02.06.2020

Goldbach Publishing

«Jedes Medium hat sein Momentum»

Die Drittvermarktung wird für Goldbach Publishing immer wichtiger. Im Juni startet zudem die Vermarktung von ausländischen Titeln. Die Co-Geschäftsführer Philipp Mankowski und Thierry Furrer über Wachstumsmärkte, Werbeeinbussen und Wakeboarden.
Goldbach Publishing: «Jedes Medium hat sein Momentum»
Sehen die Drittvermarktung als strategisches Wachstumsfeld (v.l.): Philipp Mankowski und Thierry Furrer, Managing Directors von Goldbach Publishing. (Bild: zVg.)
von Christian Beck

Herr Furrer, das Journal de Morges stösst zum Portfolio von Goldbach Publishing (persoenlich.com berichtete). Liegt nun ein Dictionnaire auf Ihrem Nachttisch?
Thierry Furrer: (Lacht.) Da ich quasi bilingue bin, muss ich meine Nachttischlektüre zum Glück nicht auswechseln. Zudem war ich in den vergangenen 15 Jahren mehrheitlich für Westschweizer Titel verantwortlich und das kommt mir natürlich jetzt umso mehr zugute.

Goldbach ist in der Westschweiz weitgehend unbekannt – zumindest im Print. Wie wollen Sie das ändern?
Furrer: Das stimmt so nur bedingt. Goldbach Publishing ging aus Tamedia Advertising und die wiederum aus Tamedia Publications Romande hervor. Der Name mag vielleicht noch etwas neu sein, aber das Team, welches dahintersteht und sich neu auch für das Journal de Morges verantwortlich zeigt, ist in der Westschweiz bestens vernetzt, und unsere Kunden schätzen die Fachkompetenz unserer Mitarbeiter sehr. Aber sicher müssen wir mit gezielten Marketingmassnahmen die Marke Goldbach Publishing und unsere Positionierung in der Romandie noch etwas schärfen.

Welches sind die grössten Herausforderungen dabei?
Furrer: Aus aktuellem Anlass natürlich der Umstand, dass wir alle geplanten Kundenaktivitäten – wie beispielsweise am Montreux Jazz Festival oder Paléo – wegen des Veranstaltungsverbotes absagen mussten. Das sind hervorragende Plattformen für die Kundenpflege, die so leider nicht stattfinden werden. Aber wir finden bestimmt andere kreative Wege, um bei unseren Kunden «top of mind» zu bleiben.

«So unterschiedlich sind die beiden Märkte nicht»

Funktioniert der Westschweizer Markt wesentlich anders als jener in der Deutschschweiz?
Furrer: Nein, so unterschiedlich sind die beiden Märkte nicht. Der Regional- und Lokalmarkt hat nach wie vor eine hohe Bedeutung, wogegen die Anzahl der nationalen Kunden, aufgrund ihres Wegzuges in die Deutschschweiz, in den letzten Jahren kontinuierlich zurückging. Nicht zu vergessen: In der Romandie bearbeiten wir intensiv den immer noch wichtigen Rubrikenmarkt.

Herr Mankowski, nicht nur die Westschweiz erobern Sie, sondern ab Juni auch das Ausland mit der Drittvermarktung der Titel von IQ Media. Warum betreten Sie dieses Neuland?
Philipp Mankowski: Unsere Strategie ist das Wachstum in allen für uns relevanten Märkten, dazu gehören neben der Schweiz auch Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Deutschland ist der grösste Auslandsmarkt für uns und bietet ein enorm spannendes Potenzial. Bisher waren wir aber nur im Importgeschäft – deutsche Kunden in Schweizer Medien – und mit Goldbach Germany im nationalen Geschäft – deutsche Kunden in deutschen Medien – tätig.

