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Maurer und die Qualität

Stefan Millius

«Kä Luscht»? Doch. Dieses Mal hatte er Lust, SVP-Bundesrat Ueli Maurer. Er las den Schweizer Medien die Leviten und sagte ihnen, was sie alles falsch machen (persoenlich.com berichtete). Das Ergebnis ist ein bisschen zwiespältig: Er hat völlig recht – und liegt gleichzeitig völlig falsch.

Mangelnde Tiefe beklagte das Regierungsmitglied. Zu viel Mainstream, zu viel vom selben in verschiedenen Medien. Alles völlig richtig. Es ist tatsächlich frappant, wie deckungsgleich ein grosser Teil der Berichterstattung über die Bundespolitik ist. Der Finanzminister, obschon ja Mitglied einer Partei, die das Gewerbe quasi für sich gepachtet hat, vergass bei seiner Analyse nur eines: Was wollen die Konsumenten?

Dass im Übergang von Print- zu Onlinemedien mit einem Mal der schnelle Klick mehr wert ist als die nachhaltige Information: Keine Frage, das ist so. Man kann das beklagen. Nur: An wen richtet sich die Klage? An die Medien – oder an ihre Nutzer? Es hat ja seinen Grund, dass sich Zeitungen so verhalten, wie sie das tun. Sie befriedigen offensichtlich eine Nachfrage, und die stimmt nicht zwingend mit den magistralen Vorstellungen überein.

Bundesrat Maurer hätte beispielsweise gerne, dass man die AHV-Steuer-Vorlage vom 19. Mai gefälligst in ihrer ganzen Komplexität abbildet, statt sie auf wenige Schlagworte zu reduzieren. Das kann man machen. Aber die Frage ist eine ganz andere: Wird es auch gelesen?

Nein, wird es nicht. Man überfordert den Durchschnittsleser heute schon, wenn man eine kurze Vorgeschichte zu einer Vorlage aufrollt. Was sich nicht in einer simplen Grafik darstellen lässt, geht an der breiten Masse vorbei. Muss man diese Masse zwingend bedienen? Nein, wenn es nach dem staatlich besoldeten Maurer geht. Ja, wenn man als Verlag gewinnorientiert denkt. Umerziehung funktioniert in Nordkorea, aber kaum bei uns. Man kann Leser nicht zwingen, etwas anderes zu wollen, als sie wollen.

Es mag eine kleine Gruppe von Leuten geben, die nach Hintergründen lechzt. Mit diesen kann man aber kein Medium faszinieren. Und was den sogenannten Mainstream angeht: Ist sich Bundesrat Maurer wirklich so sicher, dass er sich diesen wegwünscht? Denn weg vom Mainstream bedeutet auch: Hinterfragen, unbequem sein, kritisieren.

Der Zürcher mag noch so unzufrieden sein mit den heutigen Medien, es ist dennoch zweifelhaft, ob er mit der Alternative glücklich wäre. Wer die Pläne des Staates aktiv durchleuchtet, stösst nämlich in aller Regel auch auf Dinge, die nicht zusammenpassen – und thematisiert sie. Und schon wird aus dem Anti-Mainstream ein höchst lästiges Medium, das alles schlecht redet. Wie wäre es beispielsweise mit einem Medium, das den Personalaufwand des Finanzdepartements gnadenlos durchleuchtet? Maurers Antwort auf diese Frage wäre mit Garantie: «Kä Luscht».

Das heisst: Die Medienlandschaft, die sich Ueli Maurer wünscht, müsste zuerst einmal irgendjemand finanzieren. Und das Ergebnis wäre möglicherweise nicht das, was er sich wünscht.


Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur Insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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