Das Jungfrau Victoria ist Hanspeter Lebruments Terrain. An jenem Ort, an welchem der streitbare Südostschweiz-Verleger vor zwei Jahren ins höchste Verbandsamt gewählt wurde, hielt der Bündner auch dieses Jahr die traditionelle Brandrede, welche den vielversprechenden Titel "Titanic Presse auf dem Weg zum Eisberg" trug. Lebrument beklagte dabei den markanten Rückgang staatlicher Subventionen, wobei er vor allem die Post im Visier hatte. Deren Verbilligungen in den letzten 13 Jahren ist von 270 auf 80 Millionen Franken gesunken. Trotzdem glaubt Lebrument, dass die gedruckte Presse auch in Zukunft gegenüber Radio, Fernsehen und auch Internet ihre Leaderposition halten werde.
Auch Bundesrat Merz wurde im anschliessenden Referat seiner Rolle als Finanzminister gerecht. Er dankte den anwesenden Verleger für die stattlichen Millionenbeiträge, die sie alljährlich den Steuerbehörden ablieferten. Trotzdem war bei Merz ein tiefer Frust spürbar: der vor bald zwei Jahren in den Bundesrat gewählte Appenzeller wollte zwar über die Medien ausdrücklich nicht jammern, liess aber seinen Unwillen über die Kritik an seiner Amtsführung und derjenigen des Bundesrates durchblicken:"Wert und Preis der Medien messen sich letztlich auch an ihrer Glaubwürdigkeit". Als besonders abschreckendes Beispiel nannte er die Schlagzeile "Merz will EU-Beitrittsgesuch zurückziehen", die auf einer Zuspitzung beruhe und von vielen Medien trotz Dementi übernommen worden sei.
Ein besonderes Highlight bildete neben den Referaten von Spiegel-Autor Jürgen Leinemann, der das Suchtverhalten der deutschen Politikerkaste analysierte, und den gewohnt kämpferischen Tönen der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer auch Michael Ringiers Rede. Ringiers Verhältnis zum Verband der Schweizer Presse war nicht immer spannungsfrei: so blieb er dem Branchenanlass oftmals fern und die ihm vor einigen Jahren nachgesagten Ambitionen auf das höchste Verbandsamt konkretisierten sich auch nicht weiter.
Ringier überraschte das zahlreiche erschienene Publikum mit der Ankündigung einer eigenen Ringier-Gratiszeitung, womit er sofort den Untertitel "Verleger ohne Gratiszeitung" negierte. Nach einer Kunstpause verriet er aber, dass dieses Projekt nicht in der Schweiz, sondern in Prag, dem "einträglichsten Markt", gestartet werde.
Die ganze Feststimmung konnte jedoch nicht über die Schwierigkeiten der Branche hinwegtäuschen. Charles von Graffenried, VR-Präsident der Berner Espace-Media Group, sieht kein Licht am Ende des Tunnels. Durch die Konkurrenzierung des Internets und anderer Medien würden die Ertragsquellen der Printmedien in den nächsten Jahren weiter schrumpfen, so Graffenried. In die selbe Richtung ging auch Peter Rothenbühlers Beobachtung. Der Chefredaktor von Le Matin stellte eine markante Verlagerung der traditionellen Werbebudgets in den PR-Bereich fest.
Begehrtester Mann der ganzen Veranstaltung war Norbert Neininger, Verwaltungsratspräsident der Schaffhauser Nachrichten und Vorstandsmitglied des Verbandes Schweizer Presse. Verschiedentlich wurde er in launigen Gesprächen zusammen mit den Vertretern der NZZ-Gruppe und der Tamedia gesehen. Der Grund: nach dem Verkauf der Thurgauer Zeitung an die Tamedia sind die Schaffhauser Nachrichten vom mächtigen Zürcher Nachbarn buchstäblich eingekesselt, Neiniger plädiert aber -- wie zuletzt auch auf "persoenlich.com" --, weiterhin auf die Unabhängigkeit seiner Zeitung. An der Verlegertagung waren die Expansionsbestrebungen der Zürcher Verleger aber offiziell kein Thema.
(Text: Matthias Ackeret)
Eine Fotostrecke über die Verlegertagung in Interlaken von Alberto Venzago wird auch dieses Jahr in der Oktober-Ausgabe von "persönlich rot" abgebildet.

