18.11.2020

Tamedia

«Alle Bereiche müssen ihre Kosten reduzieren»

Einsparungen von 70 Millionen Franken: Der wohl grösste Abbau in der jüngeren Schweizer Mediengeschichte hat nur wenig Reaktionen ausgelöst. Warum wohl? Die Geschäftsführer Andreas Schaffner und Marco Boselli über den geplanten Personalabbau.
Tamedia: «Alle Bereiche müssen ihre Kosten reduzieren»
Andreas Schaffner (links) ist seit 2009 Mitglied der Unternehmensleitung und zuständig für den Bereich Verlagsservices. Marco Boselli ist seit 1. Januar 2020 Mitglied der Unternehmensleitung und zuständig für den Bereich Publizistik von Tamedia. (Bild: Tamedia)
von Matthias Ackeret

Herr Boselli, Herr Schaffner, die Reaktionen auf Ihre Ankündigung, 70 Millionen Franken einzusparen, waren erstaunlich gering. Woran liegt das? Interessiert das niemanden mehr?
Marco Boselli: Wir haben diese Frage im Nachgang der Kommunikation auch diskutiert. Den meisten Mitarbeitenden und Aussenstehenden ist wohl einfach bewusst, dass gespart und die ganze Kostenbasis hinterfragt werden muss. Es ist mittlerweile allgemein bekannt, dass unsere Branche grössere strukturelle Probleme hat, die jetzt durch Corona beschleunigt wurden.

Das heisst, ein Grundverständnis für eine solche Sparmassnahme ist vorhanden.
Boselli: Zweifelsohne. Unsere Ankündigung erfolgte aber in einem Moment, in dem auch andere Firmen, wie Ringier oder Credit Suisse, mit Hiobsbotschaften aufwarteten. Die meisten Unternehmen haben mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. In unserer Wirtschaft findet momentan ein riesiger Umbruch statt.

Trotzdem: Bei 70 Millionen Franken handelt es sich wohl um den grössten Abbau in der Schweizer Mediengeschichte.
Andreas Schaffner: Das kann ich nicht sagen. Im Verhältnis wird er etwa gleich gross sein wie derjenige bei CH Media. Obwohl die Summe sehr gross ist, lässt sie sich durch die Erosion im Werbemarkt gut erklären. Dabei muss man auch berücksichtigen, dass Tamedia das grösste private Medienhaus des Landes ist. Die eingesparten 70 Millionen Franken entsprechen 15 Prozent unseres Gesamtbudgets.

Wie viel stammt davon von Corona?
Schaffner: In dieser Summe ist per se nichts von Corona enthalten. Dessen Auswirkungen kann man noch nicht abschätzen.

«Zu behaupten, dass diese Ankündigung positiv aufgenommen wurde, wäre sicher falsch»

Wie sind die Sparmassnahmen im Haus aufgenommen worden?
Boselli: Zu behaupten, dass diese Ankündigung positiv aufgenommen wurde, wäre sicher falsch. Wir haben uns im Vorfeld aber lange überlegt, wie wir über die ganzen Abbaupläne informieren wollen. Unsere Kommunikation war von Beginn weg sehr offen und transparent. Es war uns wichtig, unsere Sozialpartner, also die Personalkommissionen, sehr schnell in unser Vorhaben einzubeziehen. Wir kennen die groben Züge und die anvisierten Bereiche des ganzen Sparpakets. Um mit unserer langfristigen Strategie erfolgreich zu sein, müssen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Entscheidungen aber auch mittragen.

Aber kommt ein solch gestaffeltes Vorgehen wirklich besser an als ein einziger Paukenschlag, bei dem die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wissen, woran sie sind?
Boselli: Andreas und ich wollten unsere Mitarbeitenden bewusst nicht vor vollendete Tatsachen stellen, indem wir den Abbau einer bestimmten Anzahl Stellen verkündeten. Wir versuchten vielmehr aufzuzeigen, dass wir uns immer noch inmitten des ganzen Prozesses befinden – und sie auf den Weg mitnehmen wollen.

Wie lange dauert es, bis der ganze Sparprozess abgeschlossen ist?
Boselli: Bis Ende 2022.

Nochmals die generelle Frage: Wie spart man 70 Millionen Franken ein?
Schaffner: Wir werden unsere gesamte Kostenstruktur hinterfragen. Alle Bereiche von Tamedia müssen ihre Kosten reduzieren. Ein Teil betrifft die Personalkosten, aber nicht nur. Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter davon betroffen sein werden, kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Zudem wird es auch bei den Verlagsservices, also bei den Druckereien und der Logistik, zu Sparmassnahmen kommen. Darüber hinaus kommt ein Teil der 70 Millionen Franken aus der TX Group, welche, wie bereits kommuniziert wurde, im Servicebereich Kostenreduktionen im Umfang von 20 Millionen Franken durchführen wird.

«Es ist unsere Ambition, alle Titel zu behalten»

Will Tamedia langfristig einzelne Titel zusammenlegen?
Schaffner: Zum jetzigen Zeitpunkt ist dies nicht angedacht. Die einzelnen Regionen wollen an ihren Titeln festhalten. Zudem bleiben die gedruckten Zeitungen weiterhin ein wichtiges Standbein für uns, auch wenn wir nur noch digital wachsen werden. Eine weitere Konzentration auf weniger Titel ergibt momentan keinen Sinn.

Also: Zeitungen werden keine eingestellt?
Boselli: Es ist unsere Ambition, alle Titel zu behalten. Wir prüfen aber, ob es Doppelspurigkeiten gibt, die man vermeiden könnte. Dies bedeutet eine noch grössere redaktionelle Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Zeitungen und Redaktionen. Momentan überlegen wir uns mit allen Beteiligten, wie man dies am besten umsetzen könnte.



Lesen Sie das ausführliche Interview mit Marco Boselli und Andreas Schaffner in der aktuellen Printausgabe von persönlich. Darin sprechen die Tamedia-Co-Geschäftsführer auch über den Anspruch auf Medienförderung, den typischen Tagi-Leser sowie die nächsten Ziele des Medienhauses.



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Kommentare

  • Victor Brunner, 19.11.2020 09:55 Uhr
    Kompliment an Matthias Ackeret! Als Abonnent von SoZ, TA und ZSZ würde ich gerne ein Interview mit Andreas Schaffner und Marco Boselli in einer der Zeitungen lesen. Information und Transparenz für die Kunden, aber leider nichts. Kein Interview, kein Hinweis, tiefes Schweigen. Hat der Abonnent und Leser keinen Respekt und Aufklärung verdient? Werden Pläne unter dem Deckel gehalten dass mögllichst viele Abonnenten der zusammengestauchten RZ das Abo für 2021 noch erneuern um dann Mitte Jahr mit einem weiteren Leistungsabbau konfrontiert werden?

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