02.10.2003

Werbeverbote und "Menschenbilder"

Am Dienstag lud die Schweizer Werbung SW zum "Parlamentarier-Talk" über Werbeverbote ins Zürcher Zunfthaus zur Schmiden. Parlamentarier erschienen indes wenige, so dass der Anlass kurzerhand zum einfachen "Talk" umbenannt wurde. Doch auch die ausgehändigte Gästeliste übertraf die Realität, tauchten doch einige Geladene nicht auf. Verpasst haben diese eine Diskussion mit bekannten Argumenten und ein paar grundsätzlichen Fragen. "persoenlich.com" war dabei.
Werbeverbote und "Menschenbilder"

Man war sich auf dem Podium schnell einig: Niemand wünscht sich rauchende Jugendliche. Damit hatte es sich am Dienstag Abend aber bereits mit dem Konsens. Denn auf welche Weise Menschen vor Sucht bewahrt werden sollen, darüber schieden sich die Geister.

Bevor allerdings die Klingen gekreuzt wurden, erläuterte Piero Schäfer, Sprecher der Schweizer Werbung und Moderator des Talks, die Motivation für die Veranstaltung. Nachdem das Bundesgericht ein vom Kanton Genf erlassenes Werbeverbot für Tabakwaren und Spirituosen über 15 Volumenprozent für gesetzeskonform erklärt habe, erwögen nun zahlreiche weitere Kantone ähnliche Gesetze. Auch international hätten Werbeverbote Konjunktur. In der Schweiz führe der Föderalismus zu einem "Flickenteppich", der die Rechtssicherheit gefährde, so Schäfer weiter. Als Kommunikationsverband könne die Schweizer Werbung SW nicht die Hände in den Schoss legen und zusehen, wie die Werbefreiheit abgetragen werde.

Mit dieser Ansicht war Schäfer an diesem Abend in der Mehrheit -- zumindest was die Voten betraf. Entsprechend hatte die Kontrahenten-Rolle der St. Galler EVP-Präsidentin Susi Tabernoux-Frei und des Zürcher EVP-Kantonsrats Hans Peter Amstutz auf dem Podium streckenweise gladiatorenhafte Züge. Denn die beiden Verbots-Befürworter traten nicht nur gegen den Horgener Martin Arnold, SVP-Kantonsrat und Geschäftsleiter des Zürcher Gewerbeverbands (KGV), sowie gegen FDP-Nationalratskandidat und Jean-Frey-CEO Filippo Leutenegger an. Vielmehr mussten sie auch den kritischen Publikumsfragen etwa des Schweizer Sprechers der British American Tobacco, Claudio Rollini, oder von Peter Leutenegger (FCB Leutenegger Krüll) Red und Antwort stehen.

In der Diskussion beschränkte man sich weitgehend auf die Thematik des Rauchens. Die vorgetragenen Hauptargumente waren weitgehend bekannt, wurden deshalb aber nicht weniger häufig repetiert. Der an diesem Abend schwer zu bändigende Filippo Leutenegger etwa verwies wieder und wieder darauf, dass der eigentliche Diskussionsgegenstand seiner Meinung nach die Divergenzen beim "Menschenbild" seien. Die Frage laute, ob man dem Menschen Eigenverantwortlichkeit attestiere oder ob man von obrigkeitsgläubigen Bürgern ausgehe. Einschränkungen und Verbote bewirkten nichts, dies hätten zahlreiche ausländische Beispiele belegt. Die Befürworter des Verbots gehen seiner Meinung nach von unbelegten Prämissen aus. Werbung bewirkt nach Ansicht von Leutenegger keine Ausweitung des Markts, sondern lediglich eine Umverteilung. Ausserdem wäre ein Verbot von Tabakwerbung allein nicht konsequent, vielmehr müsste man dann den Jugendschutz auf alles Gefährliche ausweiten – also etwa auch Motorfahrräder verbieten. Und das wäre absurd.

