Herr Bargetzi, Sie sind nun genau 100 Arbeitstage als CEO von Publicitas Media Sales Schweiz im Amt und haben in dieser Zeit kräftig aufgemischt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Wir alle tasten uns Tag für Tag näher an die neue Publicitas heran. So ein Allmedia-Sales-Haus zu bauen geht nicht in drei Wochen. Jeder Tag ist mit Lernprozessen und mancher auch mit Überraschungen verbunden. Äusserlich sieht man die Veränderung sicher am Rebranding und den damit verbundenen Namensänderungen unserer Firmen. Gleichzeitig wurden alle Zürcher Einheiten der neuen Publicitas in unserem neuen operativen Haupt-sitz in Zürich-Altstetten zusammengezogen. Unsere weltweit geschaffene Allmedia-Verkaufsorganisation arbeitet nun unter einem Dach. Neu ist auch, dass die Chefs keine eigenen Büros mehr haben, sondern wie alle anderen Mitarbeiter in einem Grossraumbüro arbeiten.
Diese Zusammenlegung stösst nicht überall auf Gegenliebe ...
Dies ist natürlich. Die ehemals dezentral eigenständigen Firmen müssen sich nun neu finden. Ich habe soeben mit unseren Mitarbeitern eine Tagung durchgeführt, an welcher unsere Verkaufsmitarbeiter ihre Allmedia-Strategie präsentieren konnten. Dieses Konzept wurde in unserem Haus übrigens schon immer in die Tat umgesetzt, nur leider wurde dies zu wenig kommuniziert. Diesbezüglich kann man nicht von einer neuen Erfindung sprechen.
Jeder P-Mitarbeiter muss neuerdings in der Lage sein, sämtliche Medien zu verkaufen. Da stellt sich die Frage, ob dies auf Dauer funktionieren kann.
Publicitas ist daran, international ausgerichtete, interaktive Tools einzuführen, mit denen Werbekunden, Agenturen, Partner und Mitarbeiter arbeiten können. Dazu gehören auch Systeme zur Ausarbeitung und Durchführung effizienter Kommunikations- und Medienstrategien. Sämtliche Kundenanfragen, zum Beispiel Lokalradio- oder Magazinkampagnen, werden hiermit bearbeitet. Die Wünsche können eingegeben werden, dann werden diese an ein IT-System geschickt, und dort werden Offerten ausgearbeitet. In einer ersten Generation geschieht hinter den Kulissen noch viel manuell, mit der Zeit werden die Systeme dann immer automatischer.
Dann ist die neue Publicitas eine Mediaagentur...
Nein. Wir sind keine Konkurrenz zu den Agenturen. Wir arbeiten mit allen wichtigen Agenturen mehr oder weniger intensiv zusammen, und das werden wir auch in Zukunft tun. Und wir bieten zum Beispiel auch keine Möglichkeit, Plakate zu buchen, weil das dazugehörige Tool nicht vorhanden ist. In manchen Bereichen sind uns die Hände gebunden, vor allem bezüglich der Radiowerbung.
Ihnen gehört seit zwei Jahren aber die Radiotele AG.
Das stimmt. Trotzdem haben wir aber keinen Einfluss auf Radiosender, welche der Tamedia gehören oder ihre Vermarktung in die Hände der Publisuisse geben.
Eine Behauptung: Die Publicitas will gar keine Mediaagentur sein, weil man in dieser Branche zu wenig verdient.
Ich denke, die Mediaagenturen können über verschiedene Einkommensströme ganz gut leben. Die P erhält von den Verlagen eine Kommission, die schon etwas höher ist als die, die eine Mediaagentur erhält. So weit stimmt das. Mit unserer Kommission müssen wir aber unsere laufende Kosten und die Investitionen in die Systeme für zukünftige Leistungen an die Verleger decken. In der Schweiz bestehen über 2000 Verträge. Da braucht es schon eine ganz andere Infrastruktur, diese zu verwalten und zu betreuen. Die einzelnen Verlage, vor allem kleinere, müssten viel mehr Geld aufwenden, damit ein für ihre Bedürfnisse funktionierendes System reibungslos laufen würde.
Früher hat die Publicitas hauptsächlich Medien vertreten. Stehen nun die Kunden im Vordergrund?
Es sind beide gleichermassen wichtig. Die allmediale Publicitas verfügt über ein Portfolio, das es uns erlaubt, für fast jedes Kommunikationsziel eines Kunden eine gut optimierte Offerte zu machen. Davon profitieren Kunden wie Medieneigentümer. Im Gespräch mit dem Kunden oder seiner Agentur steht bei uns zuerst eine auf seine Bedürfnisse abgestimmte Lösung im Vordergrund. Dabei weiss aber jeder unserer Kunden, woher wir unser Geld bekommen. Diese Transparenz ist entscheidend, denn nur so kann man uns vertrauen. Wenn das Geld bei uns landet, kann auch unser Partnermedium, zum Beispiel ein Regieverleger, profitieren. Das wissen unsere Medienpartner, und sie befürworten es auch. Schliesslich können wir nur im direkten Kundenkontakt herausfinden, was die Kunden wollen und wie wir zusammen mit den Medieneigentümern das Angebot verändern müssen.
Trotzdem: Sie sind einerseits der verlängerte Verkaufsarm eines Verlages, andererseits suchen Sie das Gespräch mit den Retailern, um einen allfälligen Mediaeinsatz zu planen.
