18.10.2005

SwissregioTV

Amateurfilmer-Plattform oder ernsthaftes TV-Projekt?

Das Fernsehen im Internet ist immer noch weit davon entfernt, sich zu einem Massenmedium zu entwickeln. Angesichts verwackelter Bilder und schlechter Übertragungsraten fand IPTV lange Zeit kaum Publikum. Unbesehen davon will FDP-Nationalrat und Unternehmer Peter Weigelt mit dem Ostschweizer SwissregioTV bis im Sommer 2006 schweizweit auf Sendung gehen. Für ihn könnte die Schweiz in Sachen Internet-TV gar ein Testmarkt für Europa werden. Das Interview:
SwissregioTV: Amateurfilmer-Plattform oder ernsthaftes TV-Projekt?

Herr Weigelt, was ist SwissregioTV: Eine Plattform für Hobbyfilmer, ein Marketing-Vehikel für Swissregio-Bank oder ein ernsthaftes TV-Projekt mit redaktionellen Inhalten?

Ein sehr ernsthaftes TV-Projekt, welches die Eintrittshürden in den Markt der Bewegtenbilder drastisch senkt und damit auch regionalen und kommunalen Interessenten öffnet. Es ist aber richtig, dass bei neuen Formen der Internet-Kommunikation das bisherige Bild der "allwissenden Redaktion" keinen Platz mehr hat, denn die Interaktion lässt ganz neue Formen der Kommunikation zu. In diesem Sinne ist auch der Begriff TV allenfalls missverständlich, da wir uns weder an der SRG noch an regionalen Veranstaltern des linearen TV messen. Unser Thema ist IPTV als eigenständiges Konzept einer interaktiven und offenen Kommunikationsplattform.

Inwiefern unterscheiden sich die Inhalte von SwissregioTV von einem herkömmlichen Regionalsender?

Wir stehen nicht im Konkurrenzkampf mit Tageszeitungen oder Regionalradios, da wir nicht auf Tagesaktualität ausgerichtet sind. In diesem Sinne sind unsere Inhalte weder mit TV- noch mit Radio- und schon gar nicht mit Zeitungs-Inhalten zu vergleichen. Da wir weder zeitliche noch konzessionsbedingte Einschränkungen haben, setzen wir unser Konzept völlig anders auf, auch was die Form der Werbung und der Promotion anbetrifft.

Bisher senden Sie nur aus St.Gallen und dem Apenzell. Wann werden auch die grossen Agglomerationen an Ihr Sendegebiet angeschlossen?

Wir haben bis jetzt die Regionen Stadt St.Gallen, Fürstenland, Toggenburg und Appenzellerland angepackt. Da regionaler Content immer auch regionale Verwurzelung der Macher voraussetzt, ist es logisch, dass wir in der Ostschweiz gestartet sind. Gegenwärtig laufen Verhandlungen mit potenziellen Franchising-Partnern in den grösseren Agglomerationen. Bevor die Verträge aber bereinigt sind, wollen wir uns weder über Namen noch Termine äussern.

Sie versprechen, mit SwissregioTV schon in den kommenden sechs Monaten schwarze Zahlen schreiben zu können. Wie soll das gehen, wo doch in der Schweiz weniger als ein Prozent der Werbeausgaben in das Medium Internet fliessen?

Wir versprechen gar nichts, sondern haben lediglich darauf hingewiesen, dass wir innert Jahresfrist gemäss Businessplan schwarz werden wollen. Zu ihrer konkreten Frage: Die Kosten für ein IPTV liegen, wenn es konsequent umgesetzt wird, wesentlich tiefer als traditionelle TV-Produktionen. In diesem Sinne sind ganz andere Deckungsbeiträge kalkulierbar. Zudem bietet uns die Möglichkeit, ausserhalb der RTVG- und Konzessions-Bestimmungen der übrigen Veranstalter zu agieren, zusätzliches Potenzial. Schliesslich sind die Inhalte, die auf unserer Plattform präsentiert werden, per Medialink auch auf zahlreiche weitere Pages verlinkt, was zusätzlichen Traffic und damit zusätzliche Erträge bringt. Wir haben aber nicht vor, hier unser Ertragsmodell offenzulegen, da dieses mindestens so innovativ ist wie die Technologie selbst.

