Herr Schärer, Sie sind nun 100 Tagen Geschäftsführer von web2com. Haben Sie Ihren Traumjob gefunden?
Ein Traumjob kann man nicht finden. Einen Traumjob definiert man und kreiert man gemeinsam mit seinem Team und seinem Arbeitgeber. Ein Traumjob ist es dann, wenn einem durch die Arbeit die Anerkennung der Kunden und der Respekt der Mitstreiter gezollt wird. Dazu reichen 100 Tage nicht aus. Die Anzeichen dafür stehen aber sehr gut und ich kann heute bereits sagen, dass ich als Geschäftsführer von web2com eine spannende und bereichernde Herausforderung angenommen habe.
Welche Akzente konnten Sie seit Ihrem Antritt setzen?
Ich konnte zusammen mit meinem Team verschiedene neue Projekte angehen, die bereits erfolgreich sind und die wir sicherlich weiterverfolgen. Zudem wurde seit Jahresbeginn das Team stetig vergrössert. Dadurch konnten wir unseren Service ausweiten und die Prozesse effizienter gestalten. Ich denke, das sind mehr als nur Akzente.
In welcher Verfassung war die web2com, als Sie die Stelle antraten?
Vieles war offen. Mir bot sich die Möglichkeit, mit Leidenschaft und Begeisterung fürs Medium und gemeinsam mit einem überaus starken Team, Innovationen umzusetzen. Sei dies in der Gestaltung der Produkte, in der Definition der Dienstleistungen oder in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern. Gemeinsam haben wir web2com ein neues Gesicht gegeben.
Man nimmt web2com von Aussen etwas zerstreut wahr. Wie wollen Sie das Profil schärfen?
Wir haben viel verändert. Das Verlassen ausgetretener Pfade und das Beschreiten neuer Wege sorgt da und dort für Irritationen. Jeden Schritt aber, den wir weitergehen, wird unsere neue Strategie verdeutlichen.
Als Rückschlag der ersten 100 Tage kann man sicher bezeichnen, dass im Juni Teile der gebuchten Online-Werbung nicht ausgeliefert werden konnten, da die Domain des Ad-Servers ausgelaufen ist. Wie konnte das passieren?
Grund war schlicht und ergreifend eine falsche interne Weisung zur Erneuerung der Domain, was zur verspäteten Auslieferung eines Teils unserer Werbemittel führte. Eine sehr ärgerliche Panne, die man in ihrem Umfang aber nicht überbewerten darf.
Hatte der Vorfall für Kunden Konsequenzen?
Durch den Ausfall entstanden teilweise Verspätungen bei der Auslieferung von Werbekampagnen. Alle unsere Werbekunden wurden transparent über den Vorfall informiert und es wurde ihnen die Nachlieferung nicht ausgelieferter Ad-Impressions angeboten.
Für Mitarbeiter?
Wir haben den Ablauf umgehend geprüft und Anpassungen innerhalb des Prozesses vorgenommen. So stellen wir sicher, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt. Für die Mitarbeiter gab es neben dem veränderten Arbeitsprozess keine direkten Konsequenzen.
Wie gut läuft das Geschäft mit Onlinewerbung?
Im Gegensatz zu den klassischen Medien verzeichnen wir keinen Rückgang, aber das Wachstum hat sich im Vergleich zu den Vorjahren verlangsamt. Immer mehr Kunden erkennen und nutzen die grossen Vorteile interaktiver Werbung, deshalb stellen wir eine stetige Umverteilung von Werbegeldern zu Gunsten der Onlinewerbung fest. Das Potential des Mediums Online ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Wir haben also guten Grund für Optimismus.
Die Schweiz hinkt in Sachen Online-Werbeausgaben dem Ausland nach wie vor hinterher. Warum ist das so?
Dies hat mehrere Gründe. Zum Einen sehen noch immer viele Werbetreibende in einem Plakat oder in einer Printanzeige einen höheren Gegenwert als in einer Online-Kampagne Zum anderen ist der Online-Markt in den umliegenden Ländern besser aufgestellt, als der heimische. Beispielsweise ist die Dienstleistungskette in Deutschland klar aufgeteilt. Der Kunde weiss, bei wem er welche Dienstleistung zu welchen Konditionen beziehen kann.
