22.08.2003

"Wir Werber brauchen Anerkennung"

Die Westschweizer Kreativen wollen sich verstärkt vernetzen und gründen daher den Nonprofit-Verein Créatifs Romands. Hinter dem Projekt stehen Yves Portenier (CD von Angebault & Portenier, Lausanne) und der Simko-CD Olivier Girard aus Genf. Gegenüber "persoenlich.com" äussert sich Yves Portenier (Bild) zum fehlenden Selbstbewusstsein der Westschweizer Werber, zur Vormacht Zürichs und zum Verhältnis zum ADC. Das Interview:
"Wir Werber brauchen Anerkennung"

Was hat Sie dazu bewogen, den Verein Créatifs Romands zu gründen?

Zum einen wollen wir für die welschen Kreativen einen Treffpunkt schaffen, wo ein Austausch, ein Kennenlernen möglich ist. Es sollte nicht jeder wie bis anhin allein in seiner Ecke sitzen und über seiner Arbeit brüten, ohne zu wissen, was um ihn herum vorgeht. Zum anderen sehen wir den Verein als Motivationsschub. Ein Motor braucht Benzin, um zu laufen. Wir Werber brauchen Anerkennung (lacht). Mit der Enttabuisierung des Konkurrenzgedankens, durch Austausch und Kommunikation wird sich auch die Qualität der Arbeiten erhöhen. Davon profitieren schliesslich wir alle. Und dann wollen wir natürlich der übrigen Branche -- in der Deutschschweiz, aber auch im Ausland -- kommunizieren, dass es auch in der Westschweiz gute Agenturen, gute Kreative, gute Arbeiten gibt. Gerade die Auftraggeber vergessen das immer wieder...

Warum werden Sie erst jetzt aktiv?

Die Idee für einen Verband war keine bewusste Entscheidung, sondern hat sich entwickelt. Wenn das wirtschaftliche Umfeld schwieriger wird, ist es vielleicht leichter, zusammenzurücken (lacht). Ich glaube aber auch, dass sich die Mentalität in der Westschweiz in den letzten paar Jahren verändert hat. Während die Kreativen in den wirtschaftlich starken 80er Jahren in erster Linie sich selber in den Mittelpunkt gestellt haben, konzentriert man sich heute verstärkt auf die Arbeit. Und ist daher auch eher bereit, sich mit links und rechts auszutauschen und von seinem hohen Podest zu steigen.

Wen will Créatifs Romands ansprechen?

Alle Kreativen und alle Talente. Konkret die CDs, ADs, Texter und Grafiker der Agenturen inklusive Freelancer. Aber auch Illustratoren, Fotografen, Regisseure, Sound Designer sowie Webdesigner. Ausgeklammert sind hingegen Künstler -- das verbindende Element ist und soll die Kommunikation sein.

Wie sehen die Verbandsstrukturen aus?

Der Verband wird von einem neunköpfigen Gremium geleitet. Gewählter Präsident bin ich, Vize ist Olivier Girard. Créatifs Romands umfasst zur Zeit rund 60 Mitglieder.

Die Deutschschweizer Kreativen sind traditionell stark vernetzt. Wie erklären Sie sich das -- bis zumindest heute -- fehlende Branchenverständnis in der Romandie?

Ich glaube, das Problem fusst vor allem auf einem fehlenden Selbstbewusstsein. Es ist ja nicht so, dass es in der Romandie keine guten Kreativen, keine guten Arbeiten gäbe. Die Werbekapitale der Schweiz ist aber nun einmal Zürich, und hier werden auch die grössten Budgets vergeben. Das zieht notabene Talente an, neue Agenturen werden eröffnet, der Markt spielt -- wenn im Moment auch etwas weniger stark als auch schon (lacht). Die Romandie ist eigentliche Provinz, wobei das weniger eine Frage der Sprache als des Marktes ist. Wir wissen, dass wir existieren, aber die Auftraggeber wissen das viel zu wenig.

Eine Art von "Werbe-Röschtigraben" also?

Nein, ein ähnliches Problem haben auch Agenturen in Frankreich, die nicht in Paris zu Hause sind, sondern zum Beispiel in Toulouse oder Marseille. Für die nationalen Auftraggeber ist es natürlich einfacher, mit ihren Budgets nach Zürich zu gehen, ist Zürich doch gleichzeitig ihr Hauptmarkt. Uns bleiben in der Folge nur Etats von Marken und Produkte, deren Kultur oder auch Philosophie sehr französisch sind. Uns als Alternative zu Zürich zu positionieren, dass muss denn auch unser Hauptanliegen sein. Ein erster Schritt wird sein, verstärkt und besser zu kommunizieren. Auch wenn die hiessigen Kreativen glauben, die Deutschschweizer würden eh nichts von uns wissen wollen.

Wenn die Kreativen erst einmal mehr Vertrauen gefasst haben, dann gibt es auch mehr Vertrauen in die Agenturen. Und wenn diese nach aussen offensiver auftreten, kommunizieren, dann werden sich die Auftraggeber gewahr, dass es auch in der Westschweiz kreatives Potenzial gibt. Damit meine ich nicht nur die Deutschschweizer Auftraggeber, sondern zum Beispiel auch Westschweizer Uhrenmanufakturen wie Patek, die seit 3, 4, 5 Jahren nach Paris, London, New York ausweichen. Diesen muss man sagen: "Nein, wir können das auch. Ihr könnt auch zu uns kommen". Aber dazu müssen wir uns besser verkaufen, uns vernetzen, müssen wir auch auf uns aufmerksam machen, mehr an Wettbewerben teilnehmen. Kettenreaktion ist das richtige Wort dazu.

Wer diesen Sommer in Cannes war, vermisste einmal mehr die Westschweizer Agenturen. Machen die Welschen keine wettbewerbswerte Werbung?

Doch, das Potential wäre da. Aus diesem Grund wollen wir auch aufs nächste Jahr hin den jährliche Prix de la Création Romande lancieren. Zwar gibt es schon viele Preise, vor allem geht es jetzt aber darum, das Selbstvertrauen unserer Agenturen zu stärken. Der Auslöser zur Gründung unseres Verbandes war die Tatsache, dass im vorletzten Jahr bloss zwei welsche Agenturen am internationalen Wettbewerb "Le mondial de la publicité francophone" teilgenommen hatten. Und dies, obwohl der Wettbewerb genau zu unserem Profil passen würde: Ausser Frankreich sind alle teilnehmende Länder mehrsprachig, ist das Französisch eine Minorität -- sei das Marokko, Belgien, Kanada, der Libanon. Olivier Girard als Schweizer Repräsentant ist dann auf mich zugekommen -- sozusagen die Geburtsstunde von Créatifs Romands ...

Stichwort Vernetzung: Sind Kooperationen zum Beispiel mit dem ADC vorgesehen?

Das wäre ideal. Eine erste Idee müsste es sein, alle Westschweizer Agenturen dazu zu bringen, beim ADC mitzumachen. Ich bin überzeugt, dass auch wir einmal Arbeiten anliefern werden, die prämiert werden. Zwar sind die Budgets in der Schweiz sehr klein, und in der Romandie noch viel kleiner, aber ich glaube, wir können bei unseren Verbandsmitgliedern das Bewusstsein generieren, dass die Qualität ihrer Arbeiten -- Idee, Kreation, Ausführung -- Award-würdig, würfelwürdig sein könnten.

(Interview: Almut Berger).


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