Zwischen dem Detailhandel und der Markenartikel-Industrie wütet ein Verteilkampf. Migros, Coop und Denner wollen die hohen Preise nicht mehr dulden und attackieren jetzt die Produzenten. Gegenüber "persoenlich.com" sagt Promarca-Präsident Alexander Jost wie sein Verband auf die Forderungen des Handels reagieren will. Zugleich räumt er ein, dass die Markenindustrie den Stimmungsumschwung bei den Konsumenten unterschätzt hat. Das Interview:
Die grossen Detaillisten wollen gegen die Markenartikelhersteller eine schärfere Gangart anschlagen, die Migros hat die Weko eingeschaltet. Wie gedenkt ihr Verband auf die jüngsten Attacken zu reagieren?
Die Forderung des Handels nach "Europreisen" ist nicht neu und hat sich im konkreten Fall in den meisten Fällen als unhaltbar erwiesen. Wenn Migros heute verlangt, dass vergleichbare Produkte höchstens 5 Prozent über den ausländischen Referenzpreisen liegen dürfen, entbehrt dies jeder sachlichen Grundlage. Die Gewinnmargen der Hersteller in der Schweiz sind im europäischen Vergleich höchstens guter Durchschnitt, was uns multinationale Unternehmen mit Betriebsstätten in diversen europäischen Ländern bestätigen können. Es kann deshalb keine Rede von irgendwelchen "Polstern" sein, welche den Herstellern für Preiskonzessionen zur Verfügung stünden.
Ein Preisunterschied von generell 5 Prozent würde ja auch implizieren, dass in der Schweiz sämtliche Kostenelemente -- wie etwa Mieten, Löhne, Logistik, landwirtschaftliche Rohmaterialien, Werbekosten, etc.-- lediglich 5 Prozent über jenen des Auslands liegen. Dass dies nicht der Fall ist, wissen auch die Grossverteiler ganz genau, unter anderem deshalb, weil ihre Eigenmarken ebenfalls weit über dem Niveau der Eigenmarken deutscher Anbieter liegen. Unerfindlich ist auch, weshalb die Weko eingeschaltet werden sollte, nachdem die Preisfindung in einem funktionierenden und intensiven Konkurrenzumfeld stattfindet, sowohl auf Stufe Hersteller als auch auf Stufe Verteiler.
Ist das resolutere Vorgehen der Detaillisten nun der Auftakt zu einem lange anhaltenden Machtkampf zwischen Detailhandel und Markenartiklern?
Das Problem "Hochkosten-Insel Schweiz" betrifft Grosshändler und Hersteller in gleichem Masse und stellt ganz generell die Konkurrenzfähigkeit der Schweiz im Vergleich zum Ausland in Frage. Diese Problematik lässt sich nicht durch taktische Angriffe auf Brotaufstriche lösen. Es bedarf vielmehr der Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung, Produzenten und Handel um Rahmenbedingungen zu schaffen, die der Konkurrenzfähigkeit unserer Wirtschaft im europäischen und globalen Umfeld förderlich sind. Auch der Schweizer Konsument und Stimmbürger wird darüber befinden müssen, wie weit er gewillt ist, im Hinblick auf tiefere Preise Abstriche an seinen ökologischen Forderungen, seinem Bedürfnis nach Sicherheit, oder seinen Anstellungsbedingungen in Kauf zu nehmen.
Es ist vielleicht verständlich, dass einzelne Grossverteiler unter dem erwarteten Druck neuer ausländischer Konkurrenten als erstes versuchen, diesen Druck an die Lieferanten weiterzugeben, statt sich auf unpopuläre und längst überfällige Strukturbereinigungen im eigenen Haus einzulassen. Ich hoffe deshalb, dass nach diesem "Schuss vor den Bug" eine Phase konstruktiver und gemeinsamer Problemlösung folgen wird, wobei ich nicht in Abrede stelle, dass auch auf Seiten einiger Hersteller oder Importeure Handlungsbedarf besteht.
