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Zukunft sichern statt Leiden verlängern

Roger Schawinski stilisiert seinen Kampf für den Weiterbetrieb von UKW zur Existenzfrage – als läge die Zukunft des Radios in dessen Vergangenheit. Dabei müsste er es selber besser wissen: Vor acht Jahren schaltete Schawinski die UKW-Verbreitung seines Radio 1 im Kanton Glarus ab. Der Südostschweiz sagte er damals: «DAB+ ist die Verbreitungsform der Zukunft. Darüber herrscht Einigkeit.»

UKW-Radios: Schwache Bilanzen, laute Nostalgie

Wie viele andere Privatradios steht auch Schawinskis Radio 1 unter Druck. Seit Jahren sinken die Reichweiten der Sender, die an UKW festhalten wollen, und sie schreiben Verluste. Bei Radio 1 war es in 17 Jahren ein Verlust von 8 Millionen Franken – ein Leistungsausweis, der kaum dazu befähigt, der gesamten Branche Ratschläge zu erteilen.

Die jüngsten, punktuellen Reichweitenanstiege sind kein Trend, sondern ein Nebeneffekt der UKW-Abschaltung der SRG. Es wird bei einem kurzen Ausschlag bleiben, der wieder verpufft. Die längerfristige Hörerwanderung führt längst ins Digitale. Weiter auf UKW setzen zu wollen und die von der gesamten Radiobranche vereinbarte Abschaltung zu hintertreiben, bringt die goldenen Zeiten nicht zurück.

Eine Verlängerung des UKW-Betriebs herbeizulobbyieren, verhindert nur, dass die Branche die realen Herausforderungen endlich anpackt. Gemäss den publizierten Jahresabschlüssen sanken die Werbeeinnahmen vieler Privatradios seit 2019 um bis zu 30 Prozent. Trotzdem halten die Sender an den klassischen Werbespots fest, nicht aus Überzeugung, sondern weil ihre digitalen Erlöse (noch) tiefer sind und sie zu wenig in neue Inhalte, Formate oder Datenkompetenz investiert haben.

Statt eine ehrliche Debatte über Reichweiten, Verluste und Zukunftsmodelle zu führen, verbreiten die Radios, die nun weiter auf UKW senden wollen, Schawinskis Narrativ unkritisch weiter – obwohl ihre eigenen Zahlen das Gegenteil zeigen. Eine Branche, die ihre strukturellen Probleme nicht benennt, schwächt sich selbst: im Markt durch sinkende Relevanz und im Bundeshaus durch verlorene Glaubwürdigkeit.

Digitalisierung: Von UKW-Einöde zu Radiovielfalt

Der Medien-Strukturbericht des Bakom zeigt ein völlig anderes Bild, als die UKW-Nostalgiker es zeichnen: Seit 2015 ist die Zahl der gemeldeten Radioprogramme von gut 43 auf 235 gestiegen. Anstelle von 43 UKW-Lokalradios, die immer die gleiche Musik spielen, entstand auf DAB+ und online eine lebendige Radiolandschaft von Klassik bis Volksmusik, von Dance bis Jazz, von Religion und Kultur zu Sport und Politik. Möglich wurde das durch Digitalisierung, Deregulierung und technologische Innovation. So sanken etwa die DAB+-Verbreitungskosten von 250’000 auf rund 15’000 Franken pro Jahr für ein Startup-Radio. UKW war jahrzehntelang streng reguliert, weil Frequenzen knapp sind und der Staat sie zuteilen musste. Mit DAB+, Kabel und Internet fiel diese Knappheit weg. Deshalb hob der Bundesrat bei der RTVG-Revision die Konzessionspflicht für Programme auf – für mehr Wettbewerb und mehr Vielfalt.

Der Rückgang der UKW-Nutzung ist deshalb kein Hörerverlust, sondern eine Hörerwanderung zu einem besseren, vielfältigeren Angebot. Erfolgreich sind jene Sender, die neue Inhalte bieten, nicht jene, die UKW-Formate digital kopieren. Auch die SRG zeigt, was digitale Programme leisten können: SRF 4 News, Virus, Musikwelle, Swiss Jazz und Swiss Classic wachsen und gewinnen mit jeder UKW-Abschaltung weiter Publikum. Genau das war das Ziel der digitalen Migration, die der Bundesrat 2014 skizziert hat. Dieser Plan ist aufgegangen: Heute wird Radio in der Schweiz zu rund 90 Prozent digital genutzt. Das ist kein Untergang, sondern ganz normaler Wettbewerb: Menschen wechseln dorthin, wo Inhalte schweizerisch und lokal verankert, vielfältig, zeitgemäss und schlicht besser sind.

