David Lübke, Sie wohnen in Zürich und arbeiten neu in Basel (persoenlich.com berichtete). Was war Ihr Aha-Erlebnis am Rheinknie?
Dass die Schweizer Werbewelt nicht an Zürichs Stadtgrenzen aufhört. Wir «Züzis» tendieren dazu, nicht weit über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Dass es in Basel eine ebenso lebendige und innovative Kreativszene gibt, war also sicherlich mein erstes Learning.
Sie waren über ein Jahr selbstständig und haben in dieser Zeit unter anderem die aktuelle Swisscom-Plattform «Entdecke, was du kannst» mitkreiert. Warum haben Sie sich nach diesem Jahr für den Schritt zurück in eine Agentur entschieden – und warum ausgerechnet Kreisvier?
Meine Zeit als Freelancer war toll: Tolle Projekte, tolle Leute, tolle Arbeiten. Aber auch die Aufgabe und das Team bei Kreisvier sind halt sehr toll. Ausserdem hat man in einem Agenturumfeld meiner Erfahrung nach mehr Möglichkeiten, gute Ideen von A bis Z zu verwirklichen. Man ist näher an den Projekten dran, näher an den Produktionen, näher an den Auftraggebenden.
«Bewusst anders möchte ich die Strukturen gestalten: schlanker, flacher, schneller»
14 Jahre Publicis, davon fünf Jahre in der Geschäftsleitung – was nehmen Sie aus dieser Zeit mit zu Kreisvier? Und was wollen Sie bewusst anders machen?
Ganz viel. Immerhin habe ich fast meinen gesamten Erfahrungsschatz, mein gesamtes Skillset an der Stadelhoferstrasse anhäufen dürfen. Mitnehmen werde ich sicher den Appetit und den Fokus auf grosse Projekte für grosse Brands. Bewusst anders möchte ich die Strukturen gestalten: schlanker, flacher, schneller.
Ihre Jobbeschreibung bei Kreisvier lautet: «Mach geiles Zeug und sprich darüber.» Was waren Ihre ersten konkreten Schritte?
Eine Agenturkultur, die über so viele Jahre organisch gewachsen ist, verändert man natürlich nicht über Nacht. Und schon gar nicht leichtfertig. Die ersten Monate waren daher geprägt von Lernen und Beobachten. Nun bin ich daran, die kreative Spielwiese in der täglichen Arbeit zu pflegen, bei gewissen Kunden proaktiver zu werden und, q.e.d., vermehrt öffentlich darüber zu sprechen.
CEO Alexandra Vatansever sagt, Kreisvier liefere seit Jahren starke Arbeiten, fliege aber oft unter dem Radar. Sie konnten sich seit November einen Überblick verschaffen. Bestätigt sich dieser Eindruck?
Kurz gesagt, ja. Ich sehe jeden Tag, welche Qualität hier das Haus verlässt. Sei es in Form von kreativen Konzepten oder effizienter Umsetzung. Gleichzeitig spricht der Fakt, dass selbst einige meiner Freunde aus der Branche noch nie von Kreisvier gehört hatten, leider Bände.
Wie bringen Sie künftig also Kreisvier ins Radarsichtfeld?
Indem ich das tue, was in meiner Jobbeschreibung steht, natürlich: Geiles Zeug machen und darüber sprechen.
Kreisvier gehört laut Mitteilung, gemessen an Grösse und Umsatz, zu den zehn grössten Werbeagenturen der Schweiz. Spielt die Agentur auch kreativ in den Top Ten mit?
Gemessen an den Talenten in der Agentur steht das für mich ausser Frage. Gegen aussen, in den Köpfen der Auftraggebenden oder in Rankings, ist das leider noch nicht der Fall. Dass wir aber dorthin gehören, ist für mich klar.
«Natürlich freut es mich, dass Kreisvier sehr solide aufgestellt ist»
Sie bezeichneten Kreisvier als «Juwel in Basel» mit einer einzigartigen Ausgangslage. Was meinen Sie damit konkret?
Kreisvier ist eine inhabergeführte Agentur. Nur schon das hat in der Schweiz mittlerweile Seltenheitswert und bietet Freiheit und Raum fürs Mitgestalten. Dann ist da die Grösse: Eine Agentur, in der man tagein, tagaus mit 50 topmotivierten, kreativen Köpfen arbeiten kann, findet man hierzulande nicht wie Sand am Meer. Und natürlich freut es mich auch, dass Kreisvier sehr solide aufgestellt ist und nicht beim kleinsten Lüftchen in Seenot gerät.
Alexandra Vatansever betont, Kreisvier brauche den «Fokus auf Konzepte und Big Ideas». Wie bringen Sie diesen Fokus ins Team – und was verändert sich dadurch im Arbeitsalltag?
Ich verfolge hier zwei Ansätze: «Never change a winning team» und «Question everything». Was top läuft, fasse ich nicht an. Doch bei jedem Briefing und bei jedem Projekt möchte ich, dass wir uns fragen: Warum machen wir genau das und nicht etwas anderes? Und wie können wir noch eine Schippe drauflegen?
Die Agentur war bisher vor allem für Produktion und prozessorientierte Kreation bekannt. Wie ergänzen sich diese Stärken mit Ihrem Ansatz der «Big Picture Creativity»?
Ganz natürlich: Jedes grosse Ganze, jede Big Idea, ist de facto wertlos, wenn sie nicht oder nur unterdurchschnittlich umgesetzt werden kann. Und jeder und jede Kreative freut sich darüber, wenn seine oder ihre gross gedachten Projekte umgesetzt werden können. Insofern mach ich mir über unsere Chemie hier null Sorgen.
Welche Art von Projekten und Kunden wollen Sie künftig gewinnen?
Welche nicht? Aber im Ernst und ohne hier Namen nennen zu wollen: Ich möchte, dass wir mit Kreisvier in naher Zukunft für Schweizer Love Brands und solche, die es werden wollen, arbeiten dürfen. Dass wir bei den grossen Pitches top of mind werden und diese dann natürlich auch ins Haus holen.
In der Schweizer Agenturlandschaft gibt es etablierte Kreativgrössen. Wie positioniert sich Kreisvier künftig gegenüber Agenturen wie Jung von Matt, Wirz oder Ihrer alten Heimat Publicis?
Zuerst geht es darum, den wahrgenommenen, kreativen Gap zwischen den aktuellen Goliaths der Branche zu schliessen. Insofern möchten wir uns also erst einmal annähern, statt zu differenzieren. Der grosse Unterschied liegt aber sicher darin, dass wir bei Kreisvier Unmengen an Erfahrung mitbringen, wenn es um das reibungslose Zusammenspiel von Topkreation und effizienter Produktion geht.
Wenn wir uns in zwei Jahren wieder treffen: Woran werden wir erkennen, dass Ihre Mission bei Kreisvier erfolgreich war?
Da können wir dann gerne über allerlei KPIs reden: akquiriertes Neugeschäft, umgesetzte Kampagnen, gewonnene Awards … Mein persönlicher Lieblings-KPI ist aber die Anzahl von Initiativbewerbungen. Denn kreative Menschen zieht es naturgemäss dorthin, wo geiles Zeug gemacht wird.