Internet-TV konnte sich bisher kaum durchsetzen, zu schlecht ist die Übertragungsqualität, zu kompliziert die Handhabung mit dem Computer. Wieso wählten Sie trotzdem das Internet als Medium?

Internet heisst permanente Entwicklung, nicht nur auf der technischen Seite, sondern auch im Angebotsbereich. Wir wollen diese Chancen aktiv nutzen. www.internettv.ch bieten wir seit mehr als einem Jahr im Netz an. Obwohl dafür, weil als Pilot gedacht, keine Werbung gemacht wurde, werden heute über 120'000 Videos pro Monat abgerufen. Eine eindrückliche Zahl, die wir 2006 kommerzialisieren werden. Mit zunehmender Bandbreite sowie optimierter Streaming-Technologie wird die Qualität rasch weiter steigen und der Preis noch weiter fallen. Ich bin überzeugt, dass das Internet den Kommunikationskanal der Zukunft darstellt und deshalb offensiv in diese Richtung agiert werden muss. Die zunehmende Konvergenz zu anderen Diensten öffnet zahlreiche zusätzliche Märkte.

Weichen Sie nicht auch ins Internet aus, weil die Politik die Lancierung eines nationalen Privatfernsehens kaum zulässt?

Es ist, zumindest für mich, eine Grundmotivation, Medienarbeit ohne staatliche Oberlehrer oder Gebühren und Subventionen zu gestalten. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Schweiz auf Grund ihrer hohen Breitbandpenetration, ihrer Vielsprachigkeit und ihrer technologischen Affinität beste Voraussetzungen hat, im IPTV-Markt zu einem für Europa exemplarischen Testmarkt zu werden. Was Luxemburg in den 60-er Jahren im Bereich der elektronischen Medien geschafft hat, könnten wir auch im IP-Bereich schaffen. Doch dafür braucht es keine staatliche Medienordnung und gesetzliche Bevormundung, sondern Unternehmergeist, Innovationskraft und Zukunftsglaube. Wir wollen dazu einen Beitrag leisten.

Mit SwissregioTV treten Sie auch gegen das Internet-Angebot der SRG an, das in den kommenden Monaten stark ausgebaut werden soll. Ärgert Sie das?

Nein, denn ich habe Peter Schellenberg immer vorgeworfen, dass er keine Online-Strategie habe. Wenn seine Nachfolgerin das jetzt ernsthaft anpackt, macht das Sinn. Die Frage die sich stellt, ist einzig, inwieweit dafür Gebührengelder eingesetzt werden. Letzteres wäre nicht sachgerecht und müsste unterbunden werden. Wenn die SRG aber aus eigener Kraft ihren Inhalt einer Zweit- oder gar Drittnutzung zuführt, ist dies sinnvoll. Für mich viel wichtiger aber ist, Behörden, Unternehmen und Konsumenten weiter für die Online-Kommunikation zu sensibilisieren. Und dazu müsste eigentlich auch eine aktive SRG beitragen. Das war bisher aber nicht der Fall. Ich bin jedoch nach wie vor der Meinung, dass gebührenfinanzierter Content allen zugänglich gemacht werden müsste, also die SRG ihre Archive für Dritte zu öffnen hat.

Sie sind ein grosser SRG-Kritiker. Wollen Sie mit ihrem TV-Projekt dereinst das SRG-Monopol knacken?

Ich kritisiere nicht primär die SRG als Organisation, sondern ihren Status in der schweizerischen Medienordnung. Die Zeit eines "halbstaatlichen" Veranstalters, der in einem geschützten Inlandmarkt operiert, ist endgültig vorbei. Wenn wir eigenständige schweizerische Medienleistungen im digitalen Zeitalter erhalten oder gar neu schaffen wollen, dann ist weder Besitzstandswahrung à la neues RTVG noch die Ausrichtung auf die staatliche Futterkrippe (Splitting) gefragt, sondern offensives, zukunftsorientiertes Handeln. In diesem Sinne lohnt es sich nicht mehr, am SRG-Monopol zu pickeln. Es macht viel mehr Sinn, den neuen Freiraum der Online-Kommunikation zu nutzen und ohne die Zwangsjacke der Konzession zu gestalten. Mit unserem Projekt messen wir uns weder an der SRG noch an privaten Anbietern, wir setzen auf eine ganz andere Form der Kommunikation. In diesem Sinne ist das Thema SRG für uns weder existent noch relevant.


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