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Rückfall in die Radiosteinzeit

Roger Schawinski

Dies ist ein grotesker Rückfall in die Radiosteinzeit. Bakom-Chef Bernard Maissen will ein wichtiges nationales Gut, die von der Schweiz international hart erstrittenen UKW-Frequenzen, in seinen «Kellern gut einlagern». Doch der Vergleich mit hochwertigem Wein, der im Keller reift, ist völlig verunglückt. Schlimmer noch: Wer ab 2025 weiter mit UKW senden möchte, dem droht Maissen bereits jetzt «Geldstrafen und Sanktionen» an. Dies erklärte er am SwissRadioDay diese Woche (persoenlich.com berichtete). Unklar ist, ob dazu die rechtlichen Grundlagen vorliegen.

UKW soll aus drei Gründen verschwinden, verkünden die Promotoren dieses in Mitteleuropa beispiellosen Vorgehens: Erstens sei die Technologie zu teuer, zweitens veraltet und drittens liege die Nutzung im Keller. Doch all dies kann mit Leichtigkeit widerlegt werden.

So ist UKW weiterhin die weltweit am meisten genutzte Radiotechnologie. Die Tonqualität ist gemäss Studien besser als bei DAB+. Und die UKW-Nutzung liegt in der Schweiz bei 25 Prozent – und nicht, wie der Bundesrat in seiner Antwort auf die Motion Noser faktenfrei behauptet hat, bei nur noch 12 Prozent. Rund 40 Prozent aller Schweizer Autos können Radiosender heute nur über UKW empfangen. Der Radioempfang ist aber wegen der Verkehrssicherheit von besonderer Bedeutung. Ohne UKW ist die Schweiz auch nicht für den Krisenfall gerüstet, der in der aktuellen politischen Situation neue Bedeutung erlangt hat. Denn im Bunker und im Luftschutzkeller funktioniert DAB+ im Gegensatz zu UKW nicht. Damit erscheint diese erzwungene nationale Abschaltung willkürlich und widersinnig.

Ohne die im letzten Jahr von Radio 1 lancierte Petition wären alle UKW-Sender der SRG in diesem Monat August bereits ausgeknipst worden. Dies hätte wohl zu einem gewaltigen Protest weiter Bevölkerungskreise geführt. Aus Angst vor dieser Flutwelle von negativen Reaktionen sind SRG, Bakom und Uvek von ihrem vor langer Zeit ausgeheckten Plan abgerückt, indem sie das Abschaltdatum zähneknirschend auf Ende 2024 verlegt haben. Dieser Zeitpunkt wurde bewusst gewählt. Genau dann laufen die Konzessionen aller privaten Radiosender aus. Nun will man dieses Datum missbrauchen, um ihnen die UKW-Erlaubnis zu entziehen, obwohl es zwischen dem Ablauf der seit 2008 ständig verlängerten Konzessionen und der Nutzung einzelner Verbreitungstechnologien keinen logischen Zusammenhang gibt.

Besonders grotesk ist zudem der Bakom-Plan, nach 2024 weiterhin UKW-Konzessionen für Kurzveranstaltungen, etwa für Festivalradios, zu vergeben. «Es gibt gute Gründe, diesen niederschwelligen und kostengünstigen Radiozugang ab 2025 weiterzuführen», erläutert Bakom-Chef Maissen sein erstaunliches Plädoyer für eine Technologie, die er im täglichen Gebrauch unter Strafandrohung verbieten will.

1979 stieg ich auf den Pizzo Groppera, um mit Radio 24 das Radiomonopol der SRG zu brechen. 2025 wird die Situation wieder ganz ähnlich sein. Ausländische Sender können über UKW frei in die Schweiz einstrahlen – und sie werden es nach der Zerstörung des heimischen Frequenznetzes noch müheloser tun können als bisher. Millionen von UKW-Empfänger werden zu Elektroschrott. Hunderttausende können im Auto keine schweizerischen Sender mehr empfangen. Dass dies alles unter der Ägide der langjährigen ehemaligen Konsumentenschützerin Simonetta Sommaruga geschieht, setzt diesem Schurkenstück die Krone auf.



Roger Schawinski ist Medienunternehmer. 1979 gründete er Radio 24. Heute betreibt er Radio 1 in Zürich.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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