11.11.2009

"Content ist nichts wert in einer Welt, die nur aus Content besteht"

Die Digitalisierung der Medien stellt die Verlage vor grosse Herausforderungen. Ist Paid Content das Business-Modell, das die Medienhäuser vor dem Untergang retten wird? Die Diskussion um Bezahlinhalte hält die Branche auf Trab. Am Mittwoch lud Publicitas web2com zum Round Table. Die führenden Köpfe der Schweizer Medienbranche versammelten sich an der Baslerstrasse, um gemeinsam die Chancen und Risiken der Monetarisierung von Onlineinhalten zu diskutieren. Schnell wird klar: Die Schweizer Opinionleader stehen dem Modell des Medienmoguls Rupert Murdoch skeptisch gegenüber. Der Bericht:
"Content ist nichts wert in einer Welt, die nur aus Content besteht"

Während Medienmogul Rupert Murdoch stramm in Richtung Bezahlmodell marschiert, sind die Referenten der Publicitas web2com-Veranstaltung zum Thema "Monetarisierung von Onlineangeboten: Paid Content – Businessmodell der Zukunft?" skeptisch. Der Tenor ist klar: Content allein reicht nicht. Dies unter anderem die Meinung von Prof. Dr. Gisela Schmalz. Obwohl sie aufgrund der neuesten Bitcom-Studie ein Interesse an Paid Content feststellt, ist sie überzeugt, dass die Nutzer offensichtliche Vorteile, wie zum Beispiel Aktualität/Echtzeit oder einen einfachen Zugang zur Information, erkennen müssen, damit sie bereit sind, für Inhalte zu bezahlen.

"Zudem braucht es eine Neudefinition von Verlag", sagte Schmalz vor der versammelten Branche. Verlage müssen Plattformen werden. Und zwar möglichst schnell. Dazu gehöre das Einbauen von User-generated Content, Multimedialität, Verlinkung, Crowd Sourcing, Qualitätskontrolle sowie neue Targetingtools im Bereich der Werbung. Verlage sollen experimentieren und alles ausprobieren, plädiert die Professorin. Eine Variante sieht sie auch in Mix-Geschäftsmodellen, bei denen ein sogenannter Basis-Content gratis und ein Premium-Content kostenpflichtig sei.

Deutlichere Worte verwendet der Zukunftsforscher und Verleger Joachim Graf: "Content ist nichts mehr wert in einer Welt, die nur aus Content besteht". Paid Content basiere auf einem Denkfehler. Verlage können den herannahenden Tsunami nur überleben, wenn sie radikal andere Businessmodelle erfinden, sagt Graf weiter. Kostenpflichtig könne unter anderem ein besonderer Service wie zum Beispiel Aktienkurse in Echtzeit sein. Ebenfalls würden User für sogenannte Top-Marken bezahlen. Der Inhalt stellt dabei ein Must-have dar.

Auch Kurt W. Zimmermann ist nicht mit Rupert Murdoch einverstanden: "Für das, was wir bis jetzt gratis zur Verfügung gestellt haben, können wir nicht plötzlich Geld verlangen". Vielmehr müsse das, was bis jetzt kostenlos ist angereichert und neu verpackt werden. "Man muss aus Inhalten Produkte machen". Paid Content im Sinne von Rupert Murdoch funktioniere allenfalls bei Nischenprodukten. Als Beispiele nennt er das "Wall Street Journal" als High-End-Produkt oder die "Sun" als Low-End-Produkt.

Für die Printbranche sieht Zimmermann jedoch nicht ganz so schwarz wie seine Vorredner. Verlage mit einer gewissen Marktdominanz seien nicht sofort auf Online-Einnahmen angewiesen, denn die substanziellen Erträge werden noch immer mit den Printprodukten erwirtschaftet. Dies werde auch in näherer Zukunft so bleiben, denn der Internetmarkt sei noch nicht gesettelt.

Als letzter ergriff Wolfgang Kunz, Leiter Siterelations Publicitas web2com, das Wort. Murdoch hat auch ihn nicht überzeugt, denn "News-Inhalte sind austauschbar und wertlos". Inhalte erhalten seiner Meinung nach jedoch unter anderem einen Wert durch praktische Verfügbarkeit oder reellen Zusatznutzen wie dies bei Special-Interest-Formaten der Fall sei. Nötig sei eine Interaktion zwischen Verleger, Nutzer und Werbekunden. Lösungsansätze sieht er unter anderem in einem Sponsoring-Modell, bei dem nicht der User sondern eben ein Sponsor für einen bestimmten Inhalt bezahlt.

(Text: Corinne Bauer)

Wolfgang Kunz, Prof. Dr. Gisela Schmalz und Moderator Matthias Ackeret.

Kurt W. Zimmermann.

Wolfgang Kunz, Prof. Dr. Gisela Schmalz, Matthias Ackeret, Kurt W. Zimmermann und Joachim Graf.


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