Herr Schawinski, wie gross ist die Freude bei Radio 1?
Wir fühlen uns bestätigt, dass unser journalistischer Qualitäts-Ansatz die private Radiolandschaft der Schweiz bereichert.
Sie waren sich bis am Donnerstagabend nicht sicher, wie das Gericht entscheiden wird. Warum? Die Faktenlage sprach doch für Radio 1.
Das Bundesgericht in Lausanne wird oft scherzhaft als "Lotterie Romande" bezeichnet. Bis man den Entscheid eines solchen Gerichts in Händen hat, kann man nie sicher sein, auch wenn die Fakten noch so eindeutig sind.
Hatten Sie in den letzten Monaten Zweifel an Ihrem Radio-Konzept?
Unser Konzept war von Beginn weg klar und wurde -- wie bei jedem neuen Medienprodukt -- in den letzten Monaten etwas verfeinert. Sobald man den Markt richtig kennt, weiss man, wie man sich positionieren muss, um sich von der bestehenden Konkurrenz klar abzuheben. Das tun wir nun in optimaler Weise.
Wie begründete das Bundesverwaltungsgericht den Entscheid? Können Sie uns hier Details verraten?
Unsere Argumentation und diejenige des Bakom wurde in allen wichtigen Punkten bestätigt. Insbesondere wurde unsere journalistische Leistung und unsere Unabhängigkeit gewürdigt.
Können Sie nachvollziehen, warum sich der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts so in die Länge zog?
So lange dauerte dies gar nicht. Das Verfahren wurde durch die verschiedenen Stufen von Duplik und Replik erschwert. Energy hat in diesem Prozess mit sehr ausführlichen Eingaben und teuren Gutachten wirklich alles versucht und allein für Anwaltskosten gegen 500 000 Franken eingesetzt.
Sie sprachen im Radio von einem "beispielslosen Prozess in der Radiogeschichte". Können Sie dies näher erläutern?
Das Verfahren dauerte von der Konzessionsausschreibung bis heute beinahe zwei Jahre. Das ist für alle Beteiligten unerträglich. Das nächste Mal muss das Ganze schneller und einfacher über die Bühne gehen.
Der ganze Prozess, von der Eingabe bis zum Entscheid, dauerte rund zwei Jahre. Was kostete dieser Sie finanziell?
Sehr viel, zu viel. Ich möchte gar nicht nachrechnen...
Im Vorfeld waren Sie und Ringier oft in den Schlagzeilen. Was denken Sie, inwiefern beeinflusste das Energy-Werbemailing und die Ringier-Sticheleien gegen Ihre Person die Entscheidung?
Ich gehe davon aus, dass der Entscheid des Gerichts zu jenem Zeitpunkt schon gefallen war. Das Urteil umfasst gegen 70 Seiten. Um so etwas definitiv abzufassen, braucht es einige Wochen. Ich empfand diesen perfiden Angriff als den Versuch eines ungezogenen Geschäftsführers, der ganz zum Schluss noch verbrannte Erde hinterlassen wollte. Ich verstehe seinen Frust, denn er ist durch sein Fehlverhalten an diesem Ausgang des Verfahrens wohl der Hauptverantwortliche. Aber dies entschuldigt seine Verunglimpfungen von Radio 1 und meiner Person in keiner Weise.
Sie haben zehn Energy-Mitarbeiter wegen unlauteren Wettbewerbs angezeigt. Ziehen Sie jetzt die Anzeige zurück? Den Sender gibt es Ende Jahr nicht mehr.
Ich habe mich im Vorfeld auch auf höchster Ebene von Ringier intensiv darum bemüht, dass man sich für diese unsägliche Sache entschuldigt. Mehr wollte ich nicht. Dies hat man kalt lächelnd abgelehnt und erklärt, dass man einer gerichtlichen Auseinandersetzung gelassen entgegen sehe. Der Ball liegt also ganz klar bei Ringier.
Der Ringier-Konzern lancierte über alle Kanäle Pro-Energy-Kampagnen. War der Konzessions-Kampf des Ringier-Senders von Beginn an chancenlos?
Einmal war das Konzessionsgesuch schludrig abgefasst. Anderseits hat sich Energy anders als wir nicht auch für die zweite, kleinere Konzession beworben. Das war arrogant und zugleich ein grosser taktischer Fehler. Hätten sie sich anders verhalten, könnten sie im gleichen Gebiet wie heute weiter senden. Zu einem Grossteil haben sie sich also ihre Niederlage selbst zuzuschreiben. Leid tut es mir für die betroffenen Mitarbeiter. Sie verlieren ihre Jobs, die verantwortlichen Chefs werden ihre behalten.
Der Staat entzieht Energy Zürich die Existenzgrundlage. Gibt es eine Lösung für den Sender?
Ja, die nächste Revision des Radio- und Fernsehgesetzes sollte eine Neuverteilung der Radiofrequenzen vorsehen. Die SRG hat mit insgesamt fünf Ketten pro Region weiterhin das sprachnationale Monopol. Die Privaten erhalten bloss die Brosamen. So wollte es das Parlament. Das sollte man ändern. In Deutschland haben die Privaten und Öffentlich-Rechtlichen vielerorts gleiche Sendebedingungen. Dies fehlt in der Schweiz. Da aber auch die Sender der SRG eine langjährige Konzession haben, kann dies erst in etwa zehn Jahren umgesetzt werden. Kurzfristige Änderungen sind deshalb nicht möglich.
Wie realistisch ist es, dass das UKW-Monopol der SRG abgeschafft wird?
Ich hoffe, dass dieser Entscheid die notwendige Diskussion vorantreibt. Als ich für bessere Bedingungen für ein sprachnationales Fernsehen kämpfte, war ich völlig allein.
Nun können Sie den Ausbau Ihres Radios vorantreiben. Was ist in Planung?
In wenigen Wochen werden wir auf 93.6 - eine unserer heutigen Frequenzen - ab Üetliberg senden können. Damit vergrössern wir unser Sendegebiet mit einem Schlag um den Faktor 3. Der weitere Ausbau erfolgt zusammen mit den anderen Zürcher Sendern im Verlauf des nächsten Jahres.
Stellen Sie neue Leute ein?
Wir waren sehr lange blockiert. Ab heute beginnt die Langfristplanung. Die Konzession haben wir endlich auf sicher, der technische Ausbau erfolgt, doch die Wirtschafts- und Medienkrise dauert für uns wie für alle anderen weiter an.
(Interview: Christian Lüscher)