Ist die Nachfrage überhaupt vorhanden? Gibt es viele Firmen, die im nahen Ausland werben möchten?
Mankowski: Definitiv. Die Schweiz ist ein Exportland, für viele Firmen ist das Kundenpotenzial in der Schweiz zu klein und sie vertreiben einen Grossteil ihrer Produkte im Ausland. Nehmen Sie zum Beispiel die Uhrenindustrie, da werden über 90 Prozent der Produkte im Ausland verkauft. Wir sind überzeugt, dass wir mit unserem Angebot an Attraktivität für unsere Werbekunden gewinnen werden.

«Ein Wachstumsmarkt bedeutet auch, dass wir personell ausbauen»

«Für Goldbach liegen die Wachstumsmärkte geografisch im nahen Ausland», sagte schon Ihr Chef Michi Frank, CEO der Goldbach Group, in einem persoenlich.com-Interview. Bauen Sie dafür nun personell aus?
Mankowski: Ein Wachstumsmarkt bedeutet auch, dass wir personell ausbauen, da der nationale Markt jedoch rückläufig ist, wird es eher Verschiebungen geben.

Drittvermarktung betreiben Sie auch in der Schweiz, zum Beispiel mit der Annabelle, die nicht mehr zu Tamedia gehört. Warum ist die Drittvermarktung für Sie so wichtig?
Mankowski: Wir konnten mit Medienart, dem neuen Besitzer der Annabelle, unseren ersten Mandanten gewinnen und neben Annabelle auch Le Menu in unserem Portfolio aufnehmen. Daraufhin folgte das Red Bull Mediahouse mit Red Bulletin, Innovator und Bergwelten, seit dem 1. April Die Zeit Schweiz und ab 1. Juni das Journal de Morges. Für uns ist die Drittvermarktung ein strategisches Wachstumsfeld, und für unsere Kunden bedeutet es, dass sie bei uns eine grössere Vielfalt an Zielgruppen, Medien und Kommunikationsmöglichkeiten finden.

Ist das überhaupt lukrativ? Da bleiben doch nur Brosamen übrig …
Furrer: Keineswegs. Wie Philipp schon sagte, für Goldbach Publishing ist die Drittvermarktung ein strategisches Wachstumsfeld und wir sehen in der aktuellen Krise, wie schwierig es für gewisse Publisher wird, die Kostenblöcke für Sales und Backoffice zu finanzieren. Und genau da können wir Hand bieten und unsere Full-Service-Dienstleistungen anbieten – und das kann sehr wohl lukrativ sein.

Wollen Sie bezüglich Drittvermarktung nur noch im Ausland wachsen – oder auch in der Schweiz?
Furrer: Wie Philipp bereits erwähnte, stehen die benachbarten Länder im Fokus für neue Mandate. Aber wir wollen mit der Drittvermarktung natürlich auch in der Schweiz weiterwachsen. Ich bin zuversichtlich, dass wir im zweiten Semester noch das eine oder andere Vermarktungsmandat dazugewinnen werden.

«Schön, dass mal ein etablierter Begriff hinterfragt wird»

Der Begriff Drittvermarktung ist mir klar, ebenso wie Erstvermarktung. Was ist eigentlich mit Zweitvermarktung?
Mankowski: (Lacht.) Schön, dass mal ein etablierter Begriff hinterfragt wird. Dritt- oder Fremdvermarktung ist ein fester Begriff, der meines Wissens ursprünglich aus dem Rechtehandel in der Unterhaltungsbranche stammt. Bei den Medien würde man als Erst- oder Direktvermarktung sprechen, wenn ein Medium – zum Beispiel die Weltwoche – sich einen eigenen Sales-Apparat leistet. Die Zweitvermarktung ist die gängigste Form eines eigenen Vermarkters, der die verschiedenen Medien eines Medienhauses verkauft und bei der Drittvermarktung spricht man davon, wenn fremde Medien vermarktet werden.

Aber wirklich lohnen würde sich die Erstvermarktung. Laufen auch hier Bestrebungen für einen Ausbau?
Mankowski: Für uns lohnt sich alles, womit wir Geld verdienen können. Deshalb sind wir in engem Austausch mit unseren Kolleginnen und Kollegen bei der TX Group und mit Tamedia (Bezahlmedien). Die Entscheidung über deren Ausbau liegt aber bei ihnen.