Was unternimmt web2com, um dies zu ändern?
Wir bilden projektspezifische Allianzen mit Kreativ- und Media-Agenturen, mit etablierten Spezialisten und Medieneigentümern, um gemeinsam neue Konzepte und Lösungen anzubieten. Eine Strategie, die bereits Früchte trägt und die wir noch verstärken werden. Auch die wirtschaftliche Lage wird zur Klärung der Strukturen beitragen: ähnlich wie nach dem Platzen der Dot-Com-Blase ab 2001 wird ein grosser Teil des im Onlinemarkt herrschenden JEKAMI zügig verschwinden.
Kann Online-Werbung von der Krise profitieren?
Wenn die Werbebudgets verkleinert werden, müssen sie zielgerichteter eingesetzt werden. Kein anderes Medium bietet so viele Möglichkeiten zur Minimierung von Streuverlusten, wie Online und in keinem anderen Medium ist der Preis einer Kampagne so stark an den Erfolg gekoppelt. Die Budgets für reine Brandingkampagnen steigen deshalb moderater, die positive Entwicklung im Bereich Performance Marketing geht aber ungebremst weiter. Dieses Prinzip wird auch nach der Krise überzeugen und weiter an Gewicht im Mediamix gewinnen.
Wird die unmittelbare Messbarkeit einer Onlinekampagne in der Krise noch wichtiger?
Die Messbarkeit und die Möglichkeit, eine Planung während der laufenden Kampagne zu optimieren, haben immer einen sehr hohen Stellenwert. Dies ist aber keine Erscheinung der momentanen wirtschaftlichen Situation, sondern einer der unbestrittenen Vorteile gegenüber anderen Medien.
Wie steht web2com im Vergleich zu Konkurrentin AdLINK da?
Wir gehen unsere Aufgaben unterschiedlich an, der Kunde hat die Wahl. Wie man uns beide als Vermarkter einschätzt, müssen Sie die Medieneigentümer, Werbekunden und Agenturen fragen.
Wie beurteilen Sie andere Mitbewerber z.B. Serranetga?
Selbstverständlich beobachten wir den Anbietermarkt sehr genau. Es wäre jedoch vermessen von mir, hier eine Beurteilung abzugeben. Grundsätzlich schätze und respektiere ich alle seriösen Marktplayer und deren Aktivitäten. Um den Online-Anteil im Mediaspending nachhaltig zu steigern, ist auch web2com auf kompetente Marktbegleiter angewiesen.
Was ist der Stand der Dinge bei Zanox? Der Schweizer Ableger sei angeblich aus den gemeinsamen Büros ausgezogen.
Zanox ist deutscher Marktführer für performance-basiertes Online-Marketing mit weltweiter Präsenz in allen Kernmärkten. Das Leistungsportfolio umfasst Tools zum Kooperations- und Suchmaschinen-Management, Rückvergütungssysteme sowie Empfehlungsmarketing. Einzelne Produkte bieten wir als web2com weiterhin erfolgreich auf dem Schweizer Markt an. Sobald der Schweizer Markt für das umfassende Produkteportfolio der Zanox eine relevante Grösse erreicht, ist ein Markteintritt durchaus denkbar.
Wie sehen ihre nächsten 100 Tage aus?
Ich werde den eingeschlagenen Weg weitergehen, meinen Mitarbeitern und den Kunden zuhören und den Markt weiter beobachten. Ich werde Schlüsse daraus ziehen und diesen Taten folgen lassen. Das Wichtigste ist jedoch, dass ich jeden einzelnen Tag als neue Herausforderung angehe. Nach 14 Jahren Berufstätigkeit im Online-Business, habe ich gelernt, dass heute etablierte Prozesse morgen bereits überholt sind. In keiner anderen Branche gilt so sehr: der Erfolg von Gestern, der Feind von Heute, der Killer von Morgen.
Abschlussfrage: Werden Sie noch oft auf ihre Traumjob-Teilnahme angesprochen?
Ja. Es scheint, als hätte ich auch bei Jürg Marquard meine Akzente gesetzt.
(Interview: Corinne Bauer)

