31.03.2019

Matthias Wipf

«Ich durfte Akten zur Bombardierung einsehen»

Im Interview spricht der Autor über die Forschungen für sein neues Buch «Die Bombardierung von Schaffhausen». Matthias Wipf konnte bei seinen Recherchen einen Piloten der US-Armee ausfindig machen, der die Stadt bombardierte und ihn dazu befragen.
Matthias Wipf: «Ich durfte Akten zur Bombardierung einsehen»
Matthias Wipf verspricht in seinem neuen Buch noch nie gesehene Bilder und berührende Schilderungen von Zeitzeugen. (Bilder: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Wipf, Sie haben ein Buch zur Bombardierung von Schaffhausen verfasst. Ist dieses Thema in Schaffhausen noch präsent?
Ja, es ist noch immer sehr präsent. Einerseits natürlich bei den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die damals in Schaffhausen lebten, als am 1. April 1944 die Bomben fielen – und von denen jeder seine ganz eigene Geschichte zu erzählen hat. Dann selbstverständlich auch bei den Angehörigen der 40 Todesopfer und der zahlreichen Verletzten. Aber erstaunlicherweise auch bei der jüngeren Generation: So erhalte ich regelmässig Anfragen von Maturandinnen und Maturanden, und zwar auch aus anderen Kantonen der Schweiz, die zum Thema Bombardierung recherchieren möchten und mich um Tipps und Quellenhinweise bitten – was ich immer gerne mache. Meistens lade ich die jungen Forscher zu einem Kaffee ein.

Wie sind Sie bei den Recherchen vorgegangen?
Ich durfte in amerikanischen, englischen und Schweizer Archiven alle relevanten Akten einsehen, die irgendwie mit dieser Bombardierung zu tun haben. Das waren auch Rechenschafts- und Untersuchungsberichte und sogar Logbücher der einzelnen Navigatoren, die lange unter Verschluss gewesen waren. Dazu habe ich – auch schon im Rahmen früherer Publikationen zum Zweiten Weltkrieg – rund 160 Zeitzeugen befragen können. Deren Wert erklärt sich auch daraus, dass inzwischen rund zwei Drittel von ihnen bereits verstorben ist.

«Man kann heute sagen, dass dieser ‹Absicht-Mythos› durch nichts zu stützen ist»

Eigentlich fast eine journalistische Arbeit mit diesen Befragungen?
Ja, und das ist auch der Grund, wieso ich mich immer für Themen der jüngsten Geschichte interessiert habe. Ich will – da ist mein Journalistenherz noch sehr präsent – immer auch mit Betroffenen sprechen können. Übrigens kommen einem Historiker heute bei der Recherche auch Social Media zu Hilfe: Es gibt Twitteraccounts und Facebook-Gruppen von Veteranenorganisationen oder Privatgelehrten, die einem manch wichtigen Tipp geben können. So bin ich etwa auch darauf gestossen, dass – was bisher niemand wusste – einer der Piloten, der am 1. April 1944 Schaffhausen bombardierte, noch immer lebt. George Insley ist heute 96-jährig, lebt in Oregon (USA) – und ich konnte ihn für mein Buch sogar noch befragen. Es tut ihm ausserordentlich leid, was damals passierte, und er kann sich nicht erklären, wie die Bomberstaffeln so weit südlich geraten konnten. Zwar war er sich bewusst, dass man nicht das eigentliche Ziel Ludwigshafen bombardierte, wo die Anlagen der IG Farben (heute BASF) standen, die kriegswichtige Güter produzierten. Insley war aber überzeugt, dass man sich über einem «Gelegenheitsziel», wie man es euphemistisch nannte, in Süddeutschland befand. Erst nach der Rückkehr auf die Luftwaffenbasis Shipdham in Ostengland erfuhr er dann, dass man die neutrale Schweiz bombardiert hatte.

Verschiedentlich wurde behauptet, dass die Bombardierung eine Rache der Alliierten an den Waffenlieferungen der Schweizer Firmen an Nazi-Deutschland gewesen sei. Sehen Sie dies auch so?
Nein, man kann heute mit aller Deutlichkeit sagen, dass dieser «Absicht-Mythos» durch nichts zu stützen ist. Auch wenn ich jetzt dann wieder zahlreiche Briefe – oder Sie Kommentare auf Ihrer Homepage – erhalte (lacht). Es gibt ganz einfach keinen einzigen Beleg, der nur den geringsten Zweifel liesse! Direkt nach der Tragödie vom 1. April sprach auch eigentlich nur die Nazi-Propaganda davon, dass die Bombardierung absichtlich erfolgt sei – weil sie zeigen wollte, dass die «bösen Amerikaner» sogar ein neutrales Land angriffen.

«Es war ganz einfach ein tragischer Irrtum»

Was macht Sie – nebst den fehlenden Belegen – so sicher?
Schauen Sie: Die USA hätten sich doch nicht sofort entschuldigt und Reparationszahlungen von rund 40 Millionen Franken geleistet, wenn sie Schaffhausen absichtlich getroffen hätten. Man weiss auch, dass die US Army Air Force damals bereits sehr genaue Pläne hatte von den anvisierten Industrieanlagen: Sie hätten deshalb, wäre es Absicht gewesen, viel genauer etwa die SIG, die damals fast auf der «Black List» der Alliierten stand, oder auch Georg Fischer getroffen, aber nicht eine kriegsunwichtige Velo-, eine Lederwaren- oder eine Silberwarenfabrik. Es wäre auch nicht ein Grossteil der am frühen Morgen in Ostengland gestarteten Flugzeuge bereits über dem Ärmelkanal oder über Westfrankreich wieder umgekehrt. Nein, es war ganz einfach ein tragischer Irrtum: Die Flugzeuge gerieten wegen schlechtem Wetter und damit verbundenen Navigationsschwierigkeiten viel zu weit südlich – und als sie «endlich» ein Loch in der dichten Wolkendecke sahen, beschlossen sie, «auf Sicht», also auch ohne funktionierende Navigationsgeräte, zu bombardieren. Dass in Schaffhausen damals relativ gutes Wetter herrschte, war also letztlich die Tragik dieses 1. April 1944.

Was können die Leser in Ihrem Buch erwarten?
Es fasst die neuesten Forschungserkenntnisse zur Bombardierung vom 1. April 1944 zusammen und bettet sie auch in die kriegsgeschichtlichen Ereignisse der Schweiz und der Grenzregion Schaffhausen ein. Dazu gibt es auch noch nie gesehene Bilder und berührende Schilderungen von Zeitzeugen. Ich hoffe, es ist mir damit gelungen, ein interessantes, wissenschaftlich fundiertes und trotzdem leicht lesbares Buch zu schreiben.

Buchcover_Schaffhausen Kopie


Dr. Matthias Wipf (*1972) ist Kommunikationsherater, insbesondere in Krisensituationen, zudem ist er Historiker und Publizist. Sein Studium hat er an den Universitäten Bern und Fribourg absolviert. Das Buch «Die Bombardierung von Schaffhausen» erschien beim Meier Buchverlag.



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