Hans Peter Amstutz konzedierte, dass hier in der Argumentation "ein Schwachpunkt" bestehe. Er widersprach Leutenegger aber unter Berufung auf eine Weltbankstudie, die bei einem Werbeverbot einen Rückgang des Rauchens um sieben Prozent prognostiziere. Als Sekundarlehrer kenne er das Verhalten Junger aus nächster Anschauung und sei besorgt über die Zunahme an jugendlichen Rauchern. Dass man von Prävention spreche, gleichzeitig aber Tabak-Plakate toleriere, sende eine widersprüchliche Botschaft aus, die bei den Jungen ankomme. Zumal sich die "verführerischen" Plakate mit dem Hauptthema "Freiheit" ganz klar an diese Zielgruppe richteten. Die Eigenverantwortlichkeit sei in diesem Alter noch nicht sehr gross. Als Pädagoge fühle er sich allein gelassen. Es sei auch zu beachten, dass das Werbevolumen der Tabakindustrie beispielsweise in den Tageszeitungen nur 2.4 Prozent ausmache. Man könnte diese Aufträge ja beispielsweise mit Präventionswerbung wettmachen. Eine Industrie, welche die Volksgesundheit schädige, sei jedenfalls ebenso wenig zu schützen wie Werbung, die irreführenderweise aus schädlichen Produkten etwas Gutes mache. Ein Werbeverbot sei selbstverständlich aber nur eine Massnahme innerhalb eines Katalogs, zu dem auch eine Alterslimite beim Verkauf von Zigaretten sowie eine aktive Einflussnahme auf die Lebensgestaltung der Jugendlichen gehöre.

Martin Arnold stimmte zumindest im letzten Punkt überein. Man müsse die Jungen zu Eigenständigkeit und Selbstverantwortung erziehen, hier helfe nur das Engagement der Erziehenden. Man könne die Verantwortung für die Jugendlichen nicht an den Staat wegdelegieren. In einem Werbeverbot sieht Arnold denn auch lediglich "eine weitere Bevormundung der Bürger". Gemeinsam mit Filippo Leutenegger sprach er sich zudem gegen eine staatliche Intervention via Steuern aus, wie sie das Parlament kürzlich bei den "Alcopops" beschlossen hat.

Susi Tabernoux-Frei stellte ihrerseits die Frage, wie man Menschen zu etwas verführen könne, dass ihnen nachweislich schade. Sie wies unter Berufung auf Studien darauf hin, dass die süchtigen Raucher mithin die treusten Kunden überhaupt seien, sofern man sie nur genügend früh gewinnen könne. Hier gehe es um eine ethische Frage, schliesslich gebe es ja auch keine Werbung für Prostitution. Tabernoux-Frei präzisierte, dass es nicht um eine Abschaffung der Informations- und Meinungsfreiheit gehe. Im weiteren merkte sie ordnend an, das eigentliche Thema sei nicht Prohibition, sondern ein Werbeverbot. Gemeinsam mit ihrem Parteikollegen Amstutz plädiere sie für ein Massnahmenbündel, in welchem das Werbeverbot lediglich ein, wenn auch unabdingbares, Element darstelle.

Gesprächsleiter Piero Schäfer gab zu bedenken, das die Tabakindustrie sich bereits heute intensiv Gedanken über die Verbote mache und ein Ausweichen auf Below-the-Line-Massnahmen -- etwa in Clubs oder online -- plane. Solche "Hardcore-Kommunikation" sei bei weitem schädlicher als Werbung. BAT-Sprecher Claudio Rollini wies wiederum darauf hin, dass der Cannabis-Konsum in den vergangenen Jahren auch ohne entsprechende Werbung stark zugenommen habe, währenddem die Zahlen beim Tabak konstant geblieben seien. Und der Werber Peter Leutenegger postulierte, Werbung führe letztlich zu Produktverbesserungen -- etwas weniger schädlichen Produkten --, indem sie den Konkurrenzkampf fördere. SW-Präsident und CVP-Ständerat Carlo Schmid-Sutter forderte abschliessend, dass man die Werbung nicht kausal für Missstände verantwortlich machen solle.

Offensichtlich erschweren Pauschalisierungen und nicht deklarierte Implikationen in dieser Diskussion die Konsensfindung: Auf der einen Seite wird den Gegnern von Verboten unterstellt, sie nähmen gleichsam eventualvorsätzlich eine Zunahme der Sucht in Kauf. Auf der anderen Seite wird den Verbotsbefürworten herablassend naives Gutmenschentum und Obrigkeitsgläubigkeit untergeschoben. Dass sich am Dienstag bei dieser Ausgangslage, in der jeder Stellungsbezug zur Brandmarkung führt, nicht mehr Politiker dem Dialog stellten, mag feige erscheinen -- wahltaktisch ist es leider nachvollziehbar.


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen