02.01.2019

Persönlichkeiten 2018

«Ein beispielloses Verfahren meiner Karriere»

Publicitas wird verschrottet. Nachdem das einstige Flaggschiff 2018 Konkurs angemeldet hatte, erhielt Konkursverwalter Marco Lucchinetti viel Arbeit. Er gewährt im siebten Teil unserer Serie einen aussergewöhnlichen Einblick in den Fall «P», den er mit dem Swissair-Grounding vergleicht.
Persönlichkeiten 2018: «Ein beispielloses Verfahren meiner Karriere»
Marco Lucchinetti ist Notar-Stellvertreter auf dem Notariat, Grundbuch und Konkursamt Aussersihl-Zürich. Er sichert, verwaltet und vertritt die Konkursmasse mit Unterstützung einzelner Sachbearbeiter vom Zeitpunkt der Konkurseröffnung bis zur Verteilung an die bekannten Gläubiger. (Bild: zVg., Grafik: Corinne Lüthi)
von Christian Beck

Herr Lucchinetti, im Mai 2018 kam mit dem Publicitas-Konkurs ein Berg von Arbeit auf Sie zu (persoenlich.com berichtete). Wie weit haben Sie diesen Berg bereits erklommen?
Der Esel steht nicht mehr vor, aber auch nicht auf dem Berg. Wir sind irgendwo zwischen Tal und Bergspitze angelangt, ohne Gefühl für die bereits zurückgelegten Höhenmeter oder einer Perspektive, was noch auf uns zukommt. An schlechten Tagen schlittert man ein paar Meter den Hang herab, dank unerwarteten Fortschritten lassen sich schwierig geglaubte Etappen gelegentlich auch überspringen.

Das «P»-Dossier ist sehr umfangreich. Hatten Sie in Ihrer Berufskarriere je einen solch grossen Fall?
Nein. Angesichts des Umfangs sowie der Komplexität steht dieses Verfahren beispiellos in meiner gut zehnjährigen Karriere in dieser Funktion da.

Wie viele Personen arbeiten eigentlich am Fall Publicitas?
Neben mir waren stets zwei zusätzliche Sachbearbeiter hundertprozentig in das Verfahren involviert. Die Klärung einzelner, hauptsächlich komplexeren Sachverhalte haben wir an Hilfspersonen übertragen. Dasselbe gilt für die Einlagerung der Geschäftsakten, welche grösstenteils in der Slowakei archiviert waren (die frühere «P»-Besitzerin Aurelius lagerte die Administration nach Bratislava aus, Anm. der Red.). Die Konkursämter im Kanton Zürich sind heute nicht in der Lage, ein Verfahren im Umfang und der Komplexität wie bei der Publicitas innert nützlicher Frist in Eigenregie durchzuführen beziehungsweise ein solches zu gewährleisten, weshalb wir der ersten Gläubigerversammlung beantragt haben, eine ausseramtliche Konkursverwaltung für den Fortgang des Verfahrens einzusetzen.

«Derzeit sind Akten im Umfang von circa 80 Kubikmeter eingelagert»

Wie müssen wir uns das vorstellen – wie viele Bundesordner Papier türmen sich in Ihrem Büro?
Allein mit den Akten des Konkursamtes – wie Konkursprotokoll, Inventar, Forderungseingaben – liessen sich bislang circa 80 Bundesordner füllen. Für die Einlagerung der Geschäftsakten musste eigens ein separates Archiv gemietet werden. Derzeit sind dort Akten im Umfang von circa 80 Kubikmeter eingelagert.

Welche Schritte wurden seit dem 11. Mai bereits eingeleitet?
In einer ersten Phase ging es der Konkursverwaltung primär um die Sicherung der Aktiven und um die Betreuung und Begleitung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In einer zweiten Phase haben wir begonnen, uns um den Erhalt der Gläubigermasse zu kümmern, wobei sich die Verwertung der offene Debitorenforderungen nach wie vor als äussert komplex erweist, da mehrere Parteien – sprich Konkursamt, Verlagshäuser sowie eine Darlehensgeberin aus dem Ausland – die gleichen Debitorenforderungen beanspruchen.

Mussten Sie sich dabei auch in die eigentliche Thematik der Vermarktung einarbeiten?
Strategische Vermarktungsfragen waren nicht Teil der Nachforschungen. Die grösste Schwierigkeit für uns als Laien in Sachen Publizistik bestand darin, die vertragliche und tatsächliche Zusammenarbeit zwischen der Publicitas und den einzelnen Verlagshäusern zu verstehen.

«Chronologisch kann man den Zerfall der Publicitas vielleicht mit einer Swissair vergleichen»

Mittlerweile müssten Sie ein Vermarktungsspezialist sein. Wie hätte Publicitas den Konkurs verhindern können?
Es liegt nicht in meiner Kompetenz, diese Frage zu beantworten. Ich bin Konkursverwalter, kein Ökonom. Chronologisch kann man den Zerfall der Publicitas vielleicht mit einer Swissair vergleichen. Beide galten zu gegebener Zeit als Bank ihres Wirtschaftssegmentes, standen am Ende jedoch finanziell ausgeblutet da.

Welches waren die grössten Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung dieses Dossiers?
Eindeutig die kaum zu bewältigende Quantität der Anfragen und Sachverhalte angesichts der fehlenden Ressourcen.

Der Konkurs hinterliess viele Gläubiger. Wie viele meldeten sich bei Ihnen?
Es haben aktuell 758 Gläubigerinnen und Gläubiger ihre Forderungen angemeldet.

«Das schwächste Glied sind immer die Mitarbeitenden»

Gab es auch solche, die mit der Existenz zu kämpfen hatten?
Davon ist in jedem, auch kleineren Konkursverfahren auszugehen. In diesem Fall brach für gewisse, vor allem kleinere Zeitungen von einem auf den anderen Tag das gesamte Inserierungsgeschäft zusammen. Das schwächste Glied sind aber immer die Mitarbeitenden, welche von einem auf den anderen Tag mit einer unsicheren Zukunftsperspektive erwachen und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben ein Arbeitslosendasein frönen müssen.

Welches werden nun die nächsten Schritte sein?
Gegen die Einladungen sowie die Beschlüsse der ersten Gläubigerversammlung sind Beschwerden gegen die Konkursverwaltung beim zuständigen Gericht hängig gemacht worden. Der Ausgang dieser Beschwerden entscheidet, ob die anlässlich der ersten Gläubigerversammlung gewählte ausseramtliche Konkursverwaltung das Verfahren effizient weiterverfolgen kann. Bis zum Entscheid des Gerichts sind wir nun vor allem damit beschäftigt, die zahlreichen aufgelaufenen Anfragen zu beantworten.

Werden Sie 2019 verkünden können: «Der Fall Publicitas ist abgeschlossen»?
Kaum.

Und wenn es dereinst mal soweit ist, was machen Sie dann? Lange Ferien?
Keine Sorge. Ich konnte meine Ferien auch seit Beginn des Publicitas-Verfahrens dank der Unterstützung und der Selbstständigkeit meines Teams beziehen.



In der Serie «Persönlichkeiten 2018» lassen wir Menschen, die 2018 von sich reden machten, nochmals zu Wort kommen. Weitere «Persönlichkeiten 2018» finden Sie hier.

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