09.07.2020

Serie zum Coronavirus

«Das Kino wird totgesagt, seit ich denken kann»

Christian Jungen ist neuer künstlerischer Direktor des Zurich Film Festival. Seine Premiere fällt in die härteste Zeit. In Folge 82 unserer Serie spricht er über das Filmschaffen, seine Vorgänger und die diesjährige Veranstaltung.
Serie zum Coronavirus: «Das Kino wird totgesagt, seit ich denken kann»
«Wir sind der erste grosse Kulturanlass des Landes, der durchgeführt werden kann», so Christian Jungen, Direktor des Zurich Film Festival. (Bild: Hill Studios ZFF)
von Matthias Ackeret

Herr Jungen, Sie sind der neue Chef des Zurich Film Festivals (ZFF). Die Frage, die sich natürlich aufdrängt: Findet die Veranstaltung im gewohnten Rahmen statt?
Das 16. Zurich Film Festival findet statt. Wir sind der erste grosse Kulturanlass des Landes, der durchgeführt werden kann – und wir freuen uns, dass Kultur- und Gesundheitsminister Alain Berset persönlich das ZFF am 24. September eröffnen wird. Auch der ehemalige «Mister Corona», Daniel Koch, wird zur Eröffnung kommen, was zeigt: Wir haben ein überzeugendes Schutzkonzept, das auf unserer Website aufgeschaltet ist. Wir planen, in etwa gleich viele Filme zeigen wie letztes Jahr.

Wie ist die Resonanz auf das ZFF bei den Filmemachern und Produzenten? Hat sich wegen Corona viel verändert?
Für viele einheimische Filmschaffende sind wir die letzte Möglichkeit für eine grosse Premiere in diesem Jahr. Da viele andere Festivals wie jene von Locarno, Nyon oder Fribourg abgesagt werden mussten, haben wir mehr Schweizer Filme zur Auswahl und wollen auch viele von denen zeigen. Die Filmschaffenden drücken uns die Daumen und fiebern teilweise regelrecht mit uns mit. Es ist für alle wichtig, dass das Kino ein starkes Comeback feiert.

Wie wirkt sich die ganze Krise auf das Filmgeschäft aus?
Viele Dreharbeiten mussten unterbrochen werden, und viele Produktionen, vor allem amerikanische, werden ins 2021 verschoben. Besonders hart getroffen von der Krise sind natürlich auch die Kinos, welche zwar wieder eröffnen durften, aber kaum neue Filme zeigen können. Wir alle hoffen, dass mit dem Familienfilm «Mulan» und dem Thriller «Tenet» von Christopher Nolan das Kino im August so richtig neu lanciert wird.

«Wir vom ZFF verstehen uns als Fürsprecher des Kinos»

Nun wurde überall über den Untergang des Kinos und den Siegeszug von Netflix spekuliert. Sehen Sie dies auch so?
Das Kino wird totgesagt, seit ich denken kann. Es gilt aber nach wie vor die Weisheit aus dem Horrorfilm «Totgesagte leben länger». Natürlich haben jetzt die Streamingdienste Oberwasser. Aber sobald wieder zugkräftige Titel wie das neue 007-Abenteuer «No Time to Die» oder «Tenet» anlaufen, werden die Leute in die Säle zurückkehren. Wir vom ZFF verstehen uns als Fürsprecher des Kinos und werden auch unter dem Jahr Werbung fürs Kinoerlebnis machen.

Sie sind als ZFF-Chef Nachfolger der eigentliche Nachfolger der Gründer Nadja Schildknecht und Karl Spoerri (persoenlich.com berichtete). Ist dies nicht eine Mammutaufgabe?
Die Fussstapfen sind nicht klein, das sehen Sie richtig. Aber weil es in diesem Corona-Jahr extrem viel zu tun gibt, habe ich keine Zeit, um mir Sorgen zu machen. Ich bin seit 25 Jahren in der Filmbranche und habe das ZFF vom Tag eins an miterlebt, diese Erfahrung hilft. Die herausfordernde Situation bietet jedenfalls auch eine Chance, um zu beweisen, dass mein Team und ich mit schwierigen Situationen umgehen können. Und an der Filmliebe fehlt es ohnehin nicht.

Ihr Festival ist im Gegensatz zu anderen Filmveranstaltungen privatwirtschaftlich organisiert. Wie sieht es mit den Sponsoren aus? Sind diese dieses Jahr alle dabei?
Wir sind zu 91 Prozent privat finanziert und haben als meines Wissens einziger Kulturbetrieb im Kanton Zürich keine Kurzarbeit gemacht, weil wir immer daran geglaubt haben, dass wir stattfinden können. Unsere Main Partner sind alle an Bord geblieben – und wir spüren von ihnen viel Unterstützung und Solidarität. Leider haben wir mehrere Partner, die selber in finanzielle Nöte geraten sind, verloren. Wir sind aber zurzeit in einer neuen Akquise-Offensive und hoffen, dass wir noch einige Quick-Wins realisieren können. Ich bin überzeugt, dass auf dem Wirtschaftsplatz Zürich unser Engagement auch honoriert wird.

«Frankreich ist nebst den USA das wichtigste westliche Filmland mit einem eigenen Starsystem»

Gibt es für die nächsten Jahre Konzeptänderungen?
Wir möchten die Flughöhe mit den Hollywoodfilmen und -Stars beibehalten, und gleichzeitig noch stärker im frankophonen Raum wahrgenommen werden. Frankreich ist nebst den USA das wichtigste westliche Filmland mit einem eigenen Starsystem. Das wollen wir stärker ins Boot holen und beginnen gleich schon mal mit der Romandie: Zum ersten Mal werden wir am 10. September auch eine Pressekonferenz in der Romandie abhalten und unser Programm auf französisch vorstellen – im Chalet übrigens von Claude Nobs oberhalb von Montreux. Der Grund? Wir sind eine Partnerschaft mit dem Montreux Jazz Festival eingegangen, einem Musikfestival von Weltrang.

Was sind die Höhepunkte des diesjährigen ZFF?
Ein Höhepunkt ist sicherlich, dass wir Rolf Lyssy mit dem Career Achivement Award für sein Lebenswerk auszeichnen. Das war das allererste, was ich nach der Stabübergabe durch Karl Spoerri gemacht habe: Ich rief Rolf Lyssy an und bot ihm diesen Preis an. Er vermag wie kein zweiter hierzulande ernste Themen mit Leichtigkeit zu verhandeln. Wir zeigen seinen neuen Film «Eden für jeden», eine Komödie, die in einem Schrebergarten spielt und diesen als Spiegel unserer Gesellschaft zeigt.

Worauf freuen Sie sich am meisten?
Auf die Eröffnung und den Moment, wo unser erster Film über die Leinwand flimmert. Es ist übrigens mein Ziel, dass die Eröffnung zum ersten Mal «in living memory» pünktlich beginnt.

Machen Sie dieses Jahr überhaupt Ferien und wenn ja, wohin verreisen Sie?
Ja, ich werde mit der Familie eine Woche in die Maremma fahren und in einer Wohnung direkt am Meer Energie tanken und ganz viele Teller Spaghetti alle vongole (in bianco) essen.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Ich sass an der CEO-Spaghettata des Swiss Economic Forum in Bern Daniel Koch gegenüber und konnte den ehemaligen Mister Corona alle Fragen stellen, die mir wegen der Plage unter den Fingernägeln brannten. Er sagte dann: «Für das Zurich Film Festival sehe ich kein Problem, ihr werdet das machen können, sofern ihr wisst, wer da war.» Da wusste ich: Yes, jetzt können wir es durchziehen.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.

 



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