Alle kürzlichen Neuzugänge im Portfolio von Goldbach Publishing betreffen Printtitel. Sie glauben also weiterhin an Print?
Furrer: Was für eine Frage. Selbstverständlich glauben wir nach wie vor an Print. Die Coronakrise hat es exemplarisch aufgezeigt, wie die Menschen in unsicheren Zeiten zu bezahlten Qualitätszeitungen greifen, weil sie eine seriöse Einordnung und gut recherchierte Artikel wollen. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser neue Trend des Mediennutzungsverhaltens noch eine Weile andauern wird und wir es dann auch entsprechend monetarisieren können.

Mankowski: Dem stimme ich voll und ganz zu. Ausserdem vermarkten wir für fast alle Mandanten nicht nur das Print-, sondern auch das Digitalgeschäft.

Print ist für Sie jedoch auch eher Neuland. Goldbach vermarktet die Tamedia-Titel seit dem 1. Januar. Welche Lehren haben Sie bereits gezogen?
Mankowski: Für Goldbach ja, für uns und unser Team jedoch nicht, da wir das Know-how und die Erfahrung der Tamedia Advertising mitbringen. Das Zusammenführen verschiedener Gattungen bringt vor allem unseren Kunden den Mehrwert der Vielfalt. Ausserdem bedeutet das für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern «Job Enrichment», eine bessere Perspektive und eine Menge Spass.

«Zurzeit verkauft sich Werbung leider auf keinem Kanal einfach»

Was verkauft sich derzeit am einfachsten: Print-, Radio-, TV- oder Onlinewerbung?
Furrer: Zurzeit verkauft sich Werbung leider auf keinem Kanal einfach. Es geht darum, für die Kunden den optimalen Mediamix zu finden, sodass er seine Marketingziele bestmöglich erreichen kann. Und hier liegt genau die Stärke von Goldbach. Wir können unseren Kunden 360-Grad-Lösungen aus einer Hand anbieten und so dafür sorgen, dass die Botschaft bei der gewünschten Zielgruppe auch ankommt.

Aber wo harzt es am meisten?
Mankowski: Jede Gattung hat ihre Vor- und Nachteile, deshalb ist es so wichtig, gut diversifiziert zu sein. Jedes Medium hat sein Momentum. Wie wir in der aktuellen Krise gesehen haben, kann sich das auch schnell und kurzfristig ändern. Aber davon abgesehen haben Print und TV die stärksten Rückgänge zu verzeichnen.

Zurück zum Journal de Morges. Gingen Sie schon mal im Genfersee baden?
Furrer: Oh ja, sicher. Ich habe einen guten Freund, der ein Boot auf dem Lac Leman hat – und wann immer es die Zeit im Sommer zulässt und ich in der Westschweiz bin, fahren wir für eine abendliche Wakeboard-Session mit anschliessendem Abkühlungsbad auf den See raus.

Mankowski: Ich bin 1996 aus New York zurückgekommen und war danach drei Monate in Genf – ich habe damals übrigens schon mal Die Zeit vermarktet. Nach der genialen und unvergesslichen Grossstadt-Zeit habe ich praktisch jeden Tag ein Bad im Genfersee genossen.



Thierry Furrer, Managing Director Goldbach Publishing, ist verantwortlich für den Regional-, Lokal- und Rubrikenmarkt. Davor war er während drei Jahren als CSO Tamedia Advertising Regional Media und sechs Jahre als Leiter Werbemarkt Tamedia Publications romandes tätig. Bis 2010 während neun Jahren war er in verschiedenen Funktionen bei Ringier.

Philipp Mankowski, Managing Director bei Goldbach Publishing, verantwortet den nationalen und internationalen Markt. Zuvor war er als CSO Nationale Medien bei Tamedia Advertising, 16 Jahre bei Axel Springer in Deutschland und über 10 Jahre bei der PubliGroupe in verschiedenen Ländern tätig.



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