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Mehr als eine Schlangengrube

Janosch Tröhler

Manche lieben und viele hassen sie – die Kommentarspalten der News-Plattformen. Dort tummeln sie sich, die Wütenden, die Fiesen, die Hassenden. Eine finstere Schlangengrube, irgendwo unten an den Artikeln, wo sich nur die bösen Seelen hin verirren.

Zugegeben, klingt dramatisch, überzogen mit einer dicken Schicht Pathos. Doch das Image der Kommentare ist schlecht – auch im Jahr 2020. Kürzlich schrieb eine Journalistin auf Twitter: «Ich sags immer und immer wieder: Wäre ich Chefredaktorin, gäbe es bei meinem Medium keine Kommentarspalte.»

Diese Haltung kann sich der Journalismus heute aber nicht mehr leisten. Das Internet hat nicht nur die Öffentlichkeit bis zu einem gewissen Grad demokratisiert, sondern auch das Zeitalter der Interaktion eingeläutet. Es ist ein Trugschluss zu denken, die Kommentarfunktion zu schliessen wäre eine Lösung. Die Diskussionen wandern einfach ab: zu den Silicon-Valley-Giganten oder – schlimmer – in Chat-Gruppen, abgeschottet von der Gesellschaft.

Es stimmt, «der Aufwand, der für die Leserkommentare betrieben wird, ist beträchtlich», wie persoenlich.com schrieb. Das stimmt auch bei uns für blick.ch. Aber wir werden verleitet, nur auf die nackten Zahlen zu blicken. Denn mehr Kommentare bedeuten mehr Klicks, mehr Reichweite, mehr Werbeeinnahmen. Selbstredend ist auch das zu kurz gedacht.

Die Redaktionen brauchen ein frisches Mindset. Die Kommentare sind wie die Artikel eine Visitenkarte des Mediums. Entscheidend für das Image. Deshalb benötigen sie Aufmerksamkeit, die über das reine Freischalten oder Löschen hinausgeht. Die Präsenz der Redaktion darf kein Luxus sein, sondern ist Pflicht. Die Wirksamkeit von Gegenrede ist belegt, und eine zivile Debatte kommt ohne richtige Moderation nicht zustande.

Das bedeutet natürlich mehr Aufwand. Und das Schlimmste: Diese Kommunikation ist nicht skalierbar. Andererseits: Daraus entsteht Mehrwert. Sich öffentlich Kritik zu stellen und Fragen zu klären, schafft Transparenz, zeigt Wertschätzung. Es ist eine Massnahme gegen die grösste Herausforderung des Journalismus: den Vertrauensverlust.

Darüber hinaus entsteht ein Wettbewerbsvorteil. Wer die Kommentare als Ressource versteht, profitiert konkret. Kommentatoren werden zu potentiellen Quellen. Das Moderatorenteam von blick.ch wurde journalistisch geschult, mögliche Hinweise zu erkennen, die Infrastruktur so aufgebaut, dass diese Inputs unkompliziert an die Ressorts weitergeleitet werden können. Dutzende Geschichten – darunter exklusive – konnten dank dieser Herangehensweise publiziert werden.

2020 sollten wir also nicht mehr über Sinn oder Unsinn der Kommentare streiten müssen. Sondern über Wege, wie wir der toxischen Diskussionskultur entgegenwirken. Und wie wir die Kommentare nutzen können – als Chance für mehr Vertrauen.



Janosch Tröhler ist Head of Community bei blick.ch

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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