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Von «A» bis «Z»ehnder

Stefan Millius

Es war ein kurioses Bild. Die St.Galler Tagblatt AG hatte zur Lancierung ihrer neuen Wochenzeitung «A» Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft eingeladen, die gebannt den laufenden Druckrollen zusehen und eine noch warme Ausgabe entgegennehmen durften. Man wollte die Neuerscheinung so richtig feierlich begehen. Aber die Aufmerksamkeit der Gäste wanderte schnell ab. Denn während mit stolzgeschwellter Brust Häppchen kredenzt wurden, kam die Eilmeldung, dass Blocher den Wiler Zehnder-Verlag kauft (persoenlich.com berichtete). Diese Nachricht hatte einiges mehr an Sprengkraft als «A», die eigentlich nur den bisherigen «Anzeiger» ersetzt und etwas weiter gestreut wird.

Der «Anzeiger» hatte schon lange nicht mehr richtig funktioniert, «A» ist nichts Neues, sondern nur der Versuch des Tagblatt, ein erfolgreicheres Wochenmedium herauszugeben – in erster Linie mit Auflagenbolzerei. Dass die Zehnder-Story der neuen Zeitung die Show stahl, liegt auch daran, dass in der ersten «A» nichts stand, was elektrisiert. In allem Ernst setzt uns die Redaktion eine ganze Seite inklusive Pro und Kontra zum Thema «Unterhose unter der Badehose?» vor, eine Debatte, die schweizweit vor den Sommerferien erschöpfend geführt wurde. Nichts gegen leichte Kost. Aber nach der überschwänglichen Ankündigung des neuen Blattes waren die Erwartungen doch leicht höher gewesen.

In aller Regel geben sich Verlage Mühe, wenigstens die ersten paar Ausgaben eines neuen Mediums so richtig zwingend zu gestalten, bevor man dann abflachen darf. Hier wurde nicht mal der Versuch unternommen. Die grösste Neuerung besteht eigentlich aus dem Wechsel vom Tabloid zum Zeitungsformat – und fertig. Aber wenigstens können nun die Zahnprothesen-Werbekunden ihre Gebiss-Abbildungen grösser zeigen.

Am Tag danach sprach das «Tagblatt» in der Berichterstattung über den Verkauf der Zehnder-Blätter von einem «Niedergang» des Wiler Verlags und schwadronierte über dessen fehlende journalistische Relevanz. Das heisst dann wohl im Umkehrschluss, dass ein freundliches Porträt über Mona Vetsch in der ersten «A»-Ausgabe eine journalistische Parforce-Leistung ist. Schliesslich hat man über die Radio- und TV-Frau zuvor noch nie etwas gelesen.

Aber ironiefrei: Auch die neue «A» bietet wie zuvor der «Anzeiger» wesentlich weniger Relevantes zu lesen als St.Galler Nachrichten, Wiler Nachrichten und wie sie alle heissen. Man kann das auf die unterschiedliche Ausrichtung zurückführen, «A» will offenbar vor allem gesellschaftliche Themen abdecken und die Finger von der Politik lassen. Es mutet aber doch seltsam an, wenn man sich selbst als Olymp des regionalen Journalismus feiert und gleichzeitig ein Blatt lanciert, das schon auf den ersten Seiten auf eine Vorschau auf ein Stadtfest als Aufmacher setzen muss. Aber wer A sagt, muss bekanntlich auch B sagen. Vielleicht wirft uns ja Ausgabe Nummer 2 um. Und sonst hoffen wir auf Blocher.

Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur insomnia GmbH in St.Gallen.

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Kommentare

  • Aldrovandi Mario, 18.08.2017 16:58 Uhr
    Danke für diese klaren Worte. Zuviele Journalisten und Verleger glauben noch selber an ihre eigenen höheren Weihen, liefern den Beweis aber nicht ab.
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