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Tomaten auf den Augen

Roger Schawinski

Der von der SVP lancierte Totalangriff gegen die SRG kommt nicht so richtig in die Gänge. So sind die degoutanten Angriffe der Weltwoche gegen Roger de Wecks Vorfahren wirkungslos verpufft und haben beim Absender mehr moralischen Schaden angerichtet als beim Angegriffenen. Erhellend ist auch Christoph Blochers Beurteilung von TeleZüri. Er möchte den Sender genau so in die Zukunft retten, wie er sich heute präsentiert. Er weiss, dass er im wichtigsten Schweizer Markt seit einigen Jahren ein hervorragendes Propagandamedium für die eigene Partei zur Verfügung hat – und dies alles  zum Nulltarif. Um dieses Werbemedium nicht zu verlieren, ist er nun sogar bereit, sich finanziell direkt zu engagieren, wie er in der Sonntags-Zeitung erklärt hat. Aber am liebsten wäre ihm eine Fortführung der heutigen Situation, denn ein offen deklariertes "Blocher-Fernsehen" würde ein grösseres Akzeptanzproblem haben als eines, das sich offiziell als neutral darstellt. Eifrigste SVP-Propagandistin gegen die SRG ist Natalie Rickli, die ihr Geld ausgerechnet bei den grössten Konkurrenten unseres Staatssenders verdient, die über ihre Werbefenster mühelos und ohne erheblichen Programmaufwand jedes Jahr weit über hundert Millionen aus dem Schweizer Fernsehmarkt abziehen, um sie den grossen deutschen Privatsendern zur dankbar empfangenen Aufbesserung ihrer Bilanzen zu überweisen. Jede Schwächung der SRG ist also im Interesse ihres Arbeitgebers, denn je tiefer die Marktanteile der SRG fallen – und das werden sie mit Sicherheit bei der Umsetzung der Rickli-Vorschläge –, desto mehr Geld fliesst aus der Schweiz ab. Aber nicht allein diese brisante Ausgangslage lässt aufhorchen, noch mehr sind es die unqualifizierten Analysen, mit welchen sie ihren Vorstoss für eine massive Reduktion der SRG-Gebühren auf 200 Franken begründet. Besonders unbedarft sind Ricklis Äusserungen zum Programm, wo sie ohne Wimpernzucken das Aus für SF2 fordert. Wo sie die vielen Top-Sportevents stattfinden lassen will, die zum absoluten Grundangebot jedes gebührenfinanzierten Senders gehören, erläutert sie nicht. Heute muss sogar SF Info herangezogen werden, wenn gleichzeitig Roger Federer und die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft spielen, um so die Bedürfnisse eines breiten Publikums abzudecken. Und wenn Frau Rickli noch erklärt, dass es weder Serien noch Spielfilme auf Öffentlichrechtlichen Sendern braucht, dann hat sie offenbar bloss noch Tomaten auf den Augen. Diese beiden Genres – nämlich der gesamte fiktionale Bereich – gehören zur Grundausstattung etwa der grossen deutschen Gebührensender wie ARD und ZDF. Es handelt sich um zentrale Programmelemente, die zum Teil allein von solchen Sendern finanziert werden können. Als genauer Betrachter der deutschen Fernsehlandschaft ist für mich deshalb klar, dass die Argumentation von Frau Rickli sowohl hilflos als auch unsinnig und damit allein ideologiegetrieben ist. Diese Diskussion ist deshalb so lästig, weil sie vom echten Thema ablenkt, nämlich, wie die SRG effizienter, schlanker und damit besser werden kann, was unbedingt erreicht werden sollte. Nach den dunklen Walpen-Jahren ist seit Beginn des Jahres eine neue Crew an der Arbeit, die sich dieser Aufgabe widmet. Noch ist nicht ersichtlich, in welche Richtung die Erneuerung gehen wird. Aber TV-Sender sind riesige Dampfer mit zum Teil mehrjähriger Vorlaufzeit bei grossen Programmvorhaben, wie jeder Insider weiss. Aber so etwas interessiert eine Natalie Rickli nicht im Mindesten. Sie ist doppelte Interessenvertreterin: für Goldbach Media und die SVP und will diese beiden Plattformen nutzen, um sich mit Getöse zu profilieren. Das sei ihr unbenommen. Aber etwas Professioneller sollte ihr Kampf doch geführt werden, damit er ernsthaft zur Kenntnis genommen werden könnte.
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