Noch vor drei Jahren galt digitaler Regionaljournalismus in grossen Schweizer Verlagshäusern als sympathische, aber wirtschaftlich naive Idee. Wer auf lokale Inhalte und digitale Nähe setzte, wurde eher belächelt. Die Leitlinie war klar: Im Digitalen zähle vor allem nationale Reichweite, idealerweise über zentrale Plattformen und grosse Allianzen.
Heute präsentiert sich ein anderes Bild. Die TX Group respektive Tamedia richtet ihre Struktur neu aus, bündelt Kräfte im Digitalen und betont die Bedeutung klar positionierter Titel in ihren jeweiligen Märkten (persoenlich.com berichtete). Was lange als zu kleinteilig und ineffizient galt, wird nun wieder als Stärke verstanden: Nähe zum Publikum, Verankerung in der Region, klare Identität.
Im Zürcher Oberland war dieser Weg früh angelegt. Das Unternehmen setzte mit seiner digitalen Marke Züriost – heute als ZO-Online unterwegs – früh auf konsequent regional ausgerichteten Digitaljournalismus. Die Strategie war klar und das Profil geschärft. Später folgte ein Strategiewechsel, stark geprägt von den Vorstellungen der grossen Verlagspartner – mit dem Resultat, dass Teile der digitalen Aufbauarbeit zurückgefahren oder neu ausgerichtet wurden.
Parallel dazu setzte die Branche grosse Hoffnungen in die gemeinsame Login-Allianz der grossen Schweizer Verlage. Dieses Projekt ist faktisch gescheitert: Der erhoffte nachhaltige Durchbruch blieb aus, der Aufwand war hoch, die Akzeptanz begrenzt. Inzwischen liegt der Fokus wieder stärker auf den eigenen Marken, eigenen Zugängen und der direkten Beziehung zum Publikum.
Gleichzeitig hält künstliche Intelligenz Einzug in die Redaktionen und wird als Hebel für Effizienz und Automatisierung genutzt. Ironischerweise schafft genau diese Technologie heute jene Spielräume, die regionale Medien schon immer gebraucht hätten: Routinen lassen sich automatisieren, Ressourcen näher am Publikum einsetzen.
So schliesst sich der Kreis. Was vor wenigen Jahren noch als zu klein, zu regional und zu wenig skalierbar galt, wird nun unter neuen Vorzeichen wiederentdeckt. Man kann das als Fortschritt feiern – oder als verspätete Korrektur. Sicher ist: Hätte man früher genauer hingeschaut, wären der Branche einige verlorene Jahre erspart geblieben.
Dani Sigel ist Medienmanager und ehemaliger CEO der Zürcher Oberland Medien AG.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.



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Verlorene Jahre