25.08.2020

Halbjahreszahlen 2020

TX Group mit Millionen-Verlust – Sparrunde bei Tamedia

Das Medienhaus präsentiert einen Halbjahresverlust von 109 Millionen Franken. Hart betroffen von den Werberückgängen sind 20 Minuten und Goldbach. Während CEO Pietro Supino TX Markets als «Lichtblick» bezeichnet, muss Tamedia innert drei Jahren 70 Millionen sparen.
Die TX Group hat im ersten Halbjahr im Zuge der Coronakrise einen grossen Verlust eingefahren. Trotz Bekenntnis von Verwaltungsratspräsident Pietro Supino zum Kerngeschäft Journalismus muss Tamedia in den kommenden drei Jahren 70 Millionen Franken einsparen. Dutzende Stellen sollen wegfallen.

Der rückläufige Umsatz sowie starke Goodwill-Wertberichtungen haben im ersten Halbjahr 2020 zu einem Verlust von rund 109 Millionen Franken geführt, wie die TX Group am Dienstag mitteilte. Der Umsatz des grössten privaten Schweizer Medienhauses sank um knapp 18 Prozent auf noch rund 431 Millionen Franken. Im Vorjahr hatten unter dem Strich noch knapp 54 Millionen Franken Gewinn resultiert.

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«Nach einem guten Start der neu aufgestellten TX Group ins Jahr 2020 wurden die Monate ab März in besonderem Masse von der Corona-Krise überschattet», sagte Verwaltungsratspräsident und Verleger Pietro Supino an einer Telefonkonferenz. Die Nutzung habe zwar Rekordwerte erreicht, die Werbung sei jedoch eingebrochen.

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20 Minuten muss über die Bücher

Besonders stark habe die Krise 20 Minuten getroffen (-43,5 Prozent Umsatz), da die Gratiszeitung von der Werbung abhängig sei. Obwohl die digitale Nutzung auf ein Rekordhoch gestiegen sei, müsse das Unternehmen über die Bücher.

Zweites grosses Coronaopfer unter dem Konzerndach war im ersten Halbjahr der Werbevermarkter Goldbach. Dort sank der Umsatz um knapp 22 Prozent, was zu einem betrieblichen Verlust führte. Seit Juni habe sich der Markt indes beruhigt, und für das zweite Halbjahr wird mit einer deutlichen Belebung gerechnet, hiess es in einer Mitteilung.

Nicht nur die publizistischen und werbeorientierten Geschäftsbereiche mussten Einbussen hinnehmen. Auch TX Markets mit den grossen Rubrikenplattformen und Marktplätzen wie Jobcloud, Homegate oder Ricardo verlor knapp 7 Prozent an Umsatz und weist eine deutlich geringere Rentabilität als gewohnt aus.

Gegensteuer mit Sparmassnahmen

Die Gruppe gibt im stark betroffenen Bereich Bezahlzeitungen nun mit einem umfassenden Kostensenkungsprogramm Gegensteuer. Um für die Zukunft eine nachhaltige Geschäftsbasis zu schaffen, will das Tamedia-Management in den nächsten drei Jahren 70 Millionen an Kosten einsparen.

Die dafür nötigen Massnahmen beim nach wie vor umsatzstärksten Segment der TX Group sollen in den nächsten Monaten mit den betroffenen Bereichen und unter Einbezug der Sozialpartner erarbeitet werden.

Laut Angaben der Co-Geschäftsführung von Tamedia an einer weiteren Telefonkonferenz sollen mehrere Dutzend journalistische Stellen wegfallen. Erste Umsetzungen seien ab Herbst geplant.

Ob und wie sich das auf den Medienplatz Bern auswirkt, ist noch offen. Dort sind die beiden Tageszeitungen Der Bund und Berner Zeitung am Markt. Bei Sparübungen tauchte in der Vergangenheit immer wieder die Frage auf, ob es auf dem Medienplatz Bern zwei konkurrierende Blätter aus demselben Verlagshaus braucht. Darüber könne er noch keine Auskunft geben, sagte Boselli. «Es ist unsere Ambition, beide Titel im Markt zu halten», sagte Boselli. Mit einer intelligenten Blattstruktur könnten beide Blätter genügend differenziert bleiben. Er glaube aber auch, dass es noch Potenzial gebe in der Zusammenarbeit. Dies sei eines von diversen Projekten

«Kerngeschäft und Herzensangelegenheit»

Supino betonte indes an der Telefonkonferenz: «Der Journalismus ist und bleibt unser Kerngeschäft und eine Herzensangelegenheit.» Der Konzern werde das Portfolio an digitalen Plattformen weiter ausbauen. Allerdings, so die Tamedia-Co-Geschäftsführer Marco Boselli und Andreas Schaffner, sei man jetzt an einem Punkt, an dem man den Journalismus «wirklich neu erfinden muss».

Die journalistische Leistung bei Tamedia hat sich laut Supino hervorragend entwickelt. Der Journalismus müsse auch weiterhin in den Regionen verankert bleiben, aber mit noch mehr Fokus auf die Leserschaft. Oder in den Worten von Boselli: «Wir müssen uns als Dienstleister am User verstehen.»

Zudem könne eine gute Geschichte aus einer Region auch eine gute Mantelgeschichte sein: «Das machen wir noch viel zu wenig.» Gewisse Dinge würden heute noch drei- oder viermal gemacht. Es brauche eine noch engere Zusammenarbeit der regionalen Titel.

Auf die Frage, weshalb die TX Group nicht die politische Diskussion um eine Medienförderung abwarte und erst dann allenfalls zum Sparhammer greife, sagte Supino, ein Unternehmen solle seine Strategie nicht von der Politik abhängig machen. Die allfällige Förderung ändere nichts an den strukturellen Herausforderungen von Tamedia.

«Katastrophale Sparmassnahmen»

Alarmiert über die neusten Nachrichten aus dem Zürcher Medienhaus zeigten sich die Gewerkschaften. Der Journalistenverband Impressum bezeichnete die beschlossenen Sparmassnahmen in einer Mitteilung als «katastrophal». Er forderte das Management auf, auf Entlassungen zu verzichten und den temporären Ausfall auf der Ertragsseite mit den umfangreichen Reserven zu überbrücken.

Zusammen mit der Mediengewerkschaft Syndicom verlangte Impressum eine sozialverträgliche Umsetzung des einschneidenden Sparprogramms. Beide Organisationen begrüssten die Bereitschaft des Unternehmens, die Sozialpartner und das Personal für die Ausgestaltung der Strategie mit einzubeziehen. (sda/awp/wid)



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