20.06.2021

Cannes Lions 2021

«Wir sahen uns über 400 Filme an»

Die Werbe-Weltmeisterschaft findet erstmals rein digital als «Cannes Lions Live» statt. Ebenfalls ein Novum: In der Jury sassen mehr Frauen als Männer. Eine davon: Lilian Lüthi, Produktionsleiterin bei Frame eleven. Sie schildert, wie sie die Jurierung erlebt hat.
Cannes Lions 2021: «Wir sahen uns über 400 Filme an»
«Ich war angenehm überrascht von einigen sehr kreativen Arbeiten aus Asien», so Lilian Lüthi, Head of Production Frame eleven + partners. Sie war in der Shortlist-Jury Kategorie «Film Lions». (Bild: zVg)
von Christian Beck

Frau Lüthi, Sie haben die Einreichungen in der Königskategorie Film bewertet (persoenlich.com berichtete). Wie wird der Jahrgang 2021?
Die Einreichungen für die Jahre 2020 und 2021 wurden zusammengefasst, sodass es eine Vielzahl von Einreichungen gab, die bewertet werden mussten. Ich persönlich empfinde, dass darunter etwa 15 sehr gute Arbeiten waren und bin gespannt, wie die endgültige Bewertung ausfällt.

Und etwas spezifischer: Ist Ihnen eine Arbeit besonders ins Auge gestochen?
Sicher, aber so wie ich es verstehe, können wir nicht über Einzelheiten sprechen, bis die Auswahlliste veröffentlicht wurde.

Die Film-Shortlist wird am Mittwoch veröffentlicht. Aber inwiefern haben Sie beobachtet, dass die Coronakrise Spuren bei den eingereichten Arbeiten hinterliess?
In einigen Arbeiten – vor allem bei den Arbeiten aus dem Jahr 2020 – spielte die Epidemie eine sehr zentrale Rolle. Viele motivierende und bewegende Clips, die oft von grösseren Brands produziert werden, waren dabei. In diesem Jahr ist das Thema etwas weniger spürbar, andere Themen – wie BLM und Gleichberechtigung – spielen aktuell eine wichtige Rolle.

Lassen sich in diesem Jahr sonst Trends bei den eingereichten Projekten erkennen?
Neben den erwähnten sozialen Themen fiel mir der spielerische Umgang mit Formaten, Spezialeffekten und Animationen auf. Ich war angenehm überrascht von einigen sehr kreativen Arbeiten aus Asien.

«Ich fühlte mich sehr geehrt, ein Teil des Jury-Prozesses zu sein»

Wie gross ist die Ehre, dass Sie an den Cannes Lions mitjurieren dürfen?
Ich fühlte mich sehr geehrt, ein Teil des Jury-Prozesses zu sein. Es war ein historisches Jahr, denn es war das erste Jahr mit mehr weiblichen als männlichen Juroren. Aufgrund der digitalen Jurierung gab es leider wenig Interaktion zwischen den Juroren.

Und wie gestaltete sich diese Interaktion?
Das einzige Werkzeug, das wir hatten, um zu interagieren, war eine Chat-Funktion – die sehr sparsam genutzt wurde. Ich stelle mir eine Jurierung vor Ort auf einer ganz anderen Ebene vor. Nichtsdestotrotz war die Erfahrung positiv.

Nun bewerteten Sie quasi aus der Ferne. Wie viele Stunden haben Sie vor dem Computerbildschirm verbracht?
In den vier Wochen sahen wir uns über 400 Filme an, die von 30 Sekunden bis zu über 15 Minuten dauerten. Ich habe nicht genau Buch geführt, aber ich bin sicher, dass ich mehr als 40 Stunden mit der Beurteilung verbracht habe. Ich hatte das Glück, zum Ende hin im Urlaub zu sein, sodass ich ohne zu viele lange Nächte durcharbeiten konnte.

Nach welchen Kriterien sind Sie vorgegangen?
Wir haben wirklich versucht, die kreativsten Arbeiten zu finden, die über die Norm herausragen. Ich hoffe, dass es uns gelungen ist, eine gute Vorarbeit für die weitere Beurteilung zu schaffen.

Im offiziellen Projektbeschrieb ist das Herkunftsland jeweils nicht ausgefüllt. War es einfach, Schweizer Arbeiten zu erkennen?
Die einen habe ich natürlich erkannt. Das hat aber bei meiner Jurytätigkeit keine Rolle gespielt.

Sie hätten ja schon 2020 jurieren sollen. Der Event wurde um ein Jahr verschoben. Wie gross war vor einem Jahr die Enttäuschung?
Es war bedauerlich, dass der Wettbewerb im letzten Jahr abgesagt wurde, obwohl ich diese Entscheidung voll unterstütze. Damals gab es andere Schlachten zu schlagen. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich dieses Jahr die Gelegenheit dazu bekommen habe.

«Cannes hat eine grosse historische Bedeutung»

ADC-Präsident Frank Bodin kritisierte, dass Juroren früher noch internationale Juryerfahrungen und Löwen im Gepäck mitbrachten. Was qualifiziert Sie als Jurorin?
Ich respektiere Frank sehr, und sein Kommentar trifft in meinem Fall sicherlich zu. Wie er anmerkte, habe ich trotz meiner mehr als 20-jährigen Erfahrung bei Frame eleven nicht viel internationale Erfahrung. Ich schätze, die Entscheidung wurde getroffen, um die Jury zu diversifizieren. Ich frage mich, ob diese Entscheidung in Zukunft beibehalten wird oder ob der bisherige Status für das nächste Jahr wieder zurückkehren wird.

Wie oft waren Sie eigentlich persönlich schon an der Werbe-Weltmeisterschaft in Cannes?
Ich habe das Festival im Jahr 2019 besucht. In den vergangenen Jahren waren meine Partner anwesend.

Was schätzen Sie an der Côte d'Azur besonders?
Als Vorstandsmitglied der Swissfilm Association habe ich die Swiss Party am Strand sehr genossen. Und die Möglichkeit, sich mit Schweizer Kreativen und Kunden zu treffen – es ist eine ganz andere Atmosphäre als in Zürich.

Und wie gross ist das Bedauern, dass Sie nun nicht physisch nach Cannes reisen können?
Cannes hat eine grosse historische Bedeutung für das kreative Ranking von Agenturen. In den letzten Jahren haben immer mehr Agenturen ihre Kreativen nicht mehr zum Festival geschickt. Ich bin gespannt, wie sich dieser Trend weiterentwickelt.



persoenlich.com berichtet in der Woche vom 21. bis 25. Juni über «Cannes Lions Live». Alle News finden Sie hier.



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