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Wie viele missliebige Meinungen sind tragbar?

Marcus Knill

In Deutschland kennen wir die Debatte, ob AfD-Mitgliedern das Wort verweigert werden kann, nur weil ihre Meinung als extrem empfunden wird. Sandra Maischberger oder Anne Will klammern jedenfalls die AfD bei Gesprächen weitgehend aus. Diese Willkür kommt in der Öffentlichkeit nicht gut an, zumal die AfD gleichsam zu einer Volkspartei aufgestiegen ist – 12 Prozent – und ihr daher keine Maulkörbe verpasst werden dürften.

Die Demokratie lebt bekanntlich vom Austausch «Meinung – Gegenmeinung». Jeder, der sich für Dialoge stark macht und Kommunikationsprozesse ernst nimmt, lässt auch missliebige Meinungen zu. Ausnahme: Wenn jemand gegen festgelegte rechtliche Bestimmungen verstösst.

In der Schweiz wurde nach der jüngsten «SRF Club»-Sendung darüber debattiert, wie viel Raum das Fernsehen den Corona-Skeptikern geben darf (persoenlich.com berichtete).

Die Diskussion über den Umgang mit Randpositionen läuft derzeit unter dem Titel «False Balance». Die Auswahl der Gäste wurde beanstandet und der Tagesanzeiger stellte sogar im Titel seiner Analyse die Grundsatzfrage: Sollten Medien mit Corona-Skeptikern reden?

Das Dilemma

Auf der einen Seite ist die Meinungsfreiheit hochzuhalten und Moderatoren sind verpflichtet, «moderat», unparteiisch, ausgewogen zu moderieren. Sie dürfen bei der Auswahl der Gäste nicht manipulieren und missliebige Meinungen haben sie zu erdulden.

Auf der anderen Seite gibt es die Forderung, dass die Gästeauswahl die realen Verhältnisse abbilden sollte. Es liegt an der Einstellung von Journalisten, ob eine Diskussion ausgewogen (ausbalanciert), fair und dennoch hart geführt wird. Moderieren ist und bleibt eine Königsdisziplin. Es war noch nie einfach, ein Thema hart, aber fair zu diskutieren.

Bei der Auswahl der umstrittenen jüngsten «Club»-Sendung wurde beanstandet, dass die beiden Moderatoren Sandro Brotz und Barbara Lüthi drei Gäste ins Studio eingeladen hatten, die den Corona-Massnahmen kritisch gegenüberstanden (Michael Bubendorf, Priska Würgler und Reto Brennwald). Auf der Seite der Befürworter durften hingegen nur zwei Vertreter debattieren (Manuel Battegay und Alain Schnegg).

Wegen dieser anscheinend zahlenmässigen Ungleichheit kann dem Moderatorenteam kein Vorwurf gemacht werden. Denn es standen im Grunde genommen zwei Befürwortern zwei Gegner gegenüber. Reto Brennwald wurde als Autor eines Dokumentarfilmes zur Thematik vorgestellt. Obschon er persönlich gewisse Massnahmen auch kritisch betrachtet, empfand ich ihn als neutral, weil er vor allem eine Aussensicht vertrat.

Es ist ein heikles Unterfangen, wenn Teilnehmer an einer Debatte proportional zur angeblichen Meinung eingeladen werden müssen. In jedem Duell hat die Minderheitsmeinung meist einen Vorteil. Würde das Fernsehen bei einer Diskussion über ein Volkseinkommen debattieren und deshalb nur einen Befürworter und drei Gegner einladen – weil die Programmverantwortlichen glauben, dass nur wenige das Anliegen unterstützen – so würde dies sehr manipulativ wirken.

Wer müsste entscheiden, welche Meinung wie stark vertreten ist? Oder: Welche Seite verbreitet angeblich falsche Argumente?

Bis anhin hat sich die Arena stets an den bewährten Modus gehalten: Gleich viele Gegner und gleich viele Befürworter kreuzen die Klinge.

Hat tatsächlich das Moderatorenduo im «Club» versagt?

Im Gegenteil: Wir müssen dem Duo Lüthi/Brotz Lob zollen. Es ist den beiden gelungen, als Brückenbauer ihr Ziel zu erreichen. Beide Seiten hat das Duo zu Wort kommen lassen und es moderierte ausgewogen. Auf beiden Seiten standen sich medienrhetorisch gute Debattierer gegenüber. Das Duo liess missliebige Voten zu und hinterfragte beide Seiten, soweit dies in einer Live-Sendung möglich ist.

Wussten Sie, dass es eine Manipulationsmöglichkeit gibt, die kaum jemand erkennt und sie auch nicht nachgewiesen werden kann?

Wenn eine verantwortliche Moderatorin einstellungsmässig auf einer der Seiten steht, kann sie die Sendung völlig korrekt, moderat und neutral moderieren, bietet aber bei der Auswahl der Diskutanten auf der einen Seite zwei brillante Redner auf und auf der anderen zwei schwache Figuren. Diese versteckte Manipulation lässt sich kaum nachweisen. Sie ist aber äusserst nachhaltig.

Wir sehen: Letztlich steht und fällt die Ausgewogenheit mit der Kompetenz und Korrektheit der Journalistinnen und Journalisten. Es ist deshalb wichtig, dass jedes Journalistenteam hinsichtlich politischer Gesinnung möglichst pluralistisch zusammengesetzt ist.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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