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No time to die

René Zeyer

Wer auch immer Bond, James Bond verkörpert, eines ist sicher: Der Filmheld überlebt alles. So sehr er selbst und seine Gegner sich auch bemühen, das zu verhindern.

Obwohl nun Bond wirklich nicht dem modernen #metoo-sandgestrahlten Mann entspricht, scheint ihn sich die Redaktion der «Republik» zum Vorbild genommen zu haben. Und lebt gleich eine ganze Reihe von Filmtiteln aus, von «Goldfinger» über «You only live twice» bis eben zu «No time to die».

Es gibt aber einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Geheimagenten im Dienste ihrer Majestät und den Rettern der Schweizer Demokratie: Bond hat noch nie mit Selbstmord gedroht. Die «Republik» in den zwei Jahren ihrer Existenz schon zweimal.

Sogar mit genauem Todesdatum: am 31. März, Ende dieses Monats, wäre es dann soweit.

Ausser, das Online-Magazin hat zu diesem Zeitpunkt 19'000 Abonnenten und zusätzlich 2,2 Millionen Spendenfranken in der Kasse. So lautete zumindest die ansonsten in hysterischen Beziehungen ausgesprochene Drohung: «Willst du nicht mein Liebster sein, schlage ich mir den Schädel ein.» Also Tod im Kleinkindstadium oder Wiederauferstehung, das ist die Ansage.

Klare Sache, könnte man meinen. Aber da kennt man die verschlungenen Denkwege in den Gehirnwindungen der «Republik»-Macher schlecht. Denn: laut dem Countdown im sogenannten Cockpit der «Republik» hat sie, Stand 3. März, 12 Uhr, 20'195 Verlegerinnen. Wunderbar, fantastisch. Stand 31. März sind davon immer noch 19'217 an Bord. Tatä, die «Republik», die Demokratie ist gerettet, vielleicht träumt man schon vom Bond-Titel «The world is not enough». Oder «Die another day».

Oder doch nicht? Nervenzerfetzende Spannung, denn von den ebenfalls als überlebenswichtig angepeilten 2,2 Millionen Franken sind erst rund 1,8 Millionen im Sack. Wobei nicht ganz klar ist, ob es sich um Zusagen handelt oder um echte Kohle auf dem Konto. Der Unterschied ist nicht ganz unwichtig, denn als einen der Gründe für die neue Drohung mit Entleibung führt die «Republik» an, dass bei der letzten Bettelei um eine Million immerhin 800'000 zugesagt worden seien, aber dann nur 500'000 auch tatsächlich flossen.

Aber wie auch immer, einem Prinzip bleibt die «Republik» treu: Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an. Oder von vorgestern. Denn vorgestern, nach der erfolgreichsten Crowdfunding-Finanzierung eines Medienorgans überhaupt meinte die «Republik», dass so die ersten zwei Jahre durchfinanziert seien. Bis sie es nach einem Jahr dann doch nicht waren. Und nun hat die «Republik» zwar 19'000 zahlende Leser, die das Risiko eingehen, alles, was sie über den 31. März hinaus bezahlt haben, ans Bein streichen zu können.

Das scheint für die «Republik»-Macher der richtige Moment zu sein, um mal wieder dummes Geschwätz von gestern zu vergessen. Denn noch im Dezember hiess es, mit 19'000 Abonnenten und zusätzlichen 2,2 Millionen sei das Organ dann aber wirklich nachhaltig durchfinanziert, stehe auf einer gesunden Basis, könne optimistisch in die Zukunft blicken.

Aber hey, neues Jahr, neuer Monat, neue Ansage. Die «Republik» sei nämlich erst ab 24'000 Abonnenten selbsttragend, lässt sie sich auf persoenlich.com vernehmen. Und nicht bei 19'000 plus 2,2 Mio. Das kann allerdings nur den überraschen, der nicht mal die Grundrechnungsarten beherrscht. Denn die «Republik» verbrät ein Jahresbudget von rund sechs Millionen Franken. Wenn ein Abo 240 Franken kostet, wie viele Abonnenten braucht es dann? Öhm, kopfkratz, grübel, hüstel. Hm, das scheinen 25'000 zu sein.

Und nicht 19'000. Mit dieser Zahl liegt man dann nur im erweiterten Streubereich der Wahrheit. Also wenn man eine Abweichung von rund einem Drittel noch für akzeptabel hält. Also was denn nun? Wie viele Abonnenten braucht die «Republik», um am 31. März nicht den Stecker zu ziehen? «Das entscheidende Ziel für eine erfolgreiche Zukunft sind 19'000 Abonnenten und 2,2 Millionen bis 31. März», sagt Chefredaktor Christof Moser.

Aha. Da denkt der buchhalterische Laie, es brauche mindestens 24'000 Abonnenten für eine erfolgreiche Zukunft. Aber damit zeigt er wohl nur mal wieder, dass Finanzflusspläne nichts für Anfänger sind. Und wie sollen dann die fehlenden 400'000 bis Ende Monat reinkommen? Es hätten sich vier neue Investoren verpflichtet, 300'000 reinzubuttern, sagt Moser. Aha. Aber dann ist der Betrag wohl in den ausgewiesenen 1,8 Millionen bereits enthalten, oder nicht?

Wer immer noch nicht völlig verwirrt ist, wird es bei der letzten Volte, die Moser als Kartentrick vollführt. Überhaupt seien Abonnenten ja viel besser als Investoren, und wenn man nun noch 3000 zusätzliche Abonnenten gewinne, habe man ja die noch fehlenden 400'000 auch reingeholt. Öhm, also 3000 mal 240 macht im Dezimalsystem 720'000. Und mit so viel Neuabonnenten wäre die «Republik» dann bei 22'000 angelangt, womit immer noch 2000 fehlen würden, um selbsttragend und nachhaltig finanziert zu sein. Wie sie selbst sagt.

Obwohl dafür auch 19'000 Abonnenten und 2,2 Millionen ausreichen würden. Oder so. Oder wohl oder doch oder etwa nicht. Also da müsste man wirklich einen weiteren Bond-Titel abwandeln und anwenden: «Licence to kill» – während man der «Republik» die «Licence to count», die Lizenz zum Zählen sofort entziehen müsste. Bevor sie sich oder andere verletzt.

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Kommentare

  • René Zeyer, 13.03.2020 12:55 Uhr
    Lieber Herr Hartmeier; zurück aus Havanna ist es erheiternd zu lesen, wie sich ältere weisse Herren mit Belanglosigkeiten und völlig argumentenfrei aus der Bedeutungslosigkeit melden.
  • Peter Hartmeier, 06.03.2020 08:55 Uhr
    Da ich ebenfalls ein älterer weisser Herr bin, darf ich so schreiben: Betagte Männer, die sich hämisch an Problemstellungen jüngerer Damen und Herren ergötzen und sich in plattem Zynismus erschöpfen, wirken bestenfalls wichtigtuerisch. Aber die Zeit geht über sie hinweg.
  • Peter Herzog, 05.03.2020 15:11 Uhr
    Da scheint sich jemand sehr zu ärgern, dass die Republik immer noch nicht den Laden dicht macht. Immerhin hat die Republik ihre bezahlten Abos nach meiner Hochrechnung gegenüber dem Vorjahr bisher um knapp 1000 erhöht. Wie viele andere Medien in der Schweiz dieses Jahr auch eine Bezahlabo-Steigerung aufweisen (Eingerechnet Print+Onlineabos) ist bisher nicht bekannt. Vielleicht liefert Herr Zeyer in den nächsten Wochen eine Übersicht.

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