Schuldig im öffentlichen Interesse? Hockeytrainer Patrick Fischer verliert seinen Job, die Schweiz ist empört. Wahlweise über seine Unehrlichkeit oder über SRF. Hier soll es um die Rolle von SRF gehen: Als ehemals mitverantwortliche Person im SRF-Newsroom interessieren mich die journalistischen Fragen rund um den Fall. Dabei sind SRF meiner Ansicht nach Fehler unterlaufen, und Medienstellen werden ihre Lehren ziehen – zum Unmut der Journalisten.
Die öffentlichen und medialen Reaktionen rund um die Entlassung des Hockeytrainers zeigen: Er ist eine Person von öffentlichem Interesse, als langjähriger Natitrainer mit mehreren WM-Teilnahmen sogar eine Person des Zeitgeschehens.
Aber ist Fischers Vergehen auch von öffentlichem Interesse?
Man kann aus journalistischer Sicht unterschiedlicher Meinung sein: Das öffentliche Interesse ist gegeben, weil es sich bei der Einhaltung der damaligen Corona-Massnahmen um einen hochsensitiven Bereich handelt, der über längere Zeit sogar auf höchster Staatsebene beschäftigt hat. Die Berichterstattung scheint zwingend. Man muss aber unterscheiden zwischen dem, was die Leute interessiert und dem, was für die Öffentlichkeit tatsächlich relevant ist! Nach einem seit Jahren abgeschlossenen Strafverfahren und einem Tatbestand, von dem keine latente Gefahr ausgeht (Wiederholungstäter), kann man zum Schluss kommen, dass die gesühnte Tat für die Öffentlichkeit keine Relevanz mehr hat. Ausser der moralischen.
Hier liegt die Verantwortung aber nicht bei SRF, sondern alleine beim Hockeyverband: Will er breite Schultern zeigen und sich – mit allen Konsequenzen – vor einen verdienten Angestellten stellen? Offenbar nicht.
Die Berichterstattung zu Fischers Covid-Fälschung ist also in hohem Masse vertretbar, zwingend ist sie nicht. Oder doch?
Spinnen wir den Faden weiter: Was, wenn SRF nach ganz viel internem Hin und Her den Fall nicht öffentlich macht? Und genau das publik wird? Die Nähe von SRF zu Sportverbänden (Berichterstattung, Übertragungsrechte und hier besonders: Sport Awards und anstehende WM) hätte den Verdacht, dass das Leutschenbach einen Partner schadlos halten will, geradezu aufgedrängt! Das zeigt: Im Moment, wo SRF vom Fall erfährt und die Recherche ihn bestätigen, muss SRF berichten. Auch zum Eigenschutz. Wissen zu unterdrücken ist im Journalismus ein No-Go – was auf den Tisch gekommen ist, fällt kaum je darunter.
Dennoch ist SRF in meinen Augen nicht fein raus: Dass der Journalist sich selber in einem «10 vor 10»-Studiogespräch zur Sache erklärte, mag transparent wirken, ist aber weit weg vom Schutz der eigenen Angestellten. Dieser heisse Stuhl hätte zwingend mit dem Chefredaktor besetzt werden müssen. Er muss gegenüber der Öffentlichkeit die Verantwortung für den Publikationsentscheid der Story übernehmen. Besonders für die zeitliche Abfolge der Berichterstattung bezüglich Swiss Award und Hockey-WM. Das ist Chefsache und Chefverantwortung. Jetzt aber steht der Journalist selber am Pranger – obwohl dieser den Publikationsentscheid nicht selber zu verantworten hat.
Und ein Zweites war unbedacht: Der Journalist ist selber ein «Hockeyfan». So bezeichnet er sich in einem Tagi-Interview, das er auch nicht hätte geben sollen. Er arbeitet als Stadionspeaker bei Rapperswil-Jona direkt für die Hockey-Welt (wohl nicht mehr lange). Aus journalistischer Sicht ist ein «Fan» kein guter Berichterstatter; es fehlt die emotionale Distanz, ganz zu schweigen von möglichen, persönlichen Beziehungen in diese Welt hinein. Die Begeisterung für Hockey hat beim ominösen Mittagessen zwischen Hockey-Fischer und dem hockey-verliebten Journalisten wohl eine Vertrautheit geschaffen, welche die Schwelle zwischen on- und off-the-record ohne Absicht verwischte.
Medienstellen von Behörden, Unternehmen und anderen Institutionen haben wieder einmal gelernt: Unkontrollierte Gespräche ihrer Protagonisten, CEOs und Cheftrainer machen zwar den Journalisten Freude, sind aber unberechenbar und können fatal enden. Es wird sie nach dem Fall Fischer noch weniger geben. Und Journalisten werden noch mehr über PR klagen.
Michael Perricone ist ehemaliger Journalist.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
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18.04.2026 14:33 Uhr



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Patrick Fischer: Fehler bei SRF – aber der Fischer-Bericht ist es nicht