Nicht der Mythos eines Einzelnen soll entscheiden

Am 9. Dezember entscheidet der Ständerat, ob die Schweiz am analogen UKW festhält oder der digitalen Realität folgt. Entscheidend sollte nicht der Mythos eines Einzelnen sein, sondern die Fakten einer ganzen Branche – und die Erfolge jener, die längst in die Zukunft investieren.



Thomas Gilgen ist Medienunternehmer (Digris AG, Open Broadcast) und Mitglied im Vorstand des Verbands Unikom – Radios & Audiomedien.

Am kommenden Sonntag diskutiert in der Sendung «Doppelpunkt» auf Radio 1 Reto Wettstein als Vertreter von Unikom mit Roger Schawinski über die UKW-Abschaltung.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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KOMMENTARE

Beat Sieber
07.12.2025 23:15 Uhr
@ Herr Wettstein von "Radio 2Go". Noch Tipp, falls UKW bleibt. Bewerben Sie sich für Ihr Radio nochmals um UKW-Frequenzen. Damit Sie eine breitere Basis haben für eine zu bildende Stammhörerschaft. Diese Frequenzen können Sie dann ca. 2 Jahre betreiben und dann, wenn eine Zielgrösse erreicht wurde, auf DAB+ mitnehmen. Praktisch in allen Haushalten und Werkstätten stehen vielfach noch UKW-Radios herum. Mehr, als DAB-Radios. Ich habe nachgesehen. In der Region Brugg-Nordaargau wären die 91.8 und 100.5 MHz frei, welche Argovia früher nutzte. Vielleicht könnte man noch die 101.3 nutzen, welche auf dem Chestenberg koordiniert war. Dann machen Sie das bekannt, damit die potenziellen Hörer dies mitbekommen. Machen Sie auf dem Neumarkt-Platz einen Stand oder auch noch an weiteren Orten. Gehen Sie zu den Leuten. Sie brauchen Stammhörer am Kernort. Machen Sie ein Radio mit lokalem Bezug und bauen den Kreis aus. Dadurch haben Sie die Chance, langsam die Werbeeinnahmen zu steigern und dem Radio zum Durchbruch zu verhelfen. Der lokalere Bezug hebt sich von anderen Radios ab.
Beat Sieber
07.12.2025 13:21 Uhr
@ Herr Wettstein. Bitte bleiben Sie auf dem Boden. Formulierungen wie unschweizerisch und Verrat passen eigentlich nicht zum Vokabular einer sachlichen Diskussion. Wenn Sie als Grossrat und Unternehmer argumentieren. Unternehmer sein bedeutet auch, Risiken einzugehen. Wenn ihr Radio eine namhafte Hörerschaft hätte, hätten Sie sicher nicht in Solothurn und Basel DAB+ abgestellt. Zeigt, dass das "2Go"-Experiment nicht klappte. Ausserdem von Verrat zu sprechen, weil man die Branchenvereinbarung ändert, weil die Entwicklung einen anderen Weg geht, ist nicht seriös. Ich verfolge schon seit Jahren die Entwicklung der Radio-Medien. Ich widerspreche ganz klar der Aussage, dass die Privaten DAB unbedingt wollten. Und dass die 40 Kleinradios hintergangen wurden, wie Sie behaupten, ist krass. Die Kleinradio-Unternehmer haben gewusst, dass sie ein Risiko eingehen. Es gibt keine goldenen Fallschirme wie bei den Banken. Ich habe Sie heute gehört in der Sendung "Doppelpunkt" auf Radio 1. Ihre Argumentationen und die Aussagen waren widersprüchlich. Nachzuhören Podcast Radio 1 oder heute am Abend in der Wiederholung. Ich hoffe für Sie, dass Sie einen Weg finden, ihr Radio zum Erfolg zu machen, auch wenn UKW bleibt. Bei den nächsten Wahlen werde ich mich allerdings daran erinnern, was Sie geschrieben haben.
Thomas Gilgen
07.12.2025 09:07 Uhr