Wie kann die Markenartikelindustrie ein Kräftemessen gegen die Detailriesen wie Migros und Coop gewinnen?
Handel und Hersteller in der Schweiz haben immer wieder ihre Dialogfähigkeit unter Beweis gestellt. Auch wenn unter dem erhöhten Preis- und Konkurrenzdruck heute mit härteren Bandagen gekämpft wird, erwarte ich nicht, dass wir uns in ein konfliktives Verhältnis hineinmanövrieren werden. Schlussendlich geht es sowohl dem Handel als auch den Markenartiklern um ein und dasselbe, nämlich sich auf die vorherrschenden Konsumentenbedürfnisse einzustellen. Falls es sich langfristig bewahrheiten sollte, dass der Kunde bereit ist, bei gewissen Produkten des täglichen Gebrauchs Abstriche zu machen, um selbst in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld seinen Lebensstandard beizubehalten und sich einen gewissen Luxus leisten zu können, dann werden sich Markenartikler wie auch Handel anpassen müssen.
Ihr Verband rechtfertigt die hohen Preise vor allem defensiv und verweist auf die höheren Lohn-, Werbe- und Transportkosten. Müsste Ihre Verband nicht eine preisoffensivere oder kooperativere Taktik verfolgen?
Der Verband kann einzig auf jene Elemente hinweisen, welche die Kostenstrukturen in der Schweiz belasten und gleichzeitig geeignete Massnahmen zur Verbesserung unserer Konkurrenzfähigkeit vorschlagen. Die Preisgestaltung im Einzelfall liegt ausschliesslich im Entscheidungsbereich der Einzelfirmen.
Die Umsätze für Markenartikel im Detailhandel sinken. Hat die Markenartikelindustrie die Zeichen der Zeit zu spät erkannt und die gewachsene Preissensibilität der Konsumenten zu wenig ernst genommen?
Es ist möglich, dass der Stimmungsumschwung unter den Konsumenten, der Eintritt von Hard-Discountern und die anhaltende Wachstumsschwäche unterschätzt wurden. Umgekehrt hat der harte Konkurrenzkampf im Binnenmarkt und mit europäischen Anbietern, insbesondere auch im Hinblick auf die bilateralen Verträge, manche Unternehmen dazu bewogen, rechtzeitig und fortlaufend ihre Hausaufgaben in Sachen Effizienz und Produktivität pro-aktiv anzugehen.
Wie gross bemessen Sie den Spielraum der Markenartikelproduzenten, die Produktepreise zu senken?
Zwischen Null und dreissig Prozent. Lassen Sie mich erklären: Für jene Unternehmen, welche alle möglichen Rationalisierungsschritte unternommen haben und welche keine Möglichkeiten zur Auslagerung in Billigländer haben, besteht kein Handlungsspielraum mehr, ohne das eigene wirtschaftliche Überleben aufs Spiel zu setzen. Dort sind die Möglichkeiten für Preissenkungen ohne Qualitätsabstriche gleich null. Gehen wir jedoch von der theoretischen Annahme aus, dass alle Input-Kosten auf dem Niveau Europas lägen (Rohstoffe, Saläre, Raummieten, Energie, Werbung, gesetzliche Anforderungen, etc.), so besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass effiziente Schweizer Unternehmen nicht auch kostenmässig mit der europäischen Konkurrenz mithalten könnten. Dies würde dann heissen, dass Verkaufspreise an den Handel je nach Vergleichsland und Produktekategorie bis zu 30 Prozent tiefer liegen könnten. Ob dies dann auch für die Konsumentenpreise gilt, hängt davon ab, ob der Handel seine Produktivität ebenfalls dem ausländischen Niveau angleichen kann.
Erwarten Sie schon bald weitere Attacken von Seiten der Detailhändler?
Das kann nicht ausgeschlossen werden.