Wir setzen uns für unsere Medien ein, das ist doch klar. Entscheiden tut aber der Kunde oder eben seine Agentur. Kürzlich habe ich mich mit einem mir persönlich bekannten Kunden getroffen und habe ihm das Medium Kino als Werbemittel vorgeschlagen. Die Mitarbeiterin der Mediaagentur war von dieser Idee nicht sonderlich begeistert, worauf auch die Marketingmanagerin des Kunden den Vorschlag ablehnte.
Was ist daran nun falsch?
Selbst grosse Kunden wissen heute nicht mehr genau, auf welcher Basis Media-empfehlungen von Agenturen fussen. Das beunruhigt viele Kunden. Bei der P weiss hingegen jedes Kind, woher wir unser Geld bekommen. Auf dieser Basis suchen wir das Gespräch mit dem Kunden, versuchen ihn dabei zu überzeugen, weshalb beispielsweise die Kinowerbung für sein Produkt die beste Lösung ist. Anschliessend kann er dies seiner Agentur mitteilen. Die Agentur kann dann natürlich eine andere Meinung haben, die sie aufgrund ihres Fachwissens vertritt. Ich habe in den vergangenen hundert Tagen leider festgestellt, dass das Fachwissen nicht auf allen Ebenen der Mediaagenturen an vorderster Stelle steht. Dadurch besteht die Gefahr, dass sie im Tagesgeschäft ihre Budgets falsch einsetzen.
Einige wichtige Führungskräfte haben die Publicitas verlassen. Waren diese nicht in der Lage, die Neuausrichtung mitzutragen?
Es handelt sich dabei um persönliche Entscheidungen. Ich habe nur in einem Fall eine Kündigung ausgesprochen, als wir gemerkt haben, dass sich die betreffende Person nicht mit der Allmedia-Strategie anfreunden konnte und auch nicht an den Erfolg geglaubt hat. Andere Mitarbeiter haben aus eigenem Antrieb die Konsequenzen gezogen. Es ist mir klar, dass es nicht leicht ist, sich mit einer neuen Ausrichtung anzufreunden, wenn man viele Jahre sehr erfolgreich im eigenen Segment tätig war und plötzlich verschiedene Bereiche unter einem neuen Namen zusammengefügt werden. Die meisten unserer ehemaligen Mitarbeiter sind jedoch bereits wieder in der Medienszene tätig, gleichzeitig haben wir uns auch bemüht, für die Abgänger geeignete Lösungen zu finden.
Themawechsel: Radiotele und Cinecom gehören zur Publicitas. Wie war es möglich, dass diese Bereiche Verluste in Millionenhöhe eingefahren haben?
Das hat zum Teil mit den Kosten- und Vertragsstrukturen der Cinecom zu tun. Zudem ging mit dem Abgang von Cinecom-Geschäftsführer Matthias Luchsinger der Kontakt zum Markt etwas verloren. Vor allem im letzten Quartal 2007 hat es uns hart erwischt, und auch die Gespräche für 2008 konnten nicht optimal geführt werden. Das TV-Geschäft läuft glänzend. Was Radiotele angeht, haben wir nicht eine so prominente Marktrolle wie die Cinecom im Kino, aber trotz aller Rückschläge erzielen wir immer noch einen Umsatz von mehreren Millionen.
Sie stehen im Spannungsverhältnis zum Medienkonzern Tamedia, weil Sie sehr eng mit der NZZ zusammenarbeiten. War diese Entscheidung richtig?
Ich weiss nicht, was geschehen wäre, wenn wir uns für die Tamedia entschieden hätten. Sicherlich hat sich dieser Konzern nicht zuletzt wegen CEO Martin Kall positiv entwickelt. Aber die Zusammenarbeit mit der NZZ ist für uns sehr erfreulich. Dies hat auch damit zu tun, dass wir jeweils mit den verantwortlichen Managern regelmässig gemeinsam an einem Tisch sitzen und Lösungen finden, die beiden Parteien dienen. Man begegnet sich auf Augenhöhe.
Wie muss man sich die momentane Zusammenarbeit mit der Tamedia vorstellen?
Wir haben Ende des Jahres eine neue Zusammenarbeit vereinbart und arbeiten gut zusammen. Ich habe mich kürzlich mit den Tamedia-Verantwortlichen getroffen, wobei wir versuchen, bezüglich Direktbuchungsrabatten Lösungen zu finden. Die Tamedia ist nicht wie manchmal dargestellt unser Konkurrent.
BaZ-Verleger Matthias Hagemann warf der Publigroupe vor, die Herausgabe von 2,5 Millionen Franken zu verweigern Geld, das eigentlich der BZM, Tochterfirma der Basler Zeitung Medien, zustand. Was sagen Sie dazu?
Dieser Vorwurf war von Matthias Hagemann psychologisch geschickt formuliert. Man kann dies mit einer Ehe vergleichen, die geschieden werden soll und in der Sachverhalte eben anders oder einseitig dargestellt werden. Dabei werden vor allem die negativen Ereignisse hervorgehoben. Herr Hagemann spielte die Opferrolle. Die ganze Situation ist aus geschäftlicher Sicht äusserst unbefriedigend, und sie hat auch zur Folge, dass die Kunden am meisten unter diesem Disput leiden. Sie sind verwirrt und zum Teil falsch informiert, und das führt zu Missverständnissen. Schliesslich werden dadurch beide Häuser in Mitleidenschaft gezogen. Aber Herr Hagemann hat mittlerweile sein Geld bekommen.
(Interview: Matthias Ackeret)

