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Roger abgeköppelt

Roger Schawinski

Während Jahren war Roger Köppel ständiger Gast deutscher Talkshows. Dort spielte er immer denselben Part: den des furchtlosen, debattierstarken Rechtsaussen. Als solcher wurde er von Redaktionen deshalb eingeflogen, weil sich kein respektierter deutscher Journalist oder Politiker finden liess, der vergleichbare Extrempositionen vertrat. Er sorgte jeweils verlässlich für hitzige, meist feindselig geführte Diskussionen und damit auch für hohe Einschaltquoten. Bei «Maischberger» ging er beim Thema «Lügen im deutschen Fernsehen» in die Vollen. Bei Plasbergs «Hart aber fair» wetterte er beim Thema Afrika gegen die Einwanderung aus südlichen Gefilden. Und wieder bei «Maischberger» verteidigte er Donald Trump und seine Politik mit Zähnen und Klauen.

Doch vor anderthalb Jahren war damit Schluss. Seither sind es die AfD-Leute, die ungeniert dieselben Thesen vertreten und mit jedem dieser TV-Auftritte ihre Wählerbasis vergrössern. Auch in Bezug auf Kaltschnäuzigkeit kann die AfD-Führungsriege mit ihren Gaulands, Weidels und von Storchs mit einem Köppel locker mithalten. Und so sind die einst verpönten Parolen in deutschen TV-Studios und selbst im Bundestag Teil des allgemeinen Diskurses des Landes geworden. Damit aber hat Köppel in Deutschland seine Schuldigkeit getan, der Köppel kann gehen – beziehungsweise zu Hause bleiben.

«Er fand bald andere Wege, um seine Prominenz in Deutschland auszuschlachten»

Ist Köppel damit ein Steigbügelhalter der AfD? Hat er dazu beigetragen, dass heute selbst klar rassistische Parolen salopp in der Öffentlichkeit abgesondert werden können? War er also ein ideologischer AfD-Propagandist, bevor es die AfD überhaupt gab? Einiges spricht dafür. Wenn Gauland heute erklärt, dass «Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte» sind, dann erkennt man dieselbe Tonalität, wie man sie in Köppels Eloge auf Hermann Göring in seiner «Weltwoche» findet. Diese Form des Geschichtsrevisionismus ist die ideologische Basis für eine völkische Politik, die sich heute in vielen Ländern breitmacht. Was aber machte der Herr der «Weltwoche», als er realisierte, dass er von den grossen deutschen TV-Sendern abgeköppelt wurde? Er fand bald andere Wege, um seine Prominenz in Deutschland auszuschlachten. Seit einigen Monaten liefert er mit seinem Onlineangebot «Weltwoche Daily» mehrmals die Woche längliche Kommentare, mit denen er aus der «neutralen» Schweiz seine Fangemeinde aus dem ganz rechten Lager bei Laune halten kann. Auch dort punktet er vor allem mit AfD-Inhalten.

Absoluter Spitzenreiter mit über 60'000 Youtube-Abrufen war bisher Köppels Liebeserklärung an das von Ausschreitungen erschütterte Chemnitz unter dem Titel «Eine Stadt wird denunziert». Weitere Hits waren ein Interview mit Gauland und Kommentare über Fake News.

«Gipfeltreffen sind Meetings von Staatschefs und nicht der öffentliche Schmus zweier megalomaner Journalisten»

Aber damit gibt sich ein Köppel noch nicht zufrieden. So tingelt er mit Rechtsaussen-Promis, wie die von ihm bewunderten Steve Bannon und Thilo Sarrazin, durch die Vortragssäle. Die Sarrazin-Show firmierte unter dem Titel «Gipfeltreffen der freien Rede». Doch das war eine groteske Anmassung. Gipfeltreffen sind Meetings von Staatschefs und nicht der öffentliche Schmus zweier megalomaner Journalisten. Und freie Rede findet dort statt, wo unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen, und nicht an Orten, wo ein eindimensionaler Kanon über die bösen Ausländer heruntergebetet wird.

Das alles ficht einen Köppel wohl nicht an. Öffentlich auch nicht die permanent weiter wegbrechende Leserschaft seiner «Weltwoche». In der letzten Wemf-Mach-Umfrage setzte es ein weiteres Minus von acht Prozent ab, viel mehr als bei fast allen anderen Publikationen. Und so wird Köppel nicht nur von deutschen Talkshows abgekoppelt, sondern zunehmend auch von seinem Stammpublikum.



Roger Schawinski ist Medienunternehmer. 1979 gründete er Radio 24. Heute er betreibt er Radio 1 in Zürich, welche während vielen Jahren die erfolgreiche Sendung «Roger gegen Roger» ausstrahlte.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Ueli Custer, 14.11.2018 09:02 Uhr
    Tatsächlich hat die Weltwoche in den letzten fünf Jahren einen Drittel ihrer Reichweite verloren. Ein Minus, das im Bereich der gedruckten Informationsmedien in der Deutschschweiz nur noch von Blick und Sonntagsblick übertroffen wird. Die verbreitete Auflage ist seit 2007 sogar um 50% gesunken Er selber behauptet aber weiterhin, dass Gegenteil.

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