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Verjagt den auktorialen Erzähler

René Zeyer

Die Debatte über Vor- und Nachteile des Haltungs-Journalismus ist zum Stellungskrieg geronnen. Die Kontrahenten haben sich eingegraben und werfen ohne Gelände- oder Erkenntnisgewinn Kampfausdrücke wie «aufklärerische vierte Gewalt» gegen «Fake News» hin und her.

Der «Spiegel», dessen Entlarvung eines Starreporters als Fälscher und Hinzudichter die Debatte im deutschen Sprachraum angestossen hatte, verliert sich in einer absurd werdenden Überprüfung der Texte von Claas Relotius («Bei der Tour de France spricht man eher von Sprintwertung als von ‹Sprintprüfung›, wie es bei Relotius heisst.»).

Auch Vorfälle im Schweizer Journalismus, wie die Kritik an diversen Recherche-Stücken der «Republik», verlieren sich etwas im Kleinklein des «Falsch. Nein, richtig. Nein, falsch. Ja. Nein. Doch», wie man es bei Auseinandersetzungen unter Kleinkindern kennt.

Dabei wäre doch das eigentliche Thema, dass der auktoriale Erzähler im Journalismus nichts zu suchen hat. Der Begriff bezeichnet in der Germanistik den allwissenden Erzähler. Also einen Autor, der eine Story sozusagen von aussen oder von oben berichtet, alles weiss und dieses Wissen dem Leser vollständig oder teilweise weitergibt. In der Fiktion eine erlaubte Perspektive.

Da er alles weiss, ist er Herr der Erzählung, weiss, wie es in seinen handelnden Figuren aussieht, welche Motive sie antreiben, welche Irrtümer ihnen unterlaufen. Nicht zu selten verbündet sich der auktoriale Erzähler mit dem Leser und schaut überheblich auf die beschränkten, ja dummen Protagonisten der Handlung herab. Und vor allem weiss der auktoriale Erzähler, wo das alles enden wird und was man tun müsste, damit es gut endet.

Genau diese Haltung hat der Reportage-Journalismus in den letzten 30 Jahren immer penetranter angenommen, obwohl sie hier nichts zu suchen hat. Aber wenn im sich zu Tode sparenden Journalismus noch die Kosten einer Reportage aufgeworfen werden, dann muss von Vornherein klar sein, was die Expedition in die Wirklichkeit ergibt.

Wenn also zum Beispiel Trump-Wähler im Hinterland aufgesucht werden, ist es völlig klar, dass es sich um dumpfe Hinterwäldler handelt, um Rassisten, die ihren berechtigten Minderwertigkeitskomplex und sexuelles Versagen mit grossen Knarren kompensieren. Zu diesem Ergebnis kamen übereinstimmend der «Spiegel»-Reporter und die Reporterinnen der «Republik». Ihre Redaktionen, ihre Leser hätten es überhaupt nicht goutiert, wenn ländliche Trump-Wähler als nachdenkliche, in ihrem näheren Umfeld illegalen Immigranten helfende, fürsorgliche und jeder Gewalt abholde Menschen porträtiert worden wären, die den Abend am liebsten mit einem guten Buch verbringen.

Beispiele aus der «Republik» und dem «Spiegel», aber es hätte auch ein Stück aus der «Weltwoche» sein können. Oder dem «Tages-Anzeiger». Oder der «Aargauer Zeitung». Rechthaberei ersetzt Recherche, Unsicherheit provoziert Überheblichkeit, ungeschriebene Regeln machen die Schreibe langweilig, das Dargebotene zum Fastfood. Schmeckt immer gleich und hat wenig Varianten. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Da sich immer mehr Menschen in modernen Staaten ihre Informationen sowieso innerhalb ihrer Denkwelt abholen, braucht es solchen bestätigenden und selbstreferenziellen Journalismus immer weniger.

Ist also der sogenannte Qualitätsjournalismus am Ende? Jein. Ja, wenn die Befindlichkeit der Leserschaft bedient wird, bis alle Beteiligten vor Langeweile gestorben sind. Ja, wenn flächendeckende Tageszeitungen, auf Papier oder digital, im Sinne der Entropie immer gleichförmigeren, breiigen, kanten- und widerspruchslosen Inhalt produzieren. Sozusagen die Granulierung des Journalismus, seine Pulverisierung zu einem Instant-Mix. Schnell zubereitet, schnell konsumiert, schnell vergessen.

Nein, wenn er sich darauf besinnt, dass man bei einer Expedition nie genau weiss, wohin sie einen führt. Nein, wenn man sich wieder daran macht, die Realität in all ihrer kunterbunten Widersprüchlichkeit, in ihrer faszinierenden Buntheit, in ihrer Fremdheit und zugleich Nähe, in ihrer Zufälligkeit, Unwahrscheinlichkeit, voller Überraschungen, voller Humanität, voller Unmenschlichkeit zu beschreiben. Verunsicherung, aber Erkenntnisgewinn, was kann es Schöneres geben.

Eine Leserschaft, die eine solche Verunsicherung mit Liebesentzug – beziehungsweise mit der Kündigung bestrafen könnte – ist leider das kleinere Problem. Das grössere besteht darin, dass Reporter wieder lernen müssten, wie man zumindest wahrhaftig schreiben kann. Wie man nicht mehr als Alles-Besserwisser die Vorurteile der Leser bestätigt und dafür hübsch Aufgeschäumtes, aber Inhaltsleeres servieren kann. Sondern mit Gehirnschmalz und handwerklichen Fähigkeiten den Leser mit Lesespass, mit dem interessant komprimierten Versuch, die Realität abzubilden, abholen muss. Dabei weder passende Zitate, noch Vorurteile bestätigende Beschreibungen verwenden darf. Das können nicht mehr viele Journalisten.



René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich. Er ist Publizist (BaZ, «SonntagsZeitung», «Weltwoche», NZZ) und Bestsellerautor.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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