13.11.2022

Ricardo-Kampagne

«Etwas Gebrauchtes ist nicht alt»

Freundliche Grüsse hat den Pitch um den Online-Marktplatz Ricardo gewonnen. Die Kampagne mit dem Claim «Re-Loved statt neu» startet am Montag. Creative Director Pascal Deville und Christine Moch, Head of Brand Marketing bei Ricardo, über die Vorteile von Secondhand.
Ricardo-Kampagne: «Etwas Gebrauchtes ist nicht alt»
«Alles, was man auf den Bildern sieht, ist gebraucht»: Pascal Deville, Inhaber und Creative Director bei Freundliche Grüsse, und Christine Moch, Head of Brand Marketing Ricardo. (Bilder: zVg)
von Christian Beck

Frau Moch, was haben Sie sich als Letztes secondhand gekauft?
Christine Moch: Klingt erfunden, aber es war tatsächlich eine Louis Vuitton, die ich im Oktober auf Ricardo ersteigert habe.

Und Sie, Herr Deville?
Pascal Deville: Einen Eames Chair, für den ich auf Ricardo überraschend den Zuschlag erhielt.

Um Gebrauchtes geht es auch in der neuen Kampagne von Ricardo (persoenlich.com berichtete). Welches ist die Hauptbotschaft?
Deville: Es ist lustvoll, neu zu denken, Verantwortung zu tragen, aus zweiter Hand zu kaufen – und zu verkaufen. Auch umgekehrt macht es Freude, wenn ein lieb gewonnenes Stück ein neues Leben bei jemand anderem erhält.

Und was will «Re-Loved» genau ausdrücken?
Deville: Etwas Gebrauchtes ist nicht alt. Es zu kaufen, bedeutet nicht, auf Neues zu verzichten, sondern etwas neu zu schätzen. «Re-Loved» sagt «Aus zweiter Hand», aber auf emotionale Weise. Und Re-Loved passt perfekt zu Ricardo.

Nachhaltigkeit in der Werbung ist momentan sehr hip. Spielt das einem Online-Marktplatz in die Hände?
Moch: Wir machen das nicht, weil es hip ist, sondern weil es schlichtweg nötig ist. Auf Ricardo sind über zwei Drittel der Waren, die verkauft werden, aus zweiter Hand. Unser Geschäftsmodell ist seit vielen Jahren Teil der Kreislaufwirtschaft (Re-Use). Darauf fokussieren wir uns und entwickeln zum Beispiel keine Tools für Grossanbieter von Neuware. Die wollen wir gar nicht auf der Plattform. Gerade die Modeindustrie ist ein echtes Problem für die Umwelt. Jedes Kleidungsstück, das länger im Kreislauf bleibt, spart Ressourcen und CO2-Emissionen. Jedes Fast-Fashion-Stück, das nicht produziert werden muss, spart auch Abfall, da qualitativ gute Kleidung ebenso gut weitergegeben werden kann. Billigmode aber nicht. Die hält nur ein paar Mal Tragen aus und landet dann im Müll. Ricardo ist davon überzeugt, dass es Sinn macht, einen Marktplatz anzubieten, auf dem Ungenutztes ganz einfach ein neues Zuhause findet. Würden wir nicht darüber sprechen, wäre das nicht nur schade, sondern auch dumm.

Alles wird momentan teurer. Erlebt Secondhand auch deshalb einen Boom?
Moch: Nachhaltigkeit beziehungsweise das gute Gefühl beim Kauf und Verkauf, die Möglichkeit, ein Schnäppchen zu machen sowie etwas Einzigartiges zu finden, sind die drei Hauptmotivatoren, auf Gebrauchtes anstatt Neues zurückzugreifen. Das wissen wir dank einer Studie, die wir 2021 gemacht haben. Bei der Generation Z und den Millennials spielt vor allem der Individualismus eine grosse Rolle – Secondhand-Einzelstücke hat und trägt dann eben nicht jeder und jede.

Häufig funktioniert die Wirtschaft nach dem Prinzip Angebot und Nachfrage. Beträgt deshalb die Verkaufsprovision mittlerweile 10 Prozent?
Moch: Ricardo hat im September erstmals nach vier Jahren die Erfolgsprovision leicht angehoben. In dieser Zeit hat Ricardo kontinuierlich in die Sicherheit, neue Funktionen und Services investiert, um die Plattform so benutzerfreundlich und sicher wie möglich zu gestalten.

Tutti.ch gehört wie Ricardo zur SMG Swiss Marketplace Group. Weshalb kann es tutti.ch ohne Provision?
Moch: Tutti.ch schlägt «lediglich» den Bogen zwischen Anbietenden und Interessenten. Die Verkäufe werden individuell ausserhalb der Plattform abgewickelt. Bei Ricardo kommen bei den Transaktionen rechtsgültige Kaufverträge zustande und die Abwicklung läuft über die Plattform. Diese zusätzlichen Funktionen haben ihren Preis.


