02.02.2021

Serie zum Coronavirus

«Im internationalen Vergleich ist die Schweiz enttäuschend»

Der Schweizer Journalist Guido Mingels berichtet für den Spiegel aus San Francisco. Er erlebt die USA in einem Zitterzustand und beobachtet die Krisengewinner des Silicon Valley mit Sorge. Als Autor der Kolumne «Früher war alles schlechter» gewinnt er dagegen dem Umgang mit Covid Positives ab.
Serie zum Coronavirus: «Im internationalen Vergleich ist die Schweiz enttäuschend»
Guido Mingels arbeitet seit bald zehn Jahren für das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Jetzt berichtet er aus San Francisco, wo er mit seiner Familie lebt. Zuvor war er unter anderen für die Berner Zeitung und das Tages-Anzeiger-Magazin tätig. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Mingels, Sie sind für den «Spiegel» mit Ihrer Familie in San Francisco stationiert. Wie erleben Sie die USA wenige Tage nach dem Amtsantritt von Joe Biden?
In einem Zitterzustand. Die Erleichterung insbesondere hier an der liberalen Westküste ist gross. Aber es bleibt verstörend, wie knapp das alles war, wie real die Möglichkeit, dass der Trumpismus triumphiert hätte. Es ging am Ende um ein paar zehntausend Stimmen in einer Hand voll Swing-Staaten. Ob die amerikanische Demokratie nochmal vier Jahre Trump überlebt hätte, ob die Dämme weiter gehalten hätten gegen die autoritaristischen Zugriffe, ist offen. Gleichzeitig ist da jetzt nach dem Machtwechsel aber auch eine grosse Hoffnung.

Inwiefern?
Der Angriff auf das Kapitol durch die Trump-Horden hat womöglich doch auch einigen Republikanern gezeigt, wie nah an den Abgrund sie sich haben führen lassen. Sollten dieser Schock und die Mehrheitsverschiebung im Senat endlich den ewigen Stillstand in Washington aufzuweichen helfen, dann sind unter Joe Biden grosse Projekte möglich: eine entschlossene Klimapolitik mit globaler Strahlkraft, grössere Rassengerechtigkeit, umfassende Infrastrukturprojekte, eine Reparatur der internationalen Allianzen, die Zivilisierung der Tech-Giganten und, vordringlich, die Überwindung der Pandemie durch kompetente Politik und in der Folge der Wiederaufbau der angeschlagenen Wirtschaft. Natürlich kann aber auch alles furchtbar schief gehen und in vier Jahren sitzt wieder ein Trump-Apologet im Weissen Haus – womöglich eines seiner Kinder. Dann gute Nacht.

Wird sich für den einzelnen Amerikaner jetzt viel ändern?
Hoffentlich. Das ist die grosse Chance der Biden-Administration: Sie übernimmt das Kommando an einem sehr tiefen Punkt und es kann eigentlich nur besser werden. Wenn das 1,9-Trillionen-Dollar-Hilfs- und Konjunktur-Paket in der geplanten oder in einer abgespeckten Version tatsächlich durch den Senat kommt, dann werden die Leute das spüren, ganz konkret. In Form von Nothilfe-Checks im Briefkasten, von Krediten für Unternehmer, von neuen Jobs für die vielen Millionen Arbeitslosen, wenn sich das Leben hoffentlich zu normalisieren beginnt und die Wirtschaft wieder in Gang kommt. 2021 könnte das grosse Aufatmen sein.

«Womöglich sitzt wieder ein Trump-Apologet im Weissen Haus – womöglich eines seiner Kinder. Dann gute Nacht»

Wie sehr beeinträchtigt Corona momentan Ihren Alltag?
Wir leiden auf privilegierte Weise. Meine Frau und ich können beide unserer Arbeit von zuhause aus nachgehen, die Schule unserer Kinder blieb fast die ganze Zeit über geöffnet. Wir haben Glück. Natürlich ist da überall ein grosses Weniger: weniger Reisen, weniger Freunde treffen, weniger Freiheit, weniger Kultur. Aber ich rede für meine Geschichten mit vielen Menschen, die ihre Jobs oder gar ihr Zuhause verloren haben, deren Unternehmen vor dem Ruin stehen, die mit ihren Kindern seit Monaten kaum aus dem Haus kommen, deren Familien zerbrechen oder die gar Angehörige verloren haben. Da sind unsere kleinen Sorgen vernachlässigbar.

Gehen Sie noch raus für Interviews und Recherche oder erledigen Sie alles im Homeoffice?
Seit der verschärften Stay-home-Anweisung in Kalifornien vom Dezember habe ich ganz auf Flugreisen im Land verzichtet. Das schränkt natürlich manche Projekte für Geschichten ein. Und es gibt auch für lokale Recherchen hier in der San Francisco Bay Area kaum noch Gesprächspartner, die zu physischen Treffen bereit sind, was ja auch richtig ist. Mein letztes «echtes» Interview war vor ein paar Wochen mit dem Politologen Francis Fukuyama, gemeinsam mit einem Kollegen. Wir trafen uns mit Masken und in gebührendem Abstand vor einer Kneipe in Palo Alto. Als wir uns begegneten, hatte ich den Eindruck, dass wir alle kurz überrascht waren, dass man überhaupt noch ohne Zoom-Bildschirm miteinander sprechen kann.

