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Kein allzu freundlicher Empfang

Matthias Ackeret

Eine Sensation sieht anders aus: Als am Montagabend die Wahl von Nathalie Wappler als neue SRF-Programmchefin bekannt gegeben wurde, war der Überraschungseffekt relativ gering. Bereits letzte Woche hatte die «Mitteldeutsche Zeitung» ihre Wahl verkündet (persoenlich.com berichtete). Auch Aussagen des MDR, wo die Schweizerin momentan als Programmleiterin arbeitet, deuteten auf ihren Abschied aus Deutschland hin. Eine Kommunikationspanne zweifelsohne, aber auch ein Indiz, dass die Wahl Wapplers bereits seit längerem beschlossene Sache war und nicht ganz demokratischen Gepflogenheiten entsprach. Nun mag dies stimmen, aber schlussendlich stellt sich bei jeder Führungsperson die Frage, ob sie dem Amt gewachsen sei – oder eben nicht. Zumindest fachliche Qualitäten kann man der neuen SRF-Chefin bei bestem Willen nicht absprechen. Und dass sie ihr ganzes Berufsleben nicht nur im Leutschenbach verbracht hat, sondern sich zudem noch im Stahlbad des deutschen Fernsehens bewährte, spricht auch nicht gegen sie. Schweizer Bundesräte – und dies muss auch einmal gesagt werden – erfüllen bei ihrer Wahl oftmals weniger berufliche Qualifikationen.

Trotzdem ist erstaunlich, wie zurückhaltend Wapplers Leistungsausweis gewürdigt wird. Blick.ch titelte unmittelbar nach Ernennung der Thurgauerin: «Man nannte sie ‹Fallbeil von Leutschenbach›». Ein Empfang in der alten Heimat verläuft in der Regel freundlicher. Doch die Boulevardzeitung übt sich schon im Powergame mit der neuen Direktorin: bereits zweimal forderte die «Blick»-Redaktion die Weiterbeschäftigung des abgesetzten TV-Stars Kurt Aeschbacher. Die Frage, die sich für den Aussenstehenden nun stellt: «Wär gwünnt?» Wappler oder Ringier?

Zusammenfassend bleibt die Vermutung, dass sowohl die Medien wie auch die SRF-MitarbeiterInnen die Wahl eines internen Kandidaten bevorzugt hätten. Selbst mit dem Risiko, es wäre ein Mann gewesen (was natürlich niemand laut sagen würde). Stallgeruch ist zumindest heimelig. Aber Nathalie Wappler hat selbst von diesem ein bisschen: sie war einige Jahre Kulturchefin im Leutschenbach.

Um eine abgedroschene Floskel zu wählen: Nathalie Wapplers Ernennung ist Risiko und Chance zugleich. Hoffen wir auf das Zweite.

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Kommentare

  • Dieter Widmer, 06.11.2018 12:03 Uhr
    Wie stellt sich Matthias Ackeret wohl eine Wahl nach demokratischen Gepflogenheiten vor? Nur weil sich Kassensturzchef Ueli Schmezer als verkanntes Genie erbost zeigt über seine Nichtberücksichtigung ist die Wahl nicht undemokratisch verlaufen, sondern so, wie die Wahl einer Spitzenposition abläuft: Ein Ausschuss sondiert unter vielen Bewerbungen, sortiert und verkleinert die Auswahl zu einer Shortlist und stellt dem Wahlgremium Antrag. Ich erachte die Wahl von Nathalie Wappler als sehr gut. Der "Blick" ist für mich nicht massgebend, ob eine Person willkommen ist - auch nicht, ob die Angestellten Freude ob der Person haben. Nathalie Wappler bringt den (gestählten) deutschen) Aussen- und die SRF-Innensicht mit. Bessere Voraussetzungen hätte wohl niemand anders.
  • Robert Weingart , 06.11.2018 13:19 Uhr
    Der letzte Satz des Vorhängerkommentars könnte stimmen.

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