09.03.2015

Frauenquote

«Auch wenn die Frauen es nicht gerne hören: Res Strehle hat Recht»

«Frauen können – und wollen»: In einem offenen Brief an Tagi-Chefredaktor Res Strehle und die Schweizer Verleger fordern über hundert Journalistinnen und Journalisten aus verschiedenen Medienhäusern mehr weibliche Führungspersonen. Man habe genug von Ausreden und Versprechungen. Verena Vonarburg, Direktorin des Verbands Schweizer Medien, antwortet den Unterzeichnenden im persoenlich.com-Interview, übt Kritik am eigenen Geschlecht und gibt Res Strehle Rückendeckung.
Frauenquote: «Auch wenn die Frauen es nicht gerne hören: Res Strehle hat Recht»

Frau Vonarburg, über hundert Journalistinnen und Journalisten haben einen offenen Brief mit der Forderung nach mehr Frauen in den Führungsetagen der Schweizer Medienhäuser unterzeichnet. Unterstützen Sie das Schreiben?
Mehr Frauen auf der Führungsebene, dagegen kann hoffentlich niemand im Ernst etwas haben. Es gibt hervorragende Journalistinnen, aber zu wenig Chefinnen. Dass es nach wie vor nicht mehr Frauen sind, hat auch mit den Frauen zu tun, nicht nur mit den Männern.

Wie meinen Sie das?
Etliche Frauen haben nun mal andere Prioritäten. Kinder zum Beispiel. Ich wollte früher auch lieber mehr mit unseren Töchtern zusammen sein, als in einem Chefbüro zu sitzen. Das Reservoir an Frauen bleibt kleiner.

Was antworten Sie fordernden Journalistinnen im Namen des Verbands der Schweizer Medien?
Drängt euch auf als Chefinnen, und zwar weil ihr besser oder genauso gut seid – und nicht weil es einfach mehr Frauen braucht! Und sucht euch nicht die weichen Ressorts aus, sondern geht in die Domänen Politik oder Wirtschaft. Von dort kommen in der Regel die Chefs. Die Medienhäuser sind sich der Herausforderung durchaus bewusst und suchen speziell auch nach Frauen.

Die Redaktionen und Verlagshäuser haben ein Frauen-Problem, steht in dem Brief. Sehen Sie dies auch so?
Ich war jahrzehntelang als Journalistin unterwegs. Von einem Frauenproblem habe ich persönlich nichts gespürt. Aber natürlich: Es wäre sehr schön und wichtig, gäbe es mehr Journalistinnen in Führungspositionen. Das hat Einfluss auf die Stimmung und Arbeitsweise in Teams und auf die Inhalte. Wiederholt habe ich es erlebt, dass Frauen gar nicht in die Hierarchie aufsteigen wollten. Ja, wir setzen andere Prioritäten, aber ich übe auch deutliche Kritik an meinem Geschlecht: Wir sind manchmal zu bequem. Sich exponieren, mehr Verantwortung übernehmen, Kritik aushalten, das ist anstrengend.

Tagi-Chefredaktor Res Strehle sagt im persoenlich.com-Interview, Frauen fehle es in erster Linie an Erfahrung. Stimmen Sie dem zu?
Auch wenn die Frauen es nicht gerne hören, Res Strehle hat Recht: Es ist mitunter schwierig, geeignete Frauen zu finden.

Über hundert Journalistinnen und Journalisten, die den offenen Brief unterzeichnet haben, sind anderer Meinung. Was übersehen sie?
Wir müssten konkrete Beispiele auf dem Tisch haben, die zeigen würden, dass Frauen sich beworben haben, aber zu Unrecht nicht berücksichtigt worden sind.

Die Stauffacher-Deklaration zielt auf einen Frauenanteil von 30 Prozent bis 2016. Braucht es solche Papiere?
Nein, ich reagiere allergisch auf Quotenpapiere. Solche Vorgaben sind einfach nicht gut, und zwar für niemanden.

Frauenförderung hat laut Strehle eine Kehrseite - nämlich Männerdiskriminierung. Teilen Sie seine Meinung?
Das Schlimmste ist, eine Frau an einer Stelle zu verheizen, und es geht auch nicht an, besser qualifizierte Männer zu übergehen. Ich kenne solche Beispiele. Solche Frauen haben es verdammt schwer. Das hilft niemandem.

Interview: Michèle Widmer//Bild: Keystone


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KOMMENTARE

Ernst Jacob
10.03.2015 21:51 Uhr
Frau Vonarburg, meine Hochachtung für Ihre Offenheit. Sowas nenne ich sachliche Argumentation, schade nur, dass es so wenige Frauen gibt, die sich so etwas trauen. Männer dürfen es ja nicht, sonst werden sie kollektiv zertreten.
Milo Baechtold
10.03.2015 13:48 Uhr
Verena Vonarburg war eine gute und gerne gelesene Journalistin beim TA. Warum sie wohl dieses zunehmend zweifelhafte Arbeitsumfeld verlassen hat?
Peter Hody
10.03.2015 10:26 Uhr
Das Problem liegt wohl darin, dass keine erfahrene Journalistin mehr Lust hat auf so ein Arbeitsumfeld, sei es bei Tamedia, Ringier oder sonst einem Verlag, der seit Jahren versucht, ein neues Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen. Unter solchen Umständen leidet die Unternehmenskultur geschweige denn eine Förderkultur. Da sind alle nur mit sich selbst beschäftigt. Männer fühlen sich in so einem Klima eher herausgefordert. Frauen sind wohl smarter und sagen sich, nein danke.
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