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Liess Gott die Tagesschau fallen?

Matthias Ackeret

Vielleicht war es Murphy’s law, vielleicht Fügung, vielleicht  sonst was, dass die «Tagesschau» am Mittwochabend, an einem der wohl schwierigsten Tage der letzten fünfzig Jahre, eine technische Panne hatte. Und dies ausgerechnet in einer dieser mittlerweile seltenen Sternstunden des Fernsehens, wo die gesamte Familie – mangels Alternativen – vor dem Bildschirm sitzt. Manchmal – und so sinniert der Schreibende vor dem Computer in seiner Wohnung – nimmt das Schicksal einen fast schon apokalyptischen Lauf. Wie predigte doch bereits Friedrich Dürrenmatt in seiner brillanten Kurzerzählung «Der Tunnel»: «Gott liess uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.»

Oder weniger pathetisch ausgedrückt, momentan ist weder an der Gesundheitsfront oder bei der Wirtschaft ein baldiges Ende abzusehen. Was wir – bereits aus unserer kleinen Kommunikationswelt wissen –, es wird hart werden, die Anzahl der abgesagten und verschobenen Veranstaltungen – vom Marketing Tag über das Swiss Media Forum bis zur ADC-Gala - wie auch die zu erwartenden Werbeeinbrüche sind ein beredtes Indiz für die neue Weltlage, laut Angela Merkel «die grösste Krise seit dem zweiten Weltkrieg.» Auf Werbung, und dies ist die brutale Realität, verzichtet man dabei als erstes.

Doch es gibt auch erste «Gewinner» der Krise, der Detailhandel – namentlich Migros und Coop – profitieren von der schwierigen Situation. Kein Wort mehr von Frankenschock, Internethandel oder Einkaufstourismus, den man – bei geschlossenen Grenzen – zugegebenermassen nur sehr schwer ausüben kann. Profitieren tut neben Netflix auch die Gameindustrie und – wer hätte es gedacht – die klassischen Medien. Bereits zweimal habe ich gestern an einem jener Kioske, die noch geöffnet sind, erlebt, dass der Tagi, die NZZ und auch der Blick ausverkauft waren. Wann gab es dies zum letzten Mal?

Positiv aufgefallen ist auch der Bundesrat, der Führungsstärke zeigt. Der Vorwurf, er hätte viel zu spät reagiert, zielt meines Erachtens ins Leere. Bis vor genau drei Wochen waren sich die meisten der Ernsthaftigkeit des Virus gar nicht richtig bewusst. Mehr noch: Man stand staunend vor dem Computer und beobachte Bilder aus dem menschenleeren Wuhan, darauf vertrauend, dass China doch sehr weit entfernt ist. Der kollektive Schock trat erst ein, als in der Schweiz – und vor allem in Zürich – die ersten Fälle gemeldet wurden und der Bundesrat Veranstaltungen unter 1000 Leute verbat. Fotos, von der dicht bevölkerten Seepromenade in Rapperswil vom vergangenen Sonntag, zeigen aber, dass die magistralen Bedenken aus Bern noch nicht überall angekommen sind. Dieser Feind ist unsichtbar und geschmacklos – und er steht im krassen Gegensatz zum frühlingshaften Wetter.

Eine fast pastorale Erkenntnis und Hoffnung zum Schluss: Zwei Maximen dominieren die Menschheit seit ihrem Beginn, die Informationslust und die Werbung. Erstere wird momentan auf allen Medien mit grösstem Engagement gestillt. Beim zweiten -  der Werbung - herrscht momentan grosse Zurückhaltung. Doch trotz Corona und den jetzigen Einbrüchen gilt auch für die Zukunft: Wer ein Produkt hat, muss dieses irgendwie auch bewerben. Schon Eva verführte Adam mit einem Apfel. Die Welt ist nicht so hoffnungslos, predigt «Pfarrer» Ackeret vor seinem Computer, wie sie momentan aussehen mag. Nicht einmal bei der Tagesschau des Schweizer Fernsehens, die nahm nämlich nach einigen Minuten ihren Betrieb wieder auf. Und selbst Friedrich Dürrenmatt, dieser geniale Weltzyniker, verzichtete 1978 in der zweiten Fassung des «Tunnels» auf seinen fatalistischen Satz.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von «persönlich». 

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Kommentare

  • Giacumin Bass, 22.03.2020 13:59 Uhr
    Schöne Freunde, unsere Nachbarn… Die Schweiz liegt mit Deutschland im offenen Streit. Bern lädt den deutschen Botschafter vor, nachdem Berlin die Ausfuhr von Schutzmaterial in die Schweiz gestoppt hat. Muss das in dieser schwierigen Zeit wirklich sein? Solche Geschichten wie die Beschlagnahmung der Schutzausrüstung belasten die Beziehungen zwischen Ländern massiv und langfristig. Die egoistischen Haltungen von Staaten gegenüber allen Menschen sollte ein Ende nehmen. Die deutschen Zollbehörden haben vergangene Woche mehrere Lieferungen mit Medizinalgüter blockiert, die für die Schweiz bestimmt waren. Das Ausfuhrverbot von Deutschland betrifft Schutzbrillen sowie Masken, Anzüge, Handschuhe. Weiterhin nicht in der Schweiz angekommen ist ein Lastwagen mit rund 240 000 Hygienemasken und weiterem medizinischem Material. Der LKW wurde auch an der deutschen Grenze gestoppt und an der Einreise in die Schweiz gehindert. Mit diesem Gedankengut könnten wir ebenso gut keine Medikamente mehr wie zBsp. von Roche oder Beatmungsgeräte von Hamilton u.s.w. nach Deutschland liefern. In einer solchen Situation sollte man meinen, dass man sich gegenseitig hilft und versucht diese Pandemie solidarisch zu meistern. Was mich so deprimiert und ärgert, das ist das Unverständnis und das egoistische Verhalten in der gewisse Leute in der Politik, die so etwas bestimmen können! Anstatt, dass man sich Gegenseitig hilft, haut man den anderen. Wir sitzen alle im gleichen Boot und müssen für unser Leben kämpfen, wir müssen zusammen handeln und unsere engagiertesten Anstrengungen bündeln, um diesen verdammten Virus bei zu kommen. Es ist unsere verdammte Pflicht und gemeinsame Zukunft; ohne zu vergessen, dass die Forschung, die Entwicklung und die Innovation gemeinsame Ziele sind, die Hand in Hand gehen müssen. Zugleich sollten auch unsere Kollegen aus den USA begreifen, dass wir vor gemeinsamen Problemen stehen, die wir gemeinsam im Wege der Zusammenarbeit lösen müssen anstatt uns gegenseitig Steine in den Weg zu legen und aus egoistischen Gründen versuchen Forschungsergebnisse auf plumpe Weise (für Eigenbedarf) anzueignen MfG Giacumin Bass 7537 Müstair
  • Victor Brunner, 19.03.2020 07:21 Uhr
    Witzig, dank Corona wird Dottore Ackeret zum Philosophen. Einfacher in der Aussage als all die hochbezahlten und abgehobenen PhilosophenInnen von SRF, dafür verständlicher. Hoffentlich thematisiert Frau Bleisch das temporäre Grounding der Tagesschau in ihrer "Sternstunde Philosophie" nicht! Dann würde es kompliziert!

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