Nachdem im vergangenen Jahr Fälle sexueller Belästigung beim Westschweizer Radio und Fernsehen RTS publik wurden, geriet der ehemalige RTS-Direktor und heutige SRG-Generaldirektor Gilles Marchand in Bedrängnis. Nun bestätigt SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina in einem Interview mit der Schweiz am Wochenende, dass mit dem Generaldirektor über dessen mögliche Abberufung gesprochen worden sei: «Der Verwaltungsrat hat mit Gilles Marchand in Erwartung der Genfer Untersuchungsergebnisse verschiedene Szenarien erörtert. Das gehört zu einer professionellen Führung. Als die Resultate vorlagen, war klar, dass die persönliche Integrität des Generaldirektors nicht in Frage gestellt ist.» Deshalb sei eine Absetzung nicht in Betracht gekommen.
Wegbrechende Werbeeinnahmen, Abgänge von Aushängeschildern und vieles mehr: Auch sonst hat die SRG mit Problemen zu kämpfen. Dass sie deshalb in einer Krise stecke, bestreitet Cina jedoch gegenüber CH Media: «Wir erleben eine Phase der Transformation, des Umbaus. Dazu kommt ein Sparprogramm und das in Zeiten der Pandemie. Wir wollen die Unternehmenskultur verbessern. Das ist anstrengend und anspruchsvoll.» Auch könne dies zu Unzufriedenheit und Unsicherheiten führen.
«Keine Alternative zur digitalen Transformation»
Weiter betont der SRG-Präsident, dass es «keine Alternative zur digitalen Transformation» gebe. Zwar würden 80 Prozent ihrer Inhalte immer noch linear genutzt, doch das Nutzungsverhalten habe sich schnell verändert, worauf die SRG reagieren müsse. «Wir gehen davon aus, dass die Hälfte des Angebots in fünf Jahren digital konsumiert wird», sagt Cina in der Schweiz am Wochenende.
Diese mit Gebührengeldern unterstützte Digitaloffensive wird von den privaten Medien seit geraumer Zeit kritisiert. Dazu sagt Cina im Zeitungsinterview: «Wir erstellen audiovisuelle Inhalte, das ist unser Kernauftrag. Ich sehe nicht ein, wieso wir sie nicht auf neuen Kanälen und Plattformen verbreiten sollen.»
Diesen Sommer wurde bekannt, dass die SVP eine Initiative gegen die SRG plant. Eine mögliche Stossrichtung wäre eine Senkung der jährlichen Radio- und Fernsehgebühren für Privathaushalte von heute 335 auf 200 Franken (persoenlich.com berichtete). Darauf angesprochen wird Cina gegenüber der Schweiz am Wochenende deutlich: «Eine Halbierung der Abgabe würde zu einem Kahlschlag führen: Die audiovisuelle Branche in der Schweiz würde leiden, die Kultur, die Medienvielfalt. Das Angebot für die sprachlichen Minderheiten müsste stark reduziert werden.» (tim)
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28.11.2021 08:38 Uhr

