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Radio-Messuhr ist wenig zeitgemäss

Christian Beck

Am Donnerstag wurden die Radio-Nutzungszahlen vom zweiten Halbjahr 2019 publiziert. Richtig Federn lassen musste Radio SRF Virus und verlor innerhalb eines Jahres über 30'000 Hörer. Ebenso Energy Zürich (minus 33'000). Der Privatsender musste den Platz auf dem Thron Radio 24 freimachen (persoenlich.com berichtete). «Junge tragen halt keine Uhren mehr», witzelte SRF-Wirtschaftsredaktor Klaus Bonanomi auf Twitter.


Auch wenn er seinen Tweet mit einigen Smileys angereichert hat, so unrecht dürfte Bonanomi gar nicht haben. Richtig hübsch sind die Messuhren von Mediapulse nämlich nicht. Besonders Jungen dürfte es widerstreben, eine solche täglich am Armgelenk mitzuführen. Einen weiteren Grund für den Hörerrückgang bei Sendern mit vorwiegend jungen Hörern vermuten Branchenexponenten im Zeitgeist: Junge hören Radio per Smartphone – und tragen Kopfhörer. Selbst wenn sie sich mit einer Messuhr anfreunden würden: Eine Messung per Audiomatching wäre schlicht unmöglich.

Für die Messung der Live-Radionutzung kommt seit 2001 die sogenannte Audiomatching-Technologie zum Einsatz. Mittels einer Uhr werden Audiosequenzen aufgezeichnet und mit einer Referenzdatenbank abgeglichen. 2018 wurde das Radiomesssystem umfassend erneuert. Neu sind eine dichtere Datengrundlage dank einer grösseren Stichprobe, längere Beobachtungszeiten oder eine kontinuierliche Datenübertragung. Geblieben sind Uhren, Mediawatch genannt, als Messinstrument.

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Dass die Radionutzung über Kopfhörer vom verwendeten, auf Audiomatching basierenden Messsystem nicht erfasst werden könne, sei systemimmanent – sprich: gehöre einfach dazu. Dieser Umstand sei «wohlbekannt», heisst es bei Mediapulse auf Anfrage. Aber: «Der Anteil der Radionutzung, welcher via Kopfhörer geschieht, wird mittels alternativer Datenquellen (Befragungen) abgeschätzt und befindet sich gemäss diesen Quellen nach wie vor auf niedrigem Niveau», schreibt Martin Weber, Senior Research Manager Radio der Mediapulse. Insbesondere würde durch eine Erfassung der Kopfhörernutzung für Radio kaum Reichweite hinzukommen, weil es nur sehr wenige Personen gäbe, die Radio ausschliesslich über Kopfhörer nutzen würden.

«Eine Erweiterung des Messsystems zur Erfassung ist zurzeit nicht geplant», so Weber weiter. Verfügbare Varianten wären «umständlich, kostspielig und nicht zukunftssicher». Angesichts des kleinen Nutzungsvolumens werde – in Abstimmung mit dem Radiomarkt – somit von einer technischen Messung weiterhin abgesehen.

SRF liefert derweil auf Twitter eine Erklärung zum Einbruch beim Sender Virus:


Auch wenn Mediapulse und SRF offensichtlich Erklärungen haben: Die Forscher müssen dennoch genau hinhören, wenn laut den neusten Radio-Nutzungszahlen immer mehr weghören. Kopfhörertragende Smartphone-User verbreiten sich nämlich zunehmend.



Christian Beck ist Redaktor bei persoenlich.com.

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Kommentare

  • Ueli Custert, 13.01.2020 07:45 Uhr
    Gemäss dem neusten IGEM-digiMONITOR hören immerhin 31% im Alter von 15-34 Jahren in der Deutsch und Westschweiz mindestens gelegentlich Radio über Kopfhörer. Rund 21% tun dies mind. einmal wöchentlich, fast 15% mind. mehrmals wöchentlich.
  • Giuseppe Scaglione , 13.01.2020 10:36 Uhr
    Das ist ja ein Knaller! Gibt hier der Staatssender SRF Virus gerade zu, über Jahre mit falschen Hörerzahlen operiert zu haben? Was ich schon im Jahr 2010 behauptet hatte, scheint sich nun zu bestätigen. Mir war bei einer genaueren Analyse der Virus-Hörerzahlen schon damals aufgefallen, dass der Sender praktisch durch den ganzen Tag Null Hörer hatte und nur zur vollen Stunde (bei der Übernahme der SRF3-News) Hörer ausweisen konnte. Siehe auch hier: http://edito-online.ch/…/scaglionesaergerueberdiehoererzahl… Damals wurde das von SRF/Mediapulse vehement abgestritten. Nun hat man das System geändert und - siehe da - die Virus-Hörerzahlen brechen ein. Das Ganze hat somit nichts damit zu tun, dass die Radiocontrol-Uhr wenig zeitgemäss wäre. Das war sie noch nie. In Ihrem Blog-Beitrag müsste man deshalb eher die Frage stellen: Könnte diese ungenaue (und falsche) Zuordnung von Programmübernahmen auch dafür verantwortlich sein, dass Energy vor vier Jahren zur Nummer 1 der Privatradios avancierte und nun wieder abgestiegen ist? Fragen über Fragen...

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