Unter dem Link «Dieser Plan» (Seite 23) finden Sie den genauen, chronologischen Ablauf mit allen Beschlüssen, Vereinbarungen und politischen Entscheidungen – vollständig dokumentiert und für alle einsehbar. Das bestätigt genau das, was ich bisher beschrieben habe. Zu Ihrer Bemerkung zu den Hörerzahlen kleiner Radios: Diese Programme werden nicht nicht gehört, sondern schlicht nicht gemessen. Jedes Radio kann das mit seinen Streamingzahlen belegen – hier ein Beispiel: https://www.facebook.com/photo/?fbid=10238563136193621&set=a.3840455806385 Die offiziellen Messsysteme sind für kleine Reichweiten (Startups, Nischenprogramme) ungeeignet, ein klassischer messbedingter Blind Spot (Visibility Gap). Das sagt mehr über die Messmethode aus als über die tatsächliche digitale Nutzung. Kurz; Das Panel ist viel zu klein für eine vielfältige Radiolandschaft. Mediapulse misst mit 1533 Personen stellvertretend für 7,2 Mio. Menschen – also weniger als eine Messperson pro Gemeinde. Zu diesem Thema werden Sie in Kürze mehr erfahren: Radio-data.ch wird zusammen mit Sotomo ein neues digitales Messsystem vorstellen, das diverse Messlücken (Kopfhörernutzung, Visibility Gap, Realtime) schliesst und erstmals auf IP-Daten basiert – so, wie es im Online- und Marketingbereich längst Standard ist. Man kann politisch darüber streiten, wie schnell oder wie langsam man UKW abschalten soll. Was aber nichts nützt, ist so zu tun, als läge die Zukunft des Radios in der Verlängerung seiner Vergangenheit.
Beat Sieber
06.12.2025 13:59 Uhr
@ Herr Gilgen. Vielen Dank für Ihre Replik auf meinen Kommentar. Zu den Details, die Sie behaupten, will ich nicht näher eingehen, weil die Verifikation schwierig ist. Sie schreiben, dass die Privatradios DAB-Einführung wollten. Meiner Erkenntnis nach stimmt dies nicht. Viele Privatradiobetreiber waren kritisch gegenüber DAB. In den Jahren 2000 bis 2010 war kein Interesse da. Das Bakom erstellte eine Studie mit möglichen Szenarien mit UKW, HD-Radio und DAB. In dem Trägerverein, wo ich Mitglied bin, habe ich den Anstoss gegeben, auch auf DAB+ zu senden. Dort war man auch zurückhaltend. Nicht zuletzt wegen den Verbreitungskosten Simulcast DAB u.UKW. Haupttreiber von DAB war die SRG, welche das Bakom auf ihrer Seite wusste. Bis 2011 war praktisch nur die SRG auf DAB aktiv. 2013 fing dann die Digris an mit ersten Insel-Netzen in der Romandie. Ab 2015 waren dann die Netze der SRG auf DAB so ausgebaut, dass sie für den praktischen Empfang taugten. Aber es brauchte Kampagnen, um überhaupt DAB bekannt zu machen. Trotz allen Bemühungen scheinen die Hörerzahlen der Digris-Radios nicht überzeugend für die Werbevermarkter. Wie allgemein bekannt, gehen die Hörerzahlen der Linearradios zurück. Es gibt gar keinen Bedarf an so vielen neuen Radioanbietern. Auch, wenn UKW per Verbot verschwindet, werden die Hörerzahlen nicht besser werden für die Kleinradios. Letzthin war ja auch das Experiment mit Displaywerbung gescheitert. Die SRG hat schon 2020 ihre Spartenkanäle Jazz, Klassik und Pop abstossen wollen und gegenwärtig wieder. Nur CH-Pop hat einen Interessenten gefunden. Wenn UKW verboten wird, wird es nur Verlierer geben im linearen Radio. Weil die Hörerschaft abdriftet auf Grenzsender oder meist ins Web oder abstinent wird.
Reto Wettstein
06.12.2025 13:36 Uhr
Herr Sieber, seit mehr als 25 Jahren trage ich in verschiedenen Funktionen Verantwortung in Staat und Gesellschaft. Ein solcher Verrat gegen Treu und Glauben, Unternehmertum, fairen Markt, Digitalisierung und Fortschritt habe ich noch nie gesehen. Wir sind mit Radio 2Go.ch - schweizweit Freizeit - 2021 angetreten und haben persönlich investiert im Vertrauen darauf, dass sich Ende 2023 im CH Radiomarkt mit der 2020 freiwillig vereinbarten vorzeitigen Abschaltung von UKW etwas bewegt und sich daraus Chancen ergeben. Seiter wurden wir und 40 weitere digital only Radios bereits zweimal hintergangen. Was Sie ebenfalls verschweigen; seit 2024 senden wir zusätzlich neu in der Südostschweiz. Wir glauben nachwievor an das Medium. Die Technologie funktioniert. Die Hörer danken es uns. Der Bundesrat weiss darum und lehnt deshalb auch die Motion zu recht ab. Jetzt hat es der Ständerat in der Hand, Recht und Ordnung zu wahren. Es wäre äusserst unschweizerisch und zum Nachteil der Radiozukunft, diejenigen, die sich an die Regeln halten, dafür zu bestrafen.