Wenn Sie Ihre Situation während der Coronazeit in den USA mit derjenigen in der Schweiz oder in Deutschland vergleichen, was sind die wesentlichsten Unterschiede?
Da fehlt mir ein wenig die konkrete Anschauung, da ich pandemiebedingt leider kaum mehr in Europa war. Die Zahlen sagen, dass es Deutschland unter diesen drei Ländern am besten macht. Der Umgang der Schweiz mit dem Virus ist im internationalen Vergleich enttäuschend. Ein Land wie die Schweiz, von überschaubarer Grösse, mit starken Institutionen, mit grossen finanziellen Ressourcen und hohem öffentlichen Vertrauen wäre prädestiniert gewesen, diese Krise besser als andere zu meistern.

«Das öffentliche Gesicht der Digitalisierung verschwindet und zieht sich ins Private zurück»

Nun hat die Pandemie die Digitalisierung stark beschleunigt. Ist dies im Silicon Valley, direkt in Ihrem Einzugsgebiet, spürbar und wenn ja, wie?
Mit der neuen Homeoffice-Kultur kommt die Gegend um San Francisco als Zentrum der Digitalindustrie mit ihren vielen Tech-Jobs besser zurecht als andere. Das gilt auch als wesentlicher Grund dafür, dass die Bay Area immer vergleichsweise tiefe Infektionszahlen aufwies. Es gibt hier mehr Menschen als anderswo, die es sich leisten können, zuhause zu bleiben. Paradoxerweise – so erlebe ich es – scheint die Beschleunigung der Digitalisierung dazu zu führen, dass man ihre Strukturen immer weniger sieht. Ich sehe die Pendlerbusse der Google- und Facebook-Angestellten nicht mehr. Ich sehe die selbstfahrenden Waymo-Autos im Trainingsmodus in der Stadt nicht mehr, ich benutze keine Ubers und keine Elektro-Roller mehr, gehe nicht mehr in den bargeldlosen Amazon Go-Laden. Die ganzen Tech-Konferenzen, auf denen Startups zu Hunderten ihre Ideen vorstellen, finden nicht mehr oder nur noch online statt. Das öffentliche Gesicht der Digitalisierung verschwindet und zieht sich ins Private zurück. Im Strassenbild bleiben die Obdachlosen zurück, sie haben weder Homeoffice noch überhaupt ein Home und ihre Zahl steigt.

Halten Sie die Sperrung des Twitter-Accounts von Donald Trump für gerechtfertigt?
Störend daran war der Zeitpunkt. So viel zu spät, erst Tage vor dem Amtsende, erst Tage nach dem Mehrheitswechsel im Senat. Das hat dem Vorgehen von Twitter wie auch von Facebook natürlich die Glaubwürdigkeit genommen. Viel Mut war nicht mehr nötig. Insbesondere Facebook, dessen Reichweiten die von Twitter um ein Vielfaches überragen, hat Trump gewähren lassen, so lang er für den Konzern nützlich war, so lang die Firma ihn fürchten musste. Man hätte es niemals so weit kommen lassen dürfen. Trump hat jahrelang als Fake-News-Superspreader auf diesen Plattformen sein Unheil angerichtet, dabei ihre Hausregeln immer wieder gebrochen. Aber gut, besser spät als nie. Sehr begrüssenswert ist, dass Facebook die Entscheidung über einen permanenten Bannspruch nun an den erst vor Kurzem installierten unabhängigen Aufsichtsrat, das «Oversight Board», abgetreten hat.

«Selbst den Kampf gegen Covid-19 darf und muss man auch aus einer konstruktiven Perspektive sehen»

Ihre bekannte Kolumne heisst «Früher war alles schlechter». Haben Sie während der Coronazeit nicht manchmal an Ihrem Optimismus gezweifelt?
Die Kolumne ist nach vier Jahren und 200 Folgen wenige Monate vor dem Coronavirus zu Ende gegangen. Es ging in dieser Rubrik meist um globale Fortschritte, also um so grundlegende Dinge wie sinkende Armut, höheren Wohlstand, längere Lebenserwartung, seltenere Kriege, schwindende Kriminalität, geringere Kindersterblichkeit oder verbesserte Bildung. Viele grosse Entwicklungen zum Besseren laufen global und auf der langen Zeitachse betrachtet weiter in die richtige Richtung. Und selbst den Kampf gegen Covid-19 darf und muss man auch aus einer konstruktiven Perspektive sehen. Die extrem schnelle Entwicklung der Impfung war nur möglich dank gewaltiger Fortschritte in der Wissenschaft. Wieviele Millionen mehr Opfer hätte das Virus wohl noch vor ein paar Jahrzehnten gefordert? Bei allem Missmanagement, bei allen Fehlschlägen und berechtigten Vorwürfen, die derzeit die Debatten bestimmen – der Umgang mit dieser Bedrohung wird im späteren Rückblick bestimmt auch als eine gewaltige Leistung des Menschen eingestuft werden.

An welcher Story für den «Spiegel» arbeiten Sie momentan?
Ich hoffe grade auf ein Interview mit Stewart Brand. Brand, der schon über achtzig ist, aber weiter voll aktiv, war in den 1960er- und 70er-Jahren eine zentrale Figur in San Francisco's Hippie- und Gegenkultur-Szene und gilt als einer der Wegbereiter des Internets. Erst vor Kurzem habe ich mitbekommen, dass er im gleichen Vorort, in dem ich lebe, auf einem Hausboot hausen soll. Ich hoffe, er empfängt mich dort.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.



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Kommentare

  • Chris Stähelin, 03.02.2021 22:01 Uhr
    Der Link «Meine Frau» - https://www.annettemingels.de/ - (4. Absatz) ist SCHLEICHWERBUNG pur. Dabei gäbe es hervorragende Links zum Thema «Coronavirus im internationalen Vergleich». Für das genannte Vorgehen (m)ein treffendes Wort: peinlich.
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