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Ueli Maurer: Bitte nicht weiterlesen!

Roger Schawinski

Schweizer Zeitungsverleger lechzen danach, sich beschimpfen zu lassen. Um ihren Jahreskongress zu schmücken, laden sie jeweils ein Mitglied der Landesregierung ein, das die Medien zuverlässig in den Senkel stellt. Diesmal war Ueli Maurer an der Reihe, und er übererfüllte die gestellte Aufgabe streberhaft. In der für ihn geschriebenen Rede wetterte er über die medialen Panscher und Vermanscher und verhöhnte wortgewaltig eine ganze Branche. Er mokierte sich über journalistische Kurtisanen, denunzierte Schludrigkeit und Kritiklosigkeit. Doch dann bestand er den Lackmustest in eigener Sache nicht. So beklagte er sich: "Ich bin jetzt bald neun Monate im Amt und wurde noch nie wirklich kritisiert. Kritik hilft immer, sich zu verbessern." Doch später fügte er im selben Gespräch hinzu: "Ich lese nie, was über mich geschrieben wird. Das riet mir einst der Abt von Disentis an einem Rhetorikkurs. Sobald ich meinen Namen in einem Artikel sehe, blättere ich weiter." Wie war das? Wie könnte er denn etwas Kritisches über sich lesen, wenn er konsequent nichts über sich liest? Und dann kritisiert er aus der Position der bewusst gewählten Unwissenheit die Arbeit von Journalisten? Ziemlich irre, oder? So rügte er die Zeitung "Sonntag", weil sie ein Interview nicht sachgerecht wiedergegeben habe. Als man ihn auf dem Podium aufmerksam machte, dass es die "SonntagsZeitung" gewesen war, beharrte er als erklärter Nichtleser und Nichtwisser hartnäckig auf seiner falschen Darstellung. Auch die seit Jahren gespielte Bescheidenheit enttarnte Ueli Maurer. Auf die Frage, weshalb er sich von der Schweizer Illustrierten in seiner Wohnung am Boden sitzend im Velodress beim Aktenstudium abbilden liess, meinte er: "Ich habe mich darüber auch geärgert, weil ich gesagt hatte: Aus der Wohnung gibt es keine Fotos. Da sieht man wieder, wie gearbeitet wird." Journalisten werden also auch hier in die Pfanne gehauen, weil er sich in seinen vier Wänden bewusst ablichten lassen wollte. Die ganze Reportage trieft von dieser unerträglichen Eitelkeit des Magistraten. Etwa wenn Maurer angibt, mit seinem Mountainbike mit 40 Stundenkilometern nach Bern zu düsen, und dies streckenweise über holprige Felder. Das würde wohl nicht einmal ein Fabian Cancellara schaffen. Aber der ehemalige Kommandant einer Radfahrertruppe will via die von ihm als unkritisch gescholtene Presse für sportliche Spitzenleistungen bewundert werden, die er nie erbracht hat. Denn noch lieber als Bundesrat wie Blocher wäre er Tour-de- France-Sieger wie Ferdy Kübler geworden. Und auch ein langjähriges Rätsel löste er endlich auf. In der Sendung "Sonntalk" sei er auf eine Bemerkung von mir nicht spontan, sondern geplant aus dem Studio geflüchtet, "um zu zeigen, wer eigentlich der Chef ist". Damit ist klar, wie er das hierarchische Verhältnis zwischen Politik und Medien sieht. Journalisten sind nützliche Idioten, mehr nicht. Und wenn nötig unterstreicht man dies mit einem gezielten Eklat. Übrigens: Der Auslöser für Ueli Maurers verfrühten Abgang war die Bemerkung, dass er von Blochers Gnaden SVP-Präsident geworden sei. Wer hätte damals gedacht, dass er einmal von Blochers Gnaden sogar zum Bundesrat gemacht würde? Als permanenter Souschef des einzig wahren "Chefs" würde er sich heute auch diese Frage verbieten. Was lernen wir aus all diesen Widersprüchen? Ziemlich viel, finde ich. Was lernt Ueli Maurer? Gar nichts. Denn Artikel mit seinem Namen liest er prinzipiell nicht.
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