Thomas Gilgen
06.12.2025 09:44 Uhr
Lieber Herr Sieber, was gern verdrängt wird: Es waren die UKW-Radios selbst, die DAB+ forderten – etwa durch die Gründung von SwissMediaCast. Als dann eine technologische Innovation aus dem Umfeld der UNIKOM die DAB-Verbreitungskosten von rund 250'000 auf 15'000 Franken pro Sender und Jahr senkte und sich das Radioangebot zwischen 2014 und 2016 verdoppelte, geriet das Geschäftsmodell der SwissMediaCast ins Wanken. Denn plötzlich konnten neue Anbieter kostengünstig senden – die Eintrittsbarrieren fielen. Diese Marktöffnung hatte die UKW-Lobby nicht einkalkuliert. Also setzte sie in einer RTVG-Teilrevision durch, dass der Bund bis zu 80 % der DAB-Verbreitungskosten übernimmt – insgesamt 84 Millionen Franken. Nur so konnten die UKW-Radios als SwissMediaCast-Aktionäre ihr eigenes Netz refinanzieren und sich gegen den Preiszerfall behaupten. Die Subventionen waren an die UKW-Abschaltung bis spätestens 2024 gebunden (siehe publizierter Plan). Dann folgte eine beispiellose Serie von Forderungen: Die UKW-Lobby verlangte, dass die ursprünglich 2019 auslaufenden Konzessionen ohne Ausschreibung bis 2024 verlängert werden – und bekam sie. 2020 unterschrieb sie erneut eine Branchenvereinbarung zur UKW-Abschaltung. 2023 forderte sie abermals eine Verlängerung – diesmal um ganze sieben Jahre. Bundesrat Rösti bot als Kompromiss zwei Jahre bis Ende 2026. Jetzt, trotz allem, fordert die gleiche Lobby nochmals eine Verlängerung bis 2030 – erneut ohne Ausschreibung, obwohl der Bundesrat klargemacht hat: Das war die letzte Frist. Parallel dazu versuchten Vertreter der UKW-Radios, die SRG zur Aufgabe ihrer erfolgreichen Spartensender zu drängen, um selbst in diese Märkte vorzudringen. Kurz gesagt: Dieselben Akteure, die DAB+ einst durchsetzten, haben Millionen kassiert, Vereinbarungen unterzeichnet, Konzessionen ohne Ausschreibung verlangt – und torpedieren nun dreist, was sie selbst ermöglicht haben. Wer heute von «Zwang» spricht, verschweigt die eigene Rolle – und die Verantwortung, die man längst übernommen hatte.
Beat Sieber
05.12.2025 13:20 Uhr
Herr Gilgen, warum braucht die Unikom das weltweite Unikum, UKW mit Hilfe vom Staat zu verbieten? Weil seit 1998, als die ersten DAB-Netze in der Schweiz in Betrieb gingen, DAB-Geräte Ladenhüter waren. Dann hat man ab 2010 DAB+ eingeführt und die Geräte konnte man für DAB+ nicht mehr gebrauchen. Nun will die Unikom im Schlepptau der SRG per Staatshilfe den Empfangsweg kappen, welchen viele Radiohörer immer noch nutzen. Nur, um das gescheiterte Geschäftsmodell DAB am Leben zu erhalten. Wenn Radioveranstalter ihre Hörer per UKW erreichen, dann lasst denen diesen Verbreitungsweg. Nach Ablauf der Bakom-Stütze haben anfangs 2025 einige DAB-Verbreiter ihre DAB-Ausstrahlung beendet. So hat auch Herr Wettstein ("2Go") in Basel und Solothurn abgestellt. Zur Not musste der DLF als Füllmaterial hinhalten. Im übrigen will auch die SRG die erwähnten Musik-Spartenkanäle abstossen. Die digitale Zukunft ist im Webbereich zu suchen, wo es für jeden Geschmack etwas gibt. DAB+ ist nur eine temporäre Erscheinung und Fass ohne Boden.
Ernst Werder
05.12.2025 10:20 Uhr
Zahlen können über den Daumen gepeilt, erfunden oder seriös recherchiert werden. Mediapuls: HörerzahlenVirus: 1. Semester: 24'000 2. Semester: 29'000 1. Semester: 35'000 Wenn dies kein Wachstum ist, was ist es denn?
Andi Neukomm
05.12.2025 09:43 Uhr
Die Hörerzahlen von Virus wachsen? Wer hat diesen Witz erfunden? Stagnation pur entspricht eher der Wahrheit, bei, sagen wir +/- 20'000? 7-stelliges Sparpontential bei Abschaltung. Niemand würde es bemerken.
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