Zurück zur Kampagne: Nachhaltig war auch die Produktion. Auf was wurde alles geachtet?
Deville: Da es eine Secondhand-Kampagne ist, wurde strikt darauf geachtet, Secondhand zu verwenden. Alles, was man auf den Bildern sieht, ist gebraucht. Styling und Ausstattung waren Secondhand. Es wurde regional gedreht, mit einer kompakten Crew.

Sogar beim Catering wurde auf Nachhaltigkeit geachtet. Haben Sie Lebensmittel vor der Mülltonne gerettet?
Deville: So weit sind wir nicht gegangen. Aber die Verpflegung war saisonal und regional. Und auch hinter der Kamera war das Ziel: Was man sieht, ist gebraucht: Es wurde zum Beispiel auf die üblichen PET-Getränke verzichtet, stattdessen wurden wiederverwertbare Stahlbecher und ein Wasserspender verwendet.

Schwerpunkt der Kampagne ist gebrauchte Mode. Wie hoch ist der Anteil an Secondhand-Fashion auf Ricardo?
Moch: Aktuell sind zwei Drittel der über Ricardo verkauften Artikel in der Kategorie «Kleidung & Accessoires» secondhand. Rund 10 Prozent aller Transaktionen sind auf Secondhand-Modeartikel zurückzuführen.

Was läuft sonst besonders gut?
Moch: Zu den beliebtesten Kategorien gehören neben Mode die Sammlerkategorien sowie «Haushalt & Wohnen», «Spielzeug» und «Sport». Die häufigsten Suchbegriffe auf Ricardo sind zurzeit Louis Vuitton, Rolex und Mofa – typische Secondhand-Artikel also, die man als einzigartiges Schnäppchen sucht.


Und welche Artikel sind eigentliche Ladenhüter?

Moch: Schlecht fotografierte und schlecht beschriebene Artikel, ein zu hoher Preis oder Nutzer mit schlechten Bewertungen. Grundsätzlich kann alles ein neues Zuhause finden und Re-Loved werden.

Frau Moch, geben Sie unseren Leserinnen und Lesern einen Tipp: Worauf sollte beim Verkaufen geachtet werden?
Moch: Fotos aus allen Richtungen, gut ausgeleuchtet, auch Makel fotografieren, unbedingt auf Auktionen setzen und immer die unterste Schmerzgrenze wählen. Ich kenne einige, die immer «ab 1 Franken» wählen. Ich selbst beweise da zu wenig Mut. Die richtige Kategorie wählen (lacht) – und den Beschrieb so kurz wie möglich, so ausführlich wie nötig halten.

Und beim Kauf?
Moch: Ich persönlich achte sehr darauf, dass ich nur bei Verkäufern kaufe, die eine gute Bewertung haben. Und wenn die Bilder und der Beschrieb nicht aussagekräftig und ehrlich sind, dann traue ich der Sache schon mal nicht. Auf Ricardo kann man sehr toll seine Suche speichern und wird benachrichtigt, wenn ein entsprechender Artikel gelistet wurde. Das macht zum Beispiel bei Mode viel Sinn: Jeansmarke, Farbe, Grösse, Raum Zürich – und schon finde ich genau, was ich gesucht habe, und kann es erst noch selbst abholen oder eine Übergabe organisieren.

Die Kampagne geht am Montag live. Wie breit wird sie ausgespielt?
Deville: Die Kampagne wird schweizweit on- und offline ausgespielt. Von TV über DOOH, Plakat, Trambeschriftungen, Hängekartons in ÖVs bis hin zu Printinseraten und Big Screens in Einkaufszentren. Zusätzlich wird «Re-Loved» auch als Digitalkampagne breit ausgerollt. Dabei wird von YouTube-Pre-Rolls, Social Media- und Display Ads über Google Smart Ads bis hin zu Native Ads mit Blogbeiträgen die ganze Klaviatur gespielt.

Laut Mitteilung ist die Kampagne modular aufgebaut und kann für verschiedene Zielgruppen adaptiert werden. Welche Zielgruppen hat diese Kampagne im Visier? Und welche folgen als Nächstes?
Deville: Da für Ricardo das Thema Fashion besetzt werden soll, liegt der Fokus der Re-Loved-Kampagne zunächst auf einer für Ricardo neuen Zielgruppe: jungen, hippen, urbanen Fashionistas zwischen 25 und 35 Jahren. Es wird aber parallel dazu auch die Zielgruppe 35 bis 50 Jahre, fashionaffin, angesprochen. In einem nächsten Schritt wird Re-Loved für sämtliche Bereiche, von Heimelektronik- bis Gartenenthusiasten, ausgeweitet.

Zurück zur Eingangsfrage, wo ich Sie gefragt habe, was Sie als Letztes secondhand gekauft haben: Was beabsichtigen Sie als Nächstes zu verkaufen?
Moch: Auch in meinem Keller stapeln sich Dinge, die ich nicht mehr brauche. Jetzt kommt der Winter, also macht es Sinn, den Skihelm, den ich in einer seltsamen Farbe gekauft hatte, auf Ricardo anzubieten.



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