979 gründete er Radio 24. Heute er betreibt er Radio 1 in Zürich.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Victor Brunner, 06.06.2019 08:58 Uhr
    Entweder leidet Schawinski an einer Amnesie oder er hat seine eigene Sendung noch nie angeschaut.Seine Wahrnehmungen verschwinden im grauen Nebel des Alters!
  • Peter Müller, 06.06.2019 10:16 Uhr
    «Er lässt seine Gäste kaum je einen Gedanken zu Ende formulieren, irritiert sie ständig mit Einschüben; er lacht spöttisch, um zu zeigen, dass er eine Antwort für unglaubwürdig hält und führt das Gespräch in einem despektierlichen, zuweilen verächtlichen Tonfall» Das, was Frau Blumer geschrieben hat, denke ich schon seit Jahren. Sie hat es auf den Punkt gebracht.
  • Beat Zollinger, 06.06.2019 15:15 Uhr
    Es vergeht kaum eine Woche, wo Herr Schawinski nicht irgendwo einen gehässigen Streit am Austragen ist: «Eklat» nach einer Sendung mit Roger Köppel, «Eklat» mit Marcus Somm, Gehässigkeiten nach einem Interview mit einer Berliner Edel-Prostituierten, dann verliert Schawinski hier wieder mal die Fassung, oder er droht da mit rechtlichen Schritten. Gelassenheit ist seine Sache nicht. Immer scheint sich alles um Roger Schawinski zu drehen. Toll, wenn Herr Schwawinski aufzählt, wer er schon alles in der Sendung hatte, und wer ihm eine Torte geschenkt hat. Viele Leute kommen bestimmt immer gerne in die einzige Talksendung des Schweizer Fernsehens, z.B. kann es einem Politiker natürlich für Wahlen nützen, wenn er 30 Minuten lang bei einem 1:1 Interview die volle Aufmerksamkeit bekommt (das ist eine Torte wert). Ein Auftritt kann den Marktwert eines Gastes steigern (jeder TV-Auftritt wird wahrgenommen). Solange der Moderator nur Torten als Geschenke entgegen nimmt, ist das auch ok. Ich dachte immer, bei einem guten Interview sollte vor allem der Gesprächsgast in Erinnerung bleiben. Ein guter Talkmaster überlässt dem Gast die Bühne und holt viel beim Gast heraus, indem er gescheite Fragen stellt, sich selber aber zurück hält, Empathie zeigt. Nicht der Talkmaster sollte der «Star» sein, sondern der Gast. Bei Schawinski ist das anders: nach den meisten Interviews hinterlassen die Gäste kaum einen bleibenden Eindruck. Dafür gibt's immer wieder die Stories über Roger Schawinski, der sich wieder mal mit jemandem streitet. Als Zuschauer würde man gerne den Talk-Gästen zuhören. Aber das ist bei Schawinski kaum möglich. Er unterbricht, redet drein, und erzählt vor allem immer wieder von seinen eigenen Heldentaten, die er in seinem langen Medienleben schon vollbracht hat. Schawinski sieht sich als der Star der Sendung, man erfährt oft mehr über ihn, als über seinen Gast. Wie lange will SRF diese Sendung eigentlich den Zuschauern noch zumuten? Ich bin mir sicher - würde die Sendung Schawinski von heute auf morgen eingestellt werden, es würde kaum einen Aufschrei geben. Es wäre kein grosser Verlust. Ich wünschte mir einmal eine Talksendung mit einem Talkmaster oder einer Talkmasterin, die zuhören kann, und die richtigen Fragen stellt, so das echte Antworten von den Gästen kommen. Es gäbe in der Schweiz bestimmt eine geeignete Moderatorin oder Moderator (mir kommt spontan Mona Vetsch in den Sinn). Heute redet kaum jemand über eine Schawinski-Sendung im Sinne von «das war jetzt aber eine spannende, sehenswerte Sendung». Über die Schawinski-Sendung redet man höchstens und liest darüber, wenn nach der Sendung wieder einmal gestritten wird, wenn sich Modertor und Gast in den Haaren liegen. Irgendwie mühsam, nach so vielen Jahren. Diese Sendung verbreitet einfach keine guten Vibes. Es wäre Zeit, für frischen Wind bei SRF in diesem Genre.
  • Victor Brunner, 06.06.2019 18:42 Uhr
    Beat Zollinger, ich glaube dass Roger S. Schawinski auf SRF machen darf ist in erster Linie der sozialen Ader von SRF zu verdanken die immer bemüht ist in Randzeiten mögliche Talente oder Paukenschläger zu fördern!

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