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Zuerst geht es ums Fressen

Roger Schawinski

Bei jedem Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Dieser Spruch gehört in den Zeiten der «embedded journalists » zum gängigen Vokabular. Doch die Weisheit reicht weiter. Nicht nur beim echten Schiesskrieg, sondern auch im Wirtschaftskrieg trifft sie zu. Das heisst eben hier und heute. Und dies vor allem bei den Medien. Wie oft mussten wir in letzter Zeit Aussagen von ernsthaften Menschen lesen, dass die Qualität der eigenen Zeitung durch den Abbau von Mitarbeitern nicht gehalten, nein, dass sie sogar gesteigert werden könne? Diese lächerlichen Schutzbehauptungen, mit denen die vom eigenen Verleger verordneten Kahlschlag-Aktionen schöngeredet werden, hat man meist im Brustton der Überzeugung und ohne echte Widerrede vorgetragen. Etwa der neue, blitzgescheite Tagi-Chef Res Strehle. Aber dieses Paradoxon steht nicht allein. Ein weiteres Beispiel ist die Einführung des «Newsrooms», mit der etwa bei Ringier nochmals happig Personal entsorgt werden soll. Journalisten sollen von nun an für mehrere hauseigene Medien gleichzeitig anliefern. Bei Ringier sind es gleich vier: Blick, Blick am Abend, Sonntags-Blick und Blick online. Aber das ist nur das eine. Gleichzeitig geht auch der von den Grossverlegern so oft beschworene «Binnenpluralismus » definitiv den Bach runter, mit dem man bisher die eigene Medienmacht kleingeredet hat. Nun kann man sich bloss noch den Eintopf leisten. Der ist kostengünstiger aufzubereiten, allerdings schmeckt er immer etwas fad, wie etwa ein Blick auf die Welt-Gruppe bei Springer zeigt, wo Artikel zwischen Welt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost wild recycelt werden. Der epochale Wandel geht jedoch noch einen entscheidenden Schritt weiter. So warf Ringier in Osteuropa viele Boulevardzeitungen auf den Markt, die brutal auf den Putz hauten. Ganz anders in der Schweiz. Hier verpasste man dem Blick einen sanften, politisch klar links ausgerichteten Kurs. Auf diese Weise markierte man ein verlegerisches Credo, das sich vor allem in der Totalablehnung von Blocher und seiner Partei manifestierte. Schliesslich lebt man als Verleger in diesem Land und will sich nicht bei jeder Party für alle Exzesse in den Bereichen Sex, Crime und Fremdenhass rechtfertigen müssen. Man leistete sich also während vieler Jahre diesen von Chefpublizist Frank A. Meyer verordneten Kurs und nahm dabei in Kauf, dass man damit den auflagemässigen und Kommerziellen Niedergang der einst grössten Zeitung des Landes verwaltete. Doch dann kam in diesem Frühling der wirtschaftliche Hammermann – und damit war es vorbei mit dieser publizistischen Haltung. Sie wurde blitzschnell über Bord geworfen. Nun schaltete man ruppig auf Boulevard total und holte sich mit dem Deutschen Ralph Grosse- Bley den im eigenen Hause erprobten Boulevard- Berserker (NZZ) von der Bild-Zeitung zurück, den Hauptverantwortlichen der Borer-Affäre. Bei ihm ist man im Gegensatz zu den zögerlichen Schweizer Journalisten sicher, dass er an Grenzen geht und – wenn es eine geilere Schlagzeile gibt – auch locker darüber hinaus. Mit diesem Brachial-Boulevard will man nun Auflage bolzen, und die ersten Zeichen deuten in diese Richtung. Alles frei nach Brecht: Zuerst geht’s ums Fressen. Und für die Moral reicht das Budget nicht mehr. Was aber geschieht, wenn die Werbung wieder zurückkommt, vielleicht nicht mehr so wuchtig wie vor der grossen Krise, aber immerhin mit einer klaren und steilen Tendenz nach oben? Werden dann alle diese personellen und inhaltlichen Entkernungen rückgängig gemacht? Ich befürchte, dass die Antwort negativ ist. Vielen Verlegern kommt die aktuelle Situation zupass, um unter dem Vorwand einer echten Bedrohung Massnahmen zu veranlassen, die ihnen eigentlich ganz gut gefallen, deren Umsetzung sie sich unter anderen Umständen aber nicht getraut hätten. Die Wahrheit ist eben immer das erste Opfer. Auch hier. Im Krieg und in den